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Kalifornien: Immer für eine Überraschung gut

Kalifornien: Immer für eine Überraschung gut

Trends gehören in Kalifornien zum Tagesgeschäft. Nicht selten breiten sie sich weltweit aus. Ein bisschen gilt das auch für den Wein. Üppige Tropfen im Stil Robert Parkers gaben in den neunziger Jahren den Ton an. Heute stehen nachhaltige Weine im Fokus, viele aus Rebsorten, die nicht jeder auf dem Schirm hat.
Die Eckdaten von Kalifornien klingen ein bisschen wie der Wunschzettel eines Önologen. Es gibt reichlich Sonnenstunden und kaum Regen zur Unzeit. Selten wird es zu heiß und zu kalt schon gar nicht. Die günstigen Bedingungen herrschen über rund 1000 Kilometer von Oregon im Norden bis zur mexikanischen Grenze. Kein Wunder, dass Kalifornien auf seinen 221.000 Hektar rund 90 Prozent des amerikanischen Weins erzeugt.
Foto:Weinberge in Kalifornien

Weinberge in Kalifornien

Fast alle Weingärten liegen in Tälern zwischen zwei Bergzügen in Nord-Süd-Richtung und sind mehr oder weniger vom Pazifik beeinflusst. Die Bodenformationen sind sehr unterschiedlich, einige der besten Weine wachsen auf einer Mischung aus maritimem Kalk und Lava. Obwohl Gebiete wie die schnell wachsende Central Coast, Sacramento- und San Joaquin Valley die größten Flächen haben, sind kleine Unter-Appellationen wie Sonoma an der North Coast die bekanntesten Namen. Hier leben viele Winzerfamilien seit Generationen. Der Pazifik ist um die Ecke, deshalb gedeihen in den kühleren Höhenlagen Chardonnay und Pinot noir prächtig.
Landschaftlich und wirtschaftlich ist das Napa Valley ein Sahnestückchen. Die über 350 Weingüter variieren von kleinen Bauernhöfen bis zu den berühmten Architektenbauten. Ihre Besitzer bauten ihre Güter buchstäblich aus dem Nichts auf, wurden lange belächelt und sagen der Welt jetzt: „Ich hab’s euch allen gezeigt.“ Für viele prägen sie das Bild von Kalifornien.
Wein aus Kalifornien

Wein aus Kalifornien

Dabei war der kalifornische Weinbau außerhalb der USA noch vor einigen Jahrzehnten praktisch unbekannt. Das änderte sich an einem einzigen Tag. 1976 veranstaltete der englische Kritiker Steven Spurrier eine Blindverkostung amerikanischer und französischer Spitzenweine in Paris. Dabei landeten die Kalifornier auf den besten Plätzen und eine Reihe einflussreicher französischer Kritiker hatte sich ordentlich blamiert. Nichts war mehr wie vorher. Nach der Probe, im angelsächsischen Raum gern als „Richterspruch von Paris“ bezeichnet, war Kalifornien weltweit im Geschäft. Die Anbaufläche stieg von 10.000 auf 140.000 Hektar. Hunderte neuer Weingüter entstanden und nutzten modernste Kellertechnik, was derzeit in Europa alles andere als selbstverständlich war.
Golden Gate Bridge San Francisco. Source: Matthias Stelzig
Summer in Napa Valley.  Source: Matthias Stelzig
Vineyards in California. Source: Matthias Stelzig
Mountains near Wente Vineyards. Source: Matthias Stelzig
Tasting room are a part of many Vineyards. Source: Matthias Stelzig
Cellar Ridge Vineyards. Source: Matthias Stelzig
Cellar Schug Winery.  Source: Matthias Stelzig
Californian cuisine. Source: Matthias Stelzig
 Buffet. Source: Matthias Stelzig

Reichlich Rebsorten

Ebensowenig behängten sich die Kalifornier mit engen Vorschriften, wie sie in Europa oft üblich sind. Das Herkunftssystem der American Viticultural Areas (AVA) von 1983 bezieht sich vor allem auf die Geografie, weshalb die Winzer es schnell annahmen. 120 AVAs waren es letztes Jahr, und bis heute entstehen neue. Die Trauben müssen zu mindestens 85 Prozent aus dem Gebiet kommen. In der Anbau- und Kellertechnik, insbesondere in der Wahl der Rebsorten lässt der Gesetzgeber den Winzern freie Hand. Rebsortenweine, bis dahin in den meisten europäischen Ländern ebenso rar gesät, wurden zum Leitbild der neuen Weinkultur.
Christine Hill, Wente Vineyards - Quelle: Matthias Stelzig
So wächst in Kalifornien eine breite Auswahl europäischer und amerikanischer Sorten, darunter auch einige amerikanische Kreuzungen wie Jumbo, Diamond oder Supernong. Den Markt bestimmen aber – nicht zuletzt durch die Rivalität mit Frankreich – französische Reben. Chardonnay, dessen erste Stöcke der gebürtige Westfale Ernest Wente 1912 aus Montpellier mitbrachte, ist eine der wichtigsten Sorten. „Die meisten amerikanischen Pflanzen stammen bis heute von dem Klon ab“, sagt Christine Hill, Winzertochter in 5. Generation (Tochter vom Weingut Wente). Die Burgundersorte brachte es im warm-trockenen Kalifornien zu einigen großartigen Ergebnissen, bis sich der Stil zur Jahrtausendwende sehr deutlich Richtung Holzausbau wandelte.
Somit verdankt die Weinwelt Kalifornien auch den „Anything-But-Chardonnay“-Trend, dem sich Weintrinker anschlossen, die von den fetten Weißweinen gelangweilt waren. Heutige Versionen sind meist balancierter. In Kalifornien wächst trotzdem noch immer mehr Chardonnay als in Frankreich oder sonstwo in der Welt. Mit Cabernet Sauvignon und Merlot misst man sich vor allem an Bordeaux. Beide Sorten finden ideale Bedingungen in den etwas wärmeren Lagen.
Christine Hill, Wente Vineyards - Quelle: Matthias Stelzig
Was deutsche Einwanderer so mitbringen. Quelle: Matthias Stelzig
Kalifornisches Detai. Quelle: Matthias Stelzig
Chris Schug, Schug Winery. Quelle: Matthias Stelzig
Fässer aus Deutschland, Schug Winery. Quelle: Matthias Stelzig
Grgich Hills Estate. Quelle: Matthias Stelzig
Black Stallion. Quelle: Matthias Stelzig
David G. Deboer, Inhaber Black Stallion. Quelle: Matthias Stelzig
Black Stallion-Fass. Photo: Matthias Stelzig
Black Stallion-Pool. Quelle: Matthias Stelzig
Hardy Wallace, Dusty and Rowdy Winery. Quelle: Matthias Stelzig

Alte Rebe - neu Welt

Syrah, der etwas stagniert, und Pinot noir decken ein weiteres Segment der französischen Spitzensorten ab. Bis vor einiger Zeit wurden die Pinots im kalifornischen Weinstil sehr reif geerntet und stark extrahiert. Heraus kamen muskulöse Weine, deren Charakteristik mit der Bourgogne kaum vergleichbar war. Ein glänzendes Gegenbeispiel ist etwa Schug Winery in Sonoma mit ihren filigranen Spätburgundern.
Black Stallion. Quelle: Matthias Stelzig
Die Sorte Zinfandel ist genetisch mit dem süditalienischen Primitivo identisch, stammt aber ursprünglich aus Kroatien. Er landete der gängigen Lehrmeinung nach über Ungarn und eine Namensverwechslung an der amerikanischen Westküste. „In Wirklichkeit ist Primitivo ein Klon von Zinfandel“, weiß dagegen Carol Shelton, Winzerin aus Sonoma. „Und billiger Primitivo wurde später als Zinfandel in Nordeuropa verkauft. Das hat sein Image ruiniert“, pflichtet David G. Deboer bei, Vizepräsident von Delicato Vineyards. Ein bisschen Rivalität liegt bei transatlantischen Fragen immer in der Luft. Vor allem wenn es um Zinfandel geht, der in Kalifornien die Rolle der autochthonen Sorte einnimmt.

Das Näschen fürs Marketing

Neben Ehrgeiz kann man den Kaliforniern ein besonderes Gespür für Marketing nicht absprechen. Nur einige Beispiele:
  • Wer an der überlebensgroßen Pferdestatue vor der Black Stallion Winery vorbei geht, ahnt schon, dass es hier um mehr als Ab-Hof-Verkauf geht. Im Haus stehen Poker- und Billardtische, man kann Kutschfahrten über den Silverado Trail buchen. Den Wein genießt man am Swimming-Pool und lässt sich dazu Snacks aus der Showküche reichen. Die kalifornische Küche zählt zu den experimentierfreudigsten der Welt.

  • Wente in Livermore unterhält neben seinen Weingärten einen der besten Golfplätze nördlich von San Francisco. Regelmäßig finden auf dem Familienweingut Live Acts in der Größenordnung von Sheryl Crow und Earth, Wind & Fire statt.

  • Auf Inglenook in Geyserville versucht man gar nicht erst, als Weingut aufzutreten. Der Gebäudekomplex im viktorianischen Stil mit Spitztürmchen und Gauben gehört dem Regisseur Francis Ford Coppola („Apocalypse Now“) und ist ganz bewusst Erlebnis-Parks wie dem Kopenhagener Tivoli nachempfunden.

  • Starke Persönlichkeiten sind ein weiteres Aushängeschild der Branche. Joseph Gallo herrscht über die größte Weinfirma der Welt, verarbeitet jährlich Trauben in der Größenordnung von einer Million Tonnen und produziert mehr als manches ganze Land. Als Robert Parker die 100-Punkte-Skala des amerikanischen Schulsystems auf den Wein anwandte, machte er die Bewertung populär wie nie zuvor. Auch wenn das Ergebnis nicht jedem passt.

  • Robert Mondavi schuf – zusammen mit Philippine de Rothschild – den Opus One, einen Icon-Wein, der auf der ganzen Welt bekannt ist. Auch Weine wie Francis Ford Coppolas „Rubicon“ setzten Maßstäbe in Sachen Bordeaux-Cuvées.

  • Die Branche spiegelt sich, wie so oft in der amerikanischen Gesellschaft, in Hollywood-Produktionen. Nicht nur Regisseure kaufen Weingüter. Die Winzer-Saga „Falcon Crest“ war eine der beliebtesten Soap Operas der achtziger Jahre. Die preisgekrönte Komödie „Sideways“ machte die Rebsorten Merlot und Pinot noir bekannter als je zuvor. Eine US-Senatorin nannte Robert Mondavi mal den „Paten des amerikanischen Weins“.
Weinberg gegen Erosion begrünt. Quelle: Matthias Stelzig

Nachhaltigkeit und soziale Ethik

Kalifornien ist seit jeher auch im Massenmarkt engagiert. Zu oft gehen so große Produktionen mit wenig umweltfreundlichen Praktiken wie hohem Chemieeinsatz und Wasserverbrauch einher. Noch dazu hat Kalifornien nach einer jahrelangen Dürre enorme Probleme mit dem sinkenden Grundwasserspiegel. Dennoch hat die Weinindustrie eines der fortschrittlichsten Nachhaltigkeits-Konzepte für den Weinbau, penibel erarbeitet in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen. Neben Wasser- und Ressourcen-Management ist die soziale Balance darin ein Hauptthema. Ein Drittel der Betriebe ist zertifiziert. Darunter big player wie Fetzer, die hunderte mexikanische Landarbeiter beschäftigen. Als im August in Napa die Erde bebte, kamen die meisten wineries mit dem Schrecken davon. Binnen Tagen legte die Branche einen Hilfsfond von zehn Millionen Dollar für Erdbebenopfer aus allen Bereichen auf.

Letztes Jahr stieg der Gesamtumsatz der Branche um drei Prozent in der Menge und fünf Prozent im Wert auf 17,6 Milliarden Euro. Der amerikanische Inlandsmarkt wächst seit 21 Jahren in Folge, 3,9 Milliarden Flaschen wurden im letzten Jahr getrunken. Damit sind die USA der größte Weinmarkt der Welt. Über die Hälfte davon bedient Kalifornien. Bei den Europa-Exporten gelang letztes Jahr ein Sprung von 31 Prozent. Dazu passt, dass Kalifornien seine Präsenz auf der ProWein seit Jahren kontinuierlich gesteigert hat. Auch auf der kommenden ProWein wird sich die Ausstellungsfläche noch einmal vergrößern.
Organischer Garten. Quelle: Matthias Stelzig
Uralte Rebe mit Begrünung gegen Erosion. Quelle: Matthias Stelzig
Uralte Reben sind Kaliforniens große Schätze. Quelle: Matthias Stelzig
Uralte Rebe mit Begrünung gegen Erosion. Quelle: Matthias Stelzig
Problematisch für die Umwelt: Tröpfchenbewässerung.  Quelle: Matthias Stelzig
Nicht nur wirtschaftlich gesehen brauchte das Land lange, um die Folgen der Prohibition zu verarbeiten. Bis heute ist Wein kein selbstverständlicher Teil der Alltagskultur, wie sie in Europa gelebt wird. Wein, der in vielen Staaten als Droge behandelt wird, darf praktisch nirgendwo in der Öffentlichkeit gezeigt, geschweige denn getrunken werden. Alkoholkonsum unter 21 Jahren ist illegal. Für jüngere Weinbau-Studenten musste der kalifornische Gouverneur Jerry Brown kürzlich erst ein Gesetz ändern, damit sie die eigenen Weine auch verkosten können. Runterschlucken bleibt allerdings verboten.

Demagogische Phrasen wie „the devil alcohol“ werden bis heute gedroschen, und sogar anachronistische Anti-Saloon-Leagues findet man vereinzelt. Verwaltungsangelegenheiten werden im ATF, dem Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe abgewickelt, eine Bundespolizeibehörde, die dem Justizministerium unterstellt ist und regelmäßig mit dem FBI zusammen arbeitet. In vielen Staaten sind Verkaufskanäle wie zum Beispiel Versandhandel verschlossen.
Uralte Rebe. Quelle: Matthias Stelzig

Auf Erfolgskurs trotz Gegenwind

Mit seiner Dynamik setzt Kalifornien immer wieder Trends. Der Moscato-Boom aus der Hip-Hop-Szene war einer davon und half neue Kunden unter dreißig zu gewinnen. Rapper wie Kanye West und Lil’ Kim begeisterten tausende Fans für die imagemäßig etwas angestaubte Bukettsorte. Auch Malbec läuft derzeit gut und süße Rotweine.

In der Statistik der Neuanpflanzungen tauchen Grüner Veltliner, Tempranillo und Touriga nacional auf. Zurzeit etablieren sich immer mehr kleine Produzenten, die sich seltenen Sorten wie Marsanne, Nebbiolo oder Roussanne zuwenden. „Weinberge mit alten Reben gibt es genug“, erzählt Hardy Wallace, der einige hochkomplexe Mourvèdres auf einer angemieteten Fabrikhallenfläche vinifiziert. Wie viele Winzer sucht er Weinberge mit altem Rebbestand und kauft die Trauben an. Die Phase, in der viele Kalifornier vor allem französische Weine kopieren wollten, scheint vorbei. Dafür treten Balance und Finesse in den Vordergrund. Alles in allem ist Kalifornien bestens aufgestellt. Auch wenn manchmal die Erde bebt.

Matthias Stelzig

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