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Große Weine aus einem kleinen Land

Große Weine aus einem kleinen Land

Das neue EU-Mitglied Kroatien verfügt über ein eigenständiges Rebsortenspektrum – und sehr ausgeprägte Winzerpersönlichkeiten

Dass wegen des neuen Mitgliedes Kroatien das EU-Weinfass überlaufen wird, braucht niemand zu befürchten: Mit einer Gesamtproduktion von 1,4 Millionen Hektoliter (2012) und gerade einmal 39.000 Hektolitern Export gehört das 4,3- Millionen-Einwohner-Land zu den kleineren Weinproduzenten Europas. Aber: In den vergangenen zehn Jahren hat auch dort – gestützt auf große Investitionen in Weinberge und moderne Kellertechnologie – eine echte Qualitätsrevolution statt gefunden.
Winzer wie Andro Tomić, Vlado Krauthaker, Zlatan Plenković, Ivan Enjingi, Ivica Matošević, Velimir Korak, Gianfranco Kozlović oder Giorgio Clai haben bei internationalen Wettbewerben viele Preise abgeräumt und so der Welt gezeigt, über welches Potenzial der kroatische Weinbau verfügt. Auch auf der ProWein in Düsseldorf pilgern Händler, Sommeliers und Gastronomen auf der Suche nach neuen, authentischen Tropfen jenseits des Mainstreams seit einiger Zeit gerne an den Gemeinschaftsstand Kroatiens.
Weinberg auf der Insel Brac. Quelle: Thomas Brandl

Weinberg auf der Insel Brac.

Verlässliche Daten zum Weinland Kroatien zu bekommen ist nicht ganz einfach. Das Landwirtschaftsministerium gibt die Gesamtrebfläche mit 21.255 Hektar an (2013), das Nationale Statistikbüro geht von 32.485 Hektar aus; darin sind allerdings die vielen kleinen Privatweingärten enthalten, die vorwiegend der Hausweinerzeugung dienen. 83 Prozent der Winzer besitzen nicht mehr als einen Hektar. Über 240 Rebsorten werden angebaut. Bei den Weinfarben dominiert Weiß ganz klar mit 65 Prozent vor Rot mit 34 Prozent und Rosé mit nur einem Prozent. Zwar legen die Kroaten einen respektablen Pro-Kopf-Verbrauch von 28 Litern im Jahr vor - doch ein nicht unerheblicher Teil der Weinproduktion dürfte durch die Kehlen durstiger Touristen rinnen, die jeden Sommer zu Millionen die langgestreckte Küstenlinie Kroatiens und seiner Inseln bevölkern.
Die populärste Rebsorte mit mehr als 22 Prozent Gesamtanteil ist übrigens die Graševina (Welschriesling), gefolgt von Plavac Mali, Malvazija Istarska, Plavina, Debit, Riesling, Chardonnay, Merlot, Trbljan, Babić und Frankovka. Wie andere Balkanstaaten auch hat sich Kroatien einen großen Schatz autochthoner Rebsorten erhalten – mit ihnen wollen die ambitionierten Winzer künftig verstärkt auch international punkten.
Giorgio und Vesna Clai. Quelle: Thomas Brandl

Giorgio und Vesna Clai

Unter den vier Weinregionen Slawonien & Donau, Mittelkroatien, Dalmatien und Istrien & Kvarner ist letztere vielleicht jene mit der größten Dynamik in jüngster Zeit. Am besten illustriert dies die Geschichte von Giorgio Clai. Zwölf Jahre ist es her, dass der gebürtige Istrier sein Restaurant „La Pergola“ im italienischen Trieste aufgegeben hat, um in seinem Heimatdorf Krasica den Neustart als Winzer zu versuchen.

Was Giorgio heute je nach Jahr auf 20.000 bis 25.000 Flaschen zieht, ist schon „bastanza specifico“, also ziemlich speziell, wie der 56jährige im istrisch-venezianischen Dialekt erklärt. Der Autodidakt macht so ziemlich alles genau so, wie man es in der Weinbauschule nicht lernt: Im Rebgarten arbeitet er biodynamisch unter strenger Beachtung der Mondphasen, seine sechs Rebsorten auf sieben Hektar Land pflegt er von Hand, alle Trauben vergären spontan, selbst die weißen lässt Clai manchmal monatelang mit den Schalen im Holzfass mazerieren.

Was dabei herauskommt, mitunter zum eigenen Erstaunen des Winzers, sind sehr ausdrucksstrake „Orange Wines“. Der „Sveti Jakov“ zum Beispiel, reinsortig aus der autochthonen Malvazija Istarska gewonnen, duftet intensiv nach Agrumenschale, Aprikose, kandierten Früchten und Karamell, spürbare Tannine erobern den Gaumen mit Macht. Das salzig-mineralische Finish bleibt endlos haften. Clais „Ottocento“, ein Verschnitt aus Malvazija, Chardonnay, Sauvignon Blanc und Pinot Gris kommt eckig-kantig, mit Mandel- und Walnußaromen, polyphenoler Struktur und großer Lebendigkeit auf der Zunge daher.

Verschmitzt lächelnd sitzt der Autodidakt dann auf der Bank im Schatten vor dem Haus, Gattin Vesna an der Seite, nimmt einen kräftigen Schluck „Sveti Jakov“ und genießt den weiten Blick über Weinberge, Olivenhaine, Obstgärten und Kalksteindörfer hinunter ans Meer bei Novigrad. Wie steht an Giorgios Hauswand zu lesen? - „Gottseidank bin ich in Istrien geboren!“

Auf der Halbinsel, die von 1815 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zum Habsburger-Reich gehörte, setzt man seit einigen Jahren auf Qualitätstourismus mit dem Anspruch, eine der großen Genießerdestinationen Europas mit Meereszugang zu werden. Immer mehr Feinschmecker entdecken das reizvolle Hinterland der Küste mit Künstlerdörfern wie Grožnjan oder Zavrsja, dem Städtchen Motovun, dem Trüffelzentrum Livade oder Momjan und Buje. Im Nordwesten Istriens hat sich ein „kulinarisches Dreieck“ entwickelt, zu dem auch die Konoba Stari Podrum („Alter Keller“) gehört, in dem die Chefin Mira Zrnić in der Küche großzügig Trüffeln aus dem Tal über die hausgemachten „Fuži“-Nudeln hobelt. Dazu gibt’s luftgetrockneten Schinken („Pršut“), Rührei mit wildem Spargel und frische Pilze vom Rost, von den charmanten Töchtern Ingrid Franceschini und Marinka Zrnić mit viel Herzlichkeit serviert.
Gianfranco Kozlović. Quelle: Thomas Brandl

Gianfranco Kozlović.

Wenige hundert Meter weiter zeugt der eindrucksvolle Kellereibau Gianfranco Kozlovićs von Istriens Aufbruch in ein neues Zeitalter. Der 47jährige Önologe zaubert aus der früher als einfach verschrieenen Malavazija-Traube mit Hilfe modernster Kühltechnik und schonender Verarbeitung mineralisch-frische Weißweine, die perfekt zu den Fischen und Meeresfrüchten von der Küste passen. Die Top-Tropfen aus der Einzellage Santa Lucia, teilweise im Akazienholzfass ausgebaut, gehen zwar nicht unbedingt als Leichtweine durch – aber begeistern trotz mehr als 14 Volumenprozent Alkohol mit ausgeprägtem Kräuterduft, Aromen von voll reifen Melonen und Ananas, getrockneten Feigen und sehr komplexer Struktur.

Gianfranco Kozlović, eher der Typ stiller Tüftler als ein großer Selbstdarsteller, hat es auch geschafft, die wilde, ungebärdige rote Teran-Rebe zu zähmen. Im Verschnitt mit Merlot und Cabernet Sauvignon wird die tanninstarke Traube deutlich zugänglicher und weicher, ohne die typische, tiefdunkle Beerenfrucht zu verlieren. Auf 25 Hektar Fläche baut Kozlović seine charaktervollen Kreszenzen an, fast in Sichtweite zur slowenischen Grenze.

Auf dem eisenhaltigen „Terra Rossa“- Boden im Süden von Istrien gedeihen gehaltvolle Rote. Das erst 2009 gegründete Weingut des Önologen Bruno Trapan in Šišan wartet neben seinem Teran „Terra Mare“ mit einem enorm würzigen Syrah namens „Shuluq“ auf, der 2011 den Titel „Best of Croatia“ gewann. Bei Meneghetti in Bale hat man sich auf die Produktion von nur drei Spitzenweinen aus internationalen Rebsorten und die Erzeugung hochwertigster Olivenöle spezialisiert.

Die Halbinsel Istrien hält noch eine Menge weiterer Geschichten vom Aufbruch in die Neuzeit auf Lager. Die von Mladen Rožanić zum Beispiel, der nach seinen Lehr- und Wanderjahren an der Rhone ab 2005 im heimischen Kosinožić ein Musterweingut aus dem Boden stampfte, das ausschließlich nach den Methoden der Vorväter arbeitet und heute mit ebenso eindrucksvollen Weinen wie ungewöhnlichen Etiketten mit dem altvenezianischen Familiennamen Roxanich auffällt.

Oder die der Kellerei Kabola in Momjan, wo die junge Önologin Maja Vižintin mit der lokalen Muskat-Traube ebenso gekonnt umzugehen weiß wie mit den acht jeweils 2.000 Liter fassenden Qvevri-Amphoren aus Georgien, in denen sie einen Malvazija ausbaut, den der US-amerikanische Weinpapst Robert Parker schon mit 90 Punkten bewertet hat.
Dingac Weinberg. Quelle: Thomas Brandl
Kabola-Önologin Maja Vizintin. Quelle: Thomas Brandl
Vlado Krauthaker. Quelle: Thomas Brandl
Holzfasskeller im Weingut Krauthaker. Quelle: Thomas Brandl
Giorgio + Vesna Clai. Quelle: Thomas Brandl
Ivan Enjingi im Weinkeller. Quelle: Thomas Brandl
Ivan Enjingis Kultwein Venje. Quelle: Thomas Brandl
Mike Grgic. Quelle: Thomas Brandl
Plavac Mali von Mike Grgic. Quelle: Thomas Brandl
Mira Zrnic. Quelle: Thomas Brandl
Weingut Kozlovic. Quelle: Thomas Brandl
Kozlovic-Etiketten. Quelle: Thomas Brandl
Moderne Etikettenkunst bei Roxanich. Quelle: Thomas Brandl
Önothek in Istrien. Quelle: Thomas Brandl
Reben-Amphitheater von Plesivica in Mittelkroatien. Quelle: Thomas Brandl
Weinberg auf der Insel Brac. Quelle: Thomas Brandl
Weinberg auf der Insel Hvar. Quelle: Thomas Brandl
Weinland Kroatien. Quelle: Thomas Brandl
Anders als Istrien und die benachbarte Kvarner Bucht mit ihrer autochthonen Sorte Zlahtina liegen Mittelkroatien und Slawonien abseits der Touristenwege, ihre Weine sind deshalb weit weniger bekannt. Dabei wachsen vor allem um das Städtchen Kutjevo herum weiße Spitzentropfen, die sich im 19. Jahrhundert bei den Habsburgern und an den europäischen Fürstenhöfen großer Beliebtheit erfreuten.
Ivan Enjingi im Weinkeller. Quelle: Thomas Brandl

Ivan Enjingi im Weinkeller

Ivan Enjingi kommt das Verdienst zu, Ende der 1980er Jahre den privaten Weinbau in dieser abgelegenen Ecke wieder belebt zu haben. Als der britische „Decanter“ 2004 Enjingis „Venje“-Cuvee (sie besteht in der Regel aus Riesling, Traminer, Grauburgunder, Welschriesling und Sauvignon Blanc) weltweit auf Platz 1 unter den weißen Blends unter zehn Pfund setzte, nahm das interessierte Fachpublikum erstmals Notiz von der Weinregion unweit der Donau. Zahlreiche internationale Auszeichnungen folgten.

Auch Vlado Krauthaker, Nachfahre donauschwäbischer Auswanderer, gehört zu den großen Winzerpersönlichkeiten, die das kleine Weinland Kroatien hervor gebracht hat. Mit einem Hektar Fläche fing der Agrarwissenschaftler 1993 an – heute bewirtschaftet er rund 30 Hektar und verarbeitet die Trauben von weiteren 55 Hektar. Krauthakers Graševina / Welschriesling aus der Einzellage Mitrovac ist vielleicht der beste des ganzen Landes, aber auch der autochthone Zelenac Kutjevo und die Beeren- und Trockenbeerenauslesen des Tüftlers sind gesuchte Weine.

Kroatien verfügt freilich nicht nur über eine ganze Reihe von Winzer-Originalen, sondern mit seinem Plavac Mali („Kleiner Blauer“) auch über eine charakterstarke rote Sorte, die unter anderem Namen die Welt erobert hat. Die Crljenak Kastelanski gilt als Stammvater nicht nur des Plavac Mali, sondern auch des süditalienischen Primitivo und des kalifornischen Zinfandel. Egal wo sie angebaut wird: Die Rebe liebt die Hitze, karge, mineralische Böden – und ergibt vollmundige Weine mit reicher Struktur und meist hohem Alkoholgehalt. Ihre Heimat ist das sonnenverwöhnte Dalmatien, und es heißt, ein Plavac Mali der Spitzenklasse sei genau wie das Land dort: heiß, temperamentvoll, luxuriös, herb, ein wenig rustikal und ganz einzigartig…

Wer einmal die steilen Karsthänge auf der Halbinsel Pelješac und die dortigen Spitzenlagen Dingač und Postup an einem heißen Sommertag besucht hat, verneigt sich in Respekt vor den Winzern, die aus diesem Meer an Steinen glutvolle Kreszenzen heraus holen, die man so schnell nicht vergisst. Um die Traubenlese auf dem unzugänglichen Steilhang zu erleichtern, wurde vor über 30 Jahren sogar ein 380 Meter langer Tunnel durch den Berg gebrochen.

Auch auf den Inseln Hvar, Brač, Vis und Korčula heißt der Star der lokalen Produktion Plavac Mali, wenngleich der weiße Pošip sowie die Sorten Grk und Vugava stets für Überraschungen gut sind. Der Prošek ist ein spezieller dalmatinischer Dessertwein, der aus getrockneten Trauben hergestellt wird. Winzer Andro Tomić, der nach 20 Jahren der beruflichen Weiterbildung in Frankreich und anderswo 1997 auf seiner Heimatinsel Hvar das Weingut Bastijana Tomić gründete, produziert mehrere Sorten Prošek – sein Hauptaugenmerk liegt freilich auf Plavac Mali. Der Rotweinanteil bei Bastijana Tomić beträgt etwa 70 Prozent.
Mike Grgic. Quelle: Thomas Brandl

Mike Grgic

So wie Andro Tomić nach seinen Lehr- und Wanderjahren in die alte Heimat zurück gekehrt ist, hat es auch einen anderen Großen der kroatischen Weinszene am Ende zurück zu den Wurzeln gezogen: Miljenko (Mike) Grgić flüchtete 1954 aus dem damals kommunistischen Jugoslawien in die USA, war Chefönologe von Robert Mondavi und Chateau Montelena im Napa Valley, bevor er sein eigenes Weingut Grgich Hills in Kalifornien gründete – und Mitte der neunziger Jahre in Trstenik unweit von Dubrovnik noch einmal neu anfing. Der Beitrag des amerikanischen Kroaten zur Qualitätsrevolution in seiner alten Heimat ist sehr hoch einzuschätzen.

Wie tief verwurzelt die Weinkultur bei den Kroaten ist, versteht man aber erst dann recht, wenn man sich die lange Reihe erfolgreicher Weinmacher aus dem kleinen Land anschaut, die dereinst in die große Welt hinaus gezogen sind, um fern der Heimat ihre Fachkenntnisse anzuwenden und weiter zu entwickeln: Neben Mike Grgić wäre hier in erster Linie Guillermo Lukšić zu nennen, der es als Besitzer der Weingüter San Pedro, Tarapacá, Altaïr und Tabalí in Chile zum Multimilliardär brachte, außerdem Peter und Joe Babich (Babich Wines / Neuseeland), Marko Zaninovich (Rutherford Ranch / USA), Frank Yukich (Montana / Neuseeland) Michael Brajkovich (Kumeu River / Neuseeland), Nick, Steve und Mark Nobilo (House of Nobilo/ Neuseeland), Jorge Matetic (Chile) oder Mike Dobrovic (Südafrika). Die Entwicklung in der Heimat ihrer Vorfahren verfolgen die ausgewanderten Kroaten übrigens mit großem Interesse. Und in jüngster Zeit mit zunehmendem Respekt.

- Thomas Brandl -

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