Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: Internationale Fachmesse Weine und Spirituosen. News. ProWein Magazin. Thema des Monats. Februar 2014: Die Reise zur Seele des Weines.

Die Reise zur Seele des Weines

Die Reise zur Seele des Weines

„Back to the roots“: Amphorenweine stellen eine ganz eigene Kategorie dar – und zählen neuerdings zum Unesco-Weltkulturerbe

 
 

Eine größere Koryphäe für den Weinausbau in traditionellen Amphoren, in Georgien Qvevri genannt, wird man nirgendwo finden auf der Welt: Giorgi Dakishvili ist studierter Önologe mit Doktortitel in seinem Lieblingsthema. „Der Wein aus der Amphore hat einfach mehr Seele“, sagt der kleine Mann, den seine Freunde nur Gogi nennen, „aber ihn zu machen ist eine große Herausforderung.“ Wird sie gemeistert, entstehen unvergessliche Kreszenzen, die eine ganz eigene Kategorie Wein darstellen: Tannin geprägte Tropfen ohne Reinzuchthefen und Enzyme, Filtration und Schwefel, mit dichter Polyphenolstruktur, orangener Farbe und Aromen von Gewürzen, feinen Kräutern, Trockenfrüchten und Mandeln. Sind Traubenmaterial und Kellerhygiene nicht erstklassig, kann das Ergebnis allerdings sehr schnell im Essigstich enden...

Was vor etwa 8.000 Jahren im Südkaukasus und im heutigen Ostanatolien seinen Ausgang nahm, feiert heute in Europa fröhliche Urständ. Immer mehr wagemutige Winzer zieht es „back to the roots“; manche experimentieren mit ein, zwei georgischen Qvevris oder spanischen Tinajas, andere haben gleich komplett umgestellt. Kein Zweifel: der Weinausbau in der Amphore stellt noch immer eine kleine Nische dar, aber das Interesse wächst.

 
 

Zerbrechliche Riesen

Namen wie Josko Gravner (Friaul), Elisabetta Foradori (Trentino), Marino Markezic (Istrien), Giusto Occhipinti (Sizilien), Jean Claude Lapalu (Beaujolais), Yves Canarelli (Korsika), Amédée Mathier (Wallis), Kabaj (Slowenien), José de Sousa (Alentejo), Bernhard Ott (Wagram / Niederösterreich) oder Peter Jakob Kühn (Rheingau) stehen für diesen Trend. Wobei die meisten von ihnen biologisch beziehungsweise biologisch-dynamisch arbeiten. Selbst über den Großen Teich ist die Welle bereits hinüber geschwappt. Im kalifornischen Dry Creek Valley produziert Rick Hutchinson in seiner „Amphora Winery“ schon seit 2006 sehr ungewöhnliche Tropfen aus Zinfandel und anderen Sorten.

Mit Sicherheit wird unter Weinfreaks, Sommeliers und an ganz besonders authentischen Tropfen interessierten Erzeugern derzeit mehr über Amphorenweine diskutiert, als dies ihrer wirtschaftlichen Bedeutung entspricht. Aber mehr und mehr ambitionierte Produzenten betrachten die Reise „back to the roots“, hin zur Seele des Weines, nicht bloß als interessante Spielerei. Es gibt Starwinzer wie Josko Gravner, der als Qvevri-Pionier schon zu Beginn des Jahrtausends seine ersten Erfahrungen gesammelt hat, heute nichts anderes mehr macht – und damit regelmäßig in der italienischen Weinbibel Gambero Rosso die begehrten „Tre bicchieri“ abräumt.

„Die Amphoren wirken auf den Wein wie ein Verstärker in der Musik“, sagt der Qualitätsfanatiker aus dem Friaul, „die guten Töne werden noch besser, schlechte hingegen schlechter“. Gravners Fazit der modernen Oenologie: Sie habe ihm geholfen zu verstehen, warum die Alten recht hatten – ansonsten sei sie für ihn heute nicht mehr von Belang. Nicht nur Josko Gravner durfte sich deshalb bestätigt fühlen, als der traditionelle Weinausbau im georgischen Qvevri als weltweit älteste Produktionsmethode am 4. Dezember 2013 von der Unesco als immaterielles Kulturgut anerkannt wurde.

 
 

Qvevri-Entleerung

Seit Jahrtausenden keltern die Georgier ihren „Ghvino“ nach alter Väter Sitte: Die in die Erde eingegrabenen, meist zwischen 1.000 und 1.500 Liter fassenden dünnwandigen Amphoren aus gebranntem Ton werden zu etwa drei Vierteln mit Maische und Most gefüllt – oft mit Stielen und Kämmen und ohne Unterschied zwischen Weiß- und Rotwein. Die Vergärung beginnt spontan, drei bis viermal täglich wird der Tresterhut untergerührt. Ist die Fermentation beendet, wird die Öffnung mit Holz oder einem Schieferstein bedeckt. Zwischen Qvevri-Rand und Deckel legt man die Blätter verschiedener Bäume und versiegelt die Öffnung mit feuchtem Ton, in den ein Rohr für das entweichende Kohlendioxid gesteckt wird.

Meist bis März ruht der Most so sich selbst überlassen und klärt sich auf natürliche Weise. Nach dem ersten Abstich kommt der Wein in der Regel für einige weitere Monate in eine andere Amphore; vor der nächsten Lese wird er dann zur Lagerung auf mehrere kleine Qvevri aufgeteilt und versiegelt, manchmal für viele Jahre – bis zur Hochzeit des Sohnes oder einem anderen wichtigen Anlass.

Nicht ganz einfach ist die Reinigung der innen meist mit einer dünnen Schicht Bienenwachs bestrichenen Amphoren: erlaubt sind nur warmes Wasser und eine Bürste mit antiseptisch wirkenden Kräutern zum Schrubben der Innenwände. Aber zuerst muss man in das enge Gefäß hineinkommen…

 
 

Mehr Informationen

Alle Themen