Wo Alte und Neue Welt sich treffen

Die Türkei bietet 9.000 Jahre Weinbau - und eine Vielzahl modern gemachter Tropfen aus autochthonen Rebsorten

Auch wenn es den Nachbarn in Armenien, Georgien und im Iran vermutlich nicht gefallen wird: Die Türkei ist wohl die älteste Weinbauregion der Welt – und schickt sich an, neu entdeckt zu werden. 9.000 Jahre nach den Anfängen von Vitis Vinifera im Osten Anatoliens sorgt das Land an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien seit einiger Zeit mit sehr spannenden Tropfen für Furore. Dank großer Investitionen in moderne Technik auf der einen Seite und einem riesigen Schatz autochthoner Rebsorten auf der anderen haben die türkischen Weine inzwischen (auch durch die Hilfe ausländischer Önologen) ein Qualitätsniveau erreicht, das noch vor wenigen Jahren undenkbar schien. Zwar mögen Sortennamen wie Öküzgözü, Kalecik Karasi oder Boğazkere wahre Zungenbrecher sein – aber klar ist: Aus der Türkei kommen heute einige der ungewöhnlichsten und interessantesten Kreszenzen der Welt.

Auf der ProWein 2013 war der Stand von „Wines of Turkey“ stets gut besucht. Eine Rekordzahl von 15 Gütern präsentierte sich auf 190 Quadratmetern Fläche, außerdem gab es an den ersten beiden Messetagen Master-Classes mit Caro Maurer MW, Hendrik Thoma MS und Markus Del Monego MW. An Lob aus berufenem Munde fehlt es nicht für die neuen türkischen Weine. Caro Maurer bescheinigt dem türkischen Wein „allerbeste Voraussetzungen für den Erfolg in der Zukunft“, weil er eine Geschichte habe, unverwechselbare authentische und charakterstarke Sorten, optimales Klima – „und vor allem engagierte weltoffene Winzer“. Besonders die weiße Narince und Boğazkere bei den Rotweinen haben die erste Deutsche mit dem Titel Master of Wine sehr beeindruckt.
Foto: Restaurant Mikla in Istanbul
Foto: Ernte bei Kayra
Photo: Weinbauer mit Kalecik Karasi-Trauben
Foto: Weinberge am Marmara-Meer
Foto: Weinberge Kappadokien
Foto: Weinberge Vinkara
Foto: Weinlese
Foto: Das Unternehmen Doluca wurde 1926 gegründet.
Foto: Nemrut Dagi
Foto: ProWein-Tasting mit Caro Maurer
Foto: Weinverkostung bei Urla
Foto: Winzer Seyit Karagözoglu
Foto: Serefe - zum Wohl!
Seit 9.000 Jahren werden im Osten Anatoliens Weintrauben angebaut. Mit 500.000 Hektar verfügt die Türkei über die fünftgrößte Rebfläche der Welt, aber nur etwa drei Prozent der Trauben werden zu Wein verarbeitet. Der weitaus größere Teil dient der Tafeltrauben- und Rosinenproduktion sowie der Safterzeugung. Der Weinkonsum liegt bei etwa einem Liter pro Kopf im Jahr. Nur vier Prozent der 75 Millionen Liter Wein gehen in den Export, 96 Prozent werden im Land getrunken – die Hälfte von den zahlreichen Touristen. Aber auch bei eher westlich orientierten Türkinnen und Türken steigt seit einigen Jahren das Interesse am Wein. In Großstädten wie Istanbul, Izmir oder Ankara gibt es moderne Weinbars und schicke Weinrestaurants wie das Mikla von Starkoch Mehmet Gürs samt spektakulärer Dachterrasse mit Blick über ganz Istanbul. Kayra unterhält in der Weltstadt am Bosporus seit 2008 sogar ein eigenes Wine Center, in dem man das WSET-Diplom erwerben kann.

Mehr und mehr türkische Unternehmer investieren in neue und alte Weingüter. 2008 wurde der Verband „Wines of Turkey“ gegründet. Sein Ziel: den neuen türkischen Qualitätsweinen internationale Anerkennung zu verschaffen und so die Exporte anzukurbeln. Dass dies gut funktioniert, zeigt die Tatsache, dass türkische Weine in jüngster Zeit mehr als 500 Medaillen bei internationalen Wettbewerben gewonnen haben. Bei den Londoner Wettbewerben Decanter Award, International Wine Challenge und International Wine & Spirit Competition zum Beispiel holten im vergangenen Jahr 78 Prozent der Weine aus der Türkei eine Medaille; auch bei Mundus Vini und dem Concours Mondial de Bruxelles schnitten sie hervorragend ab.
Foto: Feinarbeit am Sortiertisch
Zu entdecken gibt es viel im Land am Bosporus. Von Edirne ganz im Westen auf dem europäischen Zipfel der Türkei bis Diyarbakir im Südosten von Anatolien werden etwa 800 autochthone Rebsorten angebaut, 30 von ihnen sind für die Weinproduktion von Bedeutung. Neben den roten „Stars“ wie Öküzgözü („Ochsenauge“), Boğazkere, Kalecik Karasi und Çalkarasi finden auch die weißen Sorten Emir, Narince, Sultaniye und Bornova Misketi immer stärkere Beachtung. Ob als Solisten oder im Verschnitt mit Syrah, Merlot, Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Sauvignon Blanc: Die neue Generation der türkischen Weine glänzt mit eigenständigem Charakter und Geschmacksnuancen, die sie unverwechselbar machen.

Nach jahrelanger Forschungsarbeit auf beiden Seiten des Kaukasus waren sich der Schweizer Botaniker und Rebengenealoge Dr. José Vouillamoz und der Biomolekular-Archäologe Patrick McGovern 2011 einig: „Mit großer Wahrscheinlichkeit fand die Domestizierung von Wildreben durch den Menschen im Südosten Anatoliens statt, zwischen 6.000 und 8.000 vor Christus, möglicherweise auch noch früher.“ Nirgendwo sonst wiesen die DNA-Profile von Wildreben und Vitis vinifera eine solch große Ähnlichkeit auf. Nach Überzeugung der beiden Forscher hat die Weinrebe von Kleinasien aus ihren Siegeszug rings um das Mittelmeer angetreten.
Foto: Ernte bei Kayra
Heute kommen 40 Prozent der türkischen Weine aus dem milden Klima der Marmara-Region, Thrakiens und der Ägäis. Weitere Weinbauzonen gibt es in Zentralanatolien bei Ankara, in Kappadokien, bei Tokat im Norden Anatoliens, unweit des Schwarzen Meeres, in Mittelostanatolien bei Malatya und Elazig sowie in Südostanatolien bei Diyarbakir. Dort, im „Wilden Osten“, im rauen Bergklima mit karger Vegetation, heißen Tagen und kalten Nächten, ist die Boğazkere-Rebe zuhause. Ihr Name bedeutet „Rachenkratzer“, wegen des hohen Tanninanteiles wird sie meist mit milderen Sorten verschnitten. „Wie eine Kreuzung aus Nebbiolo und Tannat“, beschreibt sie der englische Journalist und Master of Wine Tim Atkins – und ist wie die Kollegin Caro Maurer vom herben, urwüchsigen Charme des anatolischen Gewächses begeistert.

Nach Jahrhunderten des Dämmerschlafes im osmanischen Reich (nur Christen durften in bescheidenem Umfang Trauben keltern) erlebte der Weinbau in der Türkei nach seiner Legalisierung durch Kemal Atatürk 1925 einen neuen Aufschwung. Der in Geisenheim ausgebildete Nihat Kutman gründete 1926 in Tekirdag im europäischen Teil des Riesenlandes sein Unternehmen Doluca, der Kollege Cenap And 1929 in Ankara Kavaklidere. Die beiden Betriebe sind bis heute die Größten der Türkei und gemeinsam mit Kayra, Sevilen, Yazgan und Pamukkale für 60 Prozent der gesamten Weinproduktion verantwortlich. Seit der Freigabe des staatlichen Tabak- und Alkoholmonopoles 2001 schießen freilich überall neue Wineries wie Pilze aus dem Boden. Etwa 150 sollen es inzwischen sein, darunter viele Boutique-Güter reicher Investoren und Quereinsteiger, die Top- Qualität anstreben. Größtes Hindernis für einen höheren Pro-Kopf-Konsum als nur ein Liter im Jahr sind die exorbitanten Alkoholsteuern in dem seit 2002 von der Islamistenpartei AKP regierten Land. Zudem gibt es neuerdings ein Werbeverbot – dessen Legitimität auf Antrag der politischen Opposition jetzt das Verfassungsgericht überprüft. Die junge türkische Weinindustrie hofft auf weise Richter…
Foto: Taner Ögütoglu
Die 2008 entstandene Vereinigung „Wines of Turkey“ (WOT) mit ihrem Direktor Taner Ögütoglu fährt beim Marketing eine Doppelstrategie: Sie will einerseits die Exporte steigern und türkischen Wein im Ausland als hochwertige Marke mit ganz eigenem Charakter positionieren – und auf der anderen Seite die Weinkultur in der Türkei fördern, um so auch dort den Absatz zu verbessern. „Wir waren einmal die Wiege und das Herz des Weinbaus auf der Welt“, sagt Ögütoglu, „heute können wir den Konsumenten Weine anbieten, die sie nirgendwo sonst finden“. Die beiden wichtigsten Exportmärkte sind Deutschland und Großbritannien. In „Almanya“ will WOT dafür sorgen, dass künftig mehr Wein nicht nur in den türkischen Geschäften, sondern auch im normalen Handel und in der Top-Gastronomie vermarktet wird. Die ProWein steht deshalb seit 2010 als Pflichttermin im Kalender, mit den auf der Messe in Düsseldorf generierten Neukontakten ist Taner Ögütoglu sehr zufrieden: „Die Qualität der internationalen Fachbesucher ist hoch, und die Messe wächst jedes Jahr weiter.“

31 Betriebe gehören „Wines of Turkey“ inzwischen an. Sie decken 99 Prozent der gesamt Qualitätsweinproduktion ab. Zu den Mitgliedern zählen für türkische Verhältnisse traditionsreiche Güter wie die 1962 gegründete Pamukkale Winery oder das 1958 in Tokat gegründete Unternehmen Diren Wines, aber auch viele Newcomer . Akin Ongor, der vor 13 Jahren in Akhisar in der Ägäis-Region mit dem Weinmachen begann, war davor CEO einer großen Bank gewesen, Selim Zafer Ellialti mit seinem 2009 gestarteten Premium-Weingut Suvla bei Çanakkale Chef von Microsoft Turkey. Mustafa Çamlica, Inhaber eines Istanbuler Wirtschaftsprüfungsunternehmens, belebte immerhin eine Generationen alte Familientradition wieder, als er sich 2007 entschloss, in Thrakien sein Weingut Chamlija aufzubauen. „Für guten Wein“, sagt der 51jährige, „würde ich fast alles tun“. Auch Can Ortabaş zählt zur Kategorie der positiv weinverrückten Quereinsteiger: Bevor er zu Anfang des Jahrtausends auf der Karaburun-Halbinsel bei Izmir die ersten Reben pflanzte, war er als erfolgreicher Unternehmer mit der Aufzucht und dem weltweiten Handel von Palmen und Olivenbäumen tätig. Zum äußerst modernen Weingut Urla, das sich komplett der Biodynamie verschrieben hat, gehört ein stylishes Boutiquehotel.

Auch das Weingut Sevilen mit seinen 160 Hektar Fläche in der Nähe von Izmir und in Zentralanatolien setzt auf den Tourismus. Das gutseigene Restaurant Isabey glänzt mit feiner französischer Küche und den dazu passenden Weinen aus eigener Produktion – natürlich von einem französischen Önologen kreiert: Florent Dumeau. Seyit Karagozoglu, Besitzer des Weingut Paşaeli, startete seine Karriere 1993 als Importeur, nachdem er Weinbauregionen in der ganzen Welt besucht hatte. Seit 2005 produziert er auch selbst. Die Zukunft des türkischen Weines sieht Karagozoglu in der Nische als Geheimtipp hoher Qualität. „Wir brauchen die Medien, Sommeliers und Top-Gastronomie in unseren wichtigsten Zielländern, wie Deutschland, Großbritannien, Holland, Skandinavien, den USA, Japan und später auch Russland, um bekannter zu werden. Unsere Weine sind einzigartig.“ Was den Binnenmarkt betrifft, setzt Karagozoglu auf die rasch wachsende Zahl vor allem jüngerer Türkinnen und Türken, die sich für Wein interessieren – und auf eine andere Alkohol-Steuerpolitik der Regierung: „In einer Demokratie sollte eigentlich jeder selbst entscheiden dürfen, wie er leben und was er trinken möchte.“

Thomas Brandl