Wein und Gesundheit – immer für eine Schlagzeile gut

Wein und Gesundheit gehört zu den großen Themen der Weinwelt. Obwohl die Diskussion überwiegend mit naturwissenschaftlichen Argumenten geführt wird, ist die Atmosphäre oft hoch emotional. Es gibt massenhaft Studien mit immer mehr Indikatoren. Aber ein eindeutiges Ergebnis ist weiter entfernt denn je. Dabei wäre auf auf manches Verlass.

„Tequila gut gegen Osteoporose“ oder „Rotwein verlangsamt Hirnalterung“. Schlagzeilen wie diese liest man beinahe im Wochentakt . Das Resveratrol im Wein erwies sich in einer Studie als guter Schutz der Synapsen, was den Alterungsprozess des Hirns hemmt. Die Probanden waren allerdings greise Mäuse, und die Dosis entsprach umgerechnet 2500 Flaschen Wein am Tag. „Deshalb“, warnt Professor Gregorio Valdez, Leiter der Studie, „würde ich auch niemandem raten, sich jetzt mit Resveratrol vollzupumpen“, geschweige denn mit Wein. Der wahre Wirkungsmechanismus sei nämlich noch gar nicht klar. Die Studie ist allzu typisch für die Forschungslage. Immer wieder beobachten Mediziner positive Effekte. Aber selten weiß man genau, wie sie zustande kommen.

Den schwärmerischen Schlagzeilen stehen zunächst bittere Fakten gegenüber: Etwa 700.000 Menschen erkranken jährlich an Krebs im gesamten Verdauungstrakt und in der Brust, der mit Alkoholkonsum in Verbindung gebracht wird. „Der Zusammenhang ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt“, klagt Jennie Connor, die die Meta-Analyse für die Otago Universität in Neuseeland durchführte. Etwa die Hälfte der Kranken stirbt.

Andererseits steigt die Infektionsrate rasant im Verhältnis zum Konsum. Alkoholkranke Menschen trifft es also besonders, das gilt umso mehr für die folgenreichen Leberschäden. Weintrinker sind aber eher moderate Trinker. Die Wahrscheinlichkeit an einem dieser Leiden zu erkranken ist bei mäßigem Alkoholgenuss nicht größer als bei einem Antialkoholiker.

Bemaltes Verdicchio-Fass

Bemaltes Verdicchio-Fass, © Matthias Stelzig

Liebling der Literaten

Die Idee, dass Wein eine Medizin ist, ist fast so alt wie der Wein selbst. In Persien, wo die ersten Weine gemacht wurden, handelt ein Entstehungsmythos von vergorenen Trauben eines Königs. Zunächst vermutete man böse Geister hinter der Fermentation. Schließlich wollte sich die Königin damit das Leben nehmen. Die selbstmordgefährdete Monarchin kostete, und prompt war sie nicht nur von ihrer Migräne geheilt, sondern auch bester Stimmung.

Der Zusammenhang zwischen Wein und körperlicher wie geistiger Gesundheit ist Thema seit der Antike, als der Umgang mit dem Rauschaspekt wesentlich offener war. In Bacchus-Ritualen nutzten die Teilnehmer die psychedelisch-enthemmende Wirkung des Alkohols.

Auch Koranautoren schätzten die Wirkung auf das allgemeine Wohlbefinden. „Was ist das für ein Leben, wenn man keinen Wein hat?“ sinnierte Jesus Sirach. Lyriker Hafez ließ sich im 14. Jahrhundert „den Kummer aus der Seele spülen. Nur Wein allein kann mich retten, kann vertreiben alle Angst und Herzenspein!“ Jede Epoche hatte ihre literarischen Anbeter.

Lange Zeit hatte Wein einen praktischen medizinischen Effekt, weil er eins der hygienischsten Lebensmittel war. In Ballungsgebieten und auf See bewahrte er so manches Leben. Intellektuelle von Homer bis Hemingway schworen auf Wein. So mancher altvordere Journalist hat dessen Empfehlung „Write drunk, edit sober“ gerahmt auf dem Schreibtisch stehen. Nicht wenige von ihnen tragen auch noch den Wollpullover ihres Idols.

Der Anfang des neuzeitlichen Hypes um Wein und Gesundheit geht auf eine Folge der amerikanischen TV Show „60 Minutes“ zurück. Die Nachrichtensendung berichtete 1991 über eine Studie unter Menschen aus mehreren Industrienationen. Die hatte gezeigt, dass sich Franzosen von viel Alkohol, Butter und Sahne ernähren, aber weniger unter Zivilisationskrankheiten litten als Menschen anderer Länder. Ein Staunen ging durch die Wissenschaft und der Effekt als French Paradox in die Geschichtsbücher ein.

Seinerzeit lag der Alkoholkonsum der Franzosen haushoch über dem der Amerikaner und wurde vor allem durch Rotwein abgedeckt. Der musste also einen positiven Effekt auf den Herzmuskel haben, schlossen die Wissenschaftler.

Die Geschichte ist tausend mal erzählt und doch 999 Mal falsch. Jahre später erkannte man, dass die amerikanischen Burger deutlich größer waren als die Foie gras-Portionen, die Franzosen zum Mittagessen genossen. Doch da war die Geschichte längst in der Welt.

Weißwein

Weißwein, © Matthias Stelzig

Von Arthritis bis Zahnfäule

Die Medizinforschung entwickelte ein reges Interesse an dem Thema. Vielleicht auch weil positive Ergebnisse ein wohlwollend breites Echo in der Presse fanden. Allein zu den Wirkungen gegen die Volkskrankheiten an Herz, Kreislauf und Gefäßen gibt es eine kaum überschaubare Zahl von Studien. So verdünnt Rotwein das Blut und verbessert den Kreislauf. Seine Polyphenole fangen freie Radikale, schützen Gefäße und besonders Herzkranzgefäße vor gefährlichen Ablagerungen. Rotwein hilft dem Körper Omega-3-Fettsäuren zu bilden, was das Risiko fürs Herz senkt. Essen mit vielen Kalorien verträgt das Herz besser, dank des Resveratrols im Wein. Wein hat entzündungshemmende Effekte auf die Blutgefäße, beugt Arterienverkalkung vor, wirkt positiv auf den Cholesterinspiegel – vor allem Champagner. Das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt sinkt selbst bei Leuten, die bereits herzkrank sind. Rotweintrinker können außerdem auf niedrigen Blutdruck hoffen, anders als etwa Spirituosen-Fans.

Natürlich sinkt auch die Wahrscheinlichkeit eines Arterienverschlusses. Dabei fielen Rebsorten mit hohem Tanningehalt und langen Maischestandzeiten auf, wie Cannonau aus Sardinien und Madiran aus den Pyrenäen, wo die Lebenserwartung verdächtig hoch ist. Neuere Forschungen liefern auch Belege für die Wirksamkeit von Weißwein.

Die geeignete Dosis kann bis zu einer Flasche pro Tag lauten, zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die 2009 in dem Fachmagazin „Heart“ erschien. So sollte sich das Risiko für Herzkrankheiten halbieren. Die Erhebung aus Spanien, einem Land mit einer der niedrigsten Herztodquoten, aber einer der höchsten Raten an Lebererkrankungen, wurde öfters angezweifelt, wenn auch nicht methodisch widerlegt. Ärzte verordneten Herzpatienten mitunter Rotwein. Herausragend ist auch die Wirkung gegen Demenz. Immer wieder belegen Studien, dass Wein die Krankheit merklich im Zaum hält.

Damit aber nicht genug. Rotwein stärkt in mehrerer Hinsicht das Immunsystem. So hilft er dem Körper, Immunität gegen 200 verschiedene Viren aufzubauen, die Erkältung auslösen. Positive Effekte belegten Studien weiter im Kampf gegen Arthritis, Bandscheiben-Verschleiß, Bronchitis, Schäden an der Darmflora, Diabetes, Dickdarmkrebs, Gallensteine, Gebärmutterkrebs, Glasknochen, Grauen Star, Halsentzündungen, Lungenschäden, Nierenfunktionsstörungen und -krebs, Osteoporose, Parkinson, Prostataleiden, Rheuma, Schlaflosigkeit, Übergewicht, Zahnfäule, Zahnfleischerkrankungen.

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Nachdenkliche Töne in Logroño

Wein war schon fast ein Allheilmittel. Doch dann kamen neuere, größere Studien. In deren Licht relativierten sich manche Erkenntnisse. Mitunter ergab sich, dass selbst kleinere Mengen Alkohol bestimmte Gesundheitsrisiken wie Krebs erhöhen. Manche Ergebnisse lassen Wissenschaftler auch einfach ratlos zurück. Wie zum Beispiel die, dass schwarze Frauen weniger von den gesundheitlichen Vorteilen des Weins profitieren als weiße, oder dass eine bestimmte genetische Konstellation Alkoholismus begünstigt.

Der komplizierten Gemengelage widmete sich zuletzt im Februar 2017 die Tagung „Wein und Gesundheit“. Unter der Schirmherrschaft des OIV fand das Treffen in Logroño statt. Ausrichter und Tagungsort in der Hauptstadt der Rioja mit ihrer berühmten Straße der Tapas ließen darauf schließen, dass hier die positiven Effekte im Vordergrund des Forscherinteresses standen. In den Veranstaltungen arbeiteten Wissenschaftler, Fachleute aus dem Gesundheitswesen und Vertreter der Weinbranche die unterschiedlichsten gesundheitlichen Aspekte des Weins heraus.

Insgesamt ergab sich, dass Leute, die zwei bis drei Gläser Wein am Tag trinken – und nicht mehr –, in den meisten Studien am besten abschnitten. „Mehrere Fragen bleiben offen“, gestand Professor Rosa María Lamuela-Raventós, Leiterin der Veranstaltung in ihrer Schlussbemerkung ein. Vor allem die der Kausalität. Noch weiß man nicht genau, welche Stoffwechselprodukte den Effekt ausmachen.

Körper als getunte Maschine

Gesellschaftliche Entwicklungen gehen aber zum Teil in eine andere Richtung. Viele Menschen sehen ihren Körper weniger als hohes Gut, denn als zu optimierende Maschine. Und so mancher Politiker hängt sein Fähnchen in den politischen Wind.

In Großbritannien, das ohnehin unter einer hohen Alkoholsteuer leidet, erließ die Regierung 2016 eine Konsum-Richtlinie, die weit unter den international anerkannten Werten lag. Der gesundheitliche Effekt von Wein wurde ohne weitere Belege allgemein angezweifelt. Doch schließlich weiß jeder Brite, wie und warum der große Churchill 90 Jahre alt wurde. Nach wütenden Protesten ruderte die Regierung kleinlaut zurück. 300 Mililiter Wein pro Tag seien auch nicht gefährlicher als das Fahren eines Autos, räumte ein Spitzenbeamter kleinlaut ein.

In der Folge überboten sich Institutionen mit fragwürdigen Ratschlägen, wie dass Frauen generell auf Alkohol verzichten sollten, wenn sie sexuell aktiv sind. Eine andere empfahl Frauen, nur zu trinken, wenn sie gleichzeitig verhüten. Ein Bank verbot ihren Mitarbeitern zum Mittagessen Bier zu trinken, während auf der Insel ein bedrückendes Sterben der traditionsreichen Pubs beklagt wird.

Weintrauben

Weintrauben, © Matthias Stelzig

Dem Besitzer eines italienischen Bistros in Sydney warf die Polizei vor, er fördere unsoziales Verhalten, weil er seinen Wein glas- statt nur flaschenweise anbot. Eine Anti-Alkohol-Lobby in Frankreich wollte sogar Plakate mit lächelnden Winzern verbieten. In die Schlagzeilen schaffen es oft nur solche bizarren Auswüchse. Auf vielen Märkten wird soziales Misstrauen geschürt durch Steuererhebungen und Schuldzuschreibungen, die sich nicht am zu hohen Konsum orientieren.

Historisch stark ist die Antialkoholiker-Bewegung in den USA. Weinhändler, die sich mit bizarren Vertriebsgesetzen der einzelnen Staaten herumschlagen, können ein Lied davon singen. Verbände der Getränkeproduzenten riefen die Regierung in einem Brandbrief dazu auf, doch bitte Problemtrinker zu avisieren und nicht die moderaten zu kriminalisieren.

In Deutschland forderte die Bundespsychotherapeutenkammer den Bierpreis zu vervierfachen. Dazu würde man gern mit Aktionen wie Screenings und zwangsweisem Entzug bei „riskantem Trinkverhalten“ kräftig in die Persönlichkeitsrechte eingreifen. 2015 geisterte eine Kampagne durch die Medien, den Kaloriengehalt von alkoholischen Getränken auf dem Etikett auszuweisen, die mittlerweile EU-weit Platz greift. Die Tatsache, dass Alkoholkalorien wesentlich weniger in Fett umgesetzt werden als andere, bleibt bislang unberücksichtigt.

Die Erwähnung positiver Effekte dagegen wird unterdrückt. Sogar das harmlose „bekömmlich“, mit dem traditionelle Winzer seit Ewigkeiten ihre leichten Weißwein-Kabinette bezeichnen, wurde richterlich untersagt. Das urdeutsche Zuprosten, um eine gesellschaftlich angenehme Situation zu schaffen, gibt es eh nur noch in Reiseführern.

Wer kann, langt zu. Fluggesellschaften nehmen für Bier und Wein hohe Preise und verteilen ungesundes Süßzeug und Softdrinks gratis. Das hat noch keinen Gesundheitsapostel gestört.

Mehr Lebensqualität ohne wissenschaftlichen Nachweis

Ein Problem vieler Forschungen ist, dass Aspekte des Lebensstils nicht von den Ergebnissen zu trennen sind. Wurden die positiven Effekte oft mit dem Argument angezweifelt, dass intelligente, sportliche Besserverdiener eben auch ohne Wein eine gute Lebenserwartung hätten, setzten wenige Wissenschaftler die Indikatoren umgekehrt ein. Hat nicht jemand, der körperlich schwer arbeitet und wenig gebildet ist, keinen Sport treibt und nicht auf seinen Körper achtet, eine niedrigere Lebenserwartung, auch wenn er keinen Wein trinkt?

Übersehen wird vor allem die erhöhte Lebensqualität. Studien ergaben, dass Weintrinker länger eine bessere Hirnleistung haben, vulgo: sie sind intelligenter. Andere Studien förderten zutage, dass Wein nicht nur gegen erektile Dysfunktion helfen kann. Rotweintrinkerinnen sind sexuell besser stimuliert und aktiver, empfinden Sex als befriedigender als Abstinenzlerinnen.

Master Sommeliers haben größere Gehirne und bekommen seltener Alzheimer. Schon an einem Glas Wein zu riechen, fördert die Gesundheit. Weintrinker werden seltener depressiv, haben weniger mit Ängsten zu kämpfen und größere soziale Fähigkeiten als Nichttrinker. Erkenntnisse, für die die meisten Weintrinker nicht mal eine Forschertruppe brauchen.

Weinverkostung

Weinverkostung, © Matthias Stelzig

Nicht von der Hand zu weisen sind letztlich Studienergebnisse, die Weintrinkern eine längere Lebenszeit voraussagen.

Eine Studie der Oxford University verweist noch auf einen anderen Nutzen. Menschen, die in Gesellschaft trinken, sind glücklicher und gesünder als andere und haben mehr Freunde. Alkohol ist ein wirksames soziales Schmiermittel, denn er regt die Endorphinausschüttung an, die wiederum soziale Bindungen fördert.

Vielleicht verdienen Trinker deshalb auch durchschnittlich mehr als Antialkoholiker. Wein könnte sogar das Geheimnis einer glücklichen Ehe sein. Jedenfalls hatten Weintrinker in einer Studie zufriedenere und stabilere Beziehungen.

Kurzum Menschen mit einem vernünftigen Alkohol-Konsum haben mehr Freude am Leben und es empfiehlt sich, ihnen den Genuss nicht zu verderben. Papst Franziskus, der die Lage der Welt oft sehr genau erfasst, äußerte sich dazu kürzlich gewohnt eindeutig: Man solle sich vor seinen Mitmenschen nicht als Richter aufspielen, auch nicht vor einem Obdachlosen, der sein erbetteltes Geld in Alkohol umsetzt. „Wenn sein einziges Glück ein Schluck Wein ist, dann ist das eben so.“

Matthias Stelzig