Vom Aschenputtel zum Glamour-Girl

Rosé kommt weltweit immer mehr in Mode: 17 Prozent Zuwachs in acht Jahren

So können unerwartete Karrieren laufen: Noch vor nicht allzu langer Zeit galt Rosé vielen ernsthaften Weinfreunden als irgendetwas Undefinierbares zwischen Rot und Weiß, ein Getränk für Frauen und junge Leute, meist mit süßlichem Touch und aus zweitklassigen Trauben gemacht. Das hat sich geändert. In den vergangenen acht Jahren ist die Rosé-Produktion laut Comité Interprofessionel des Vins de Provence weltweit um 13 Prozent gestiegen, auf inzwischen weit über 25 Millionen Hektoliter, und der Konsum gar um 17 Prozent. In vielen Verbraucherländern, so auch in Deutschland, liegt der Rosé-Anteil am Gesamtkonsum stabil bei mehr als zehn Prozent – und wächst weiter. Ein Produkt auf dem Weg vom Aschenputtel zum Glamour-Girl.
Foto: Landschaft in der Provence
Mit einiger Wahrscheinlichkeit stand das heutige Modegetränk zumindest farblich auch am Anfang der Weinproduktion. Da die Winzer der Antike die Technik der Rotweinbereitung nicht kannten, pressten sie ihre Trauben so schnell wie möglich ab, um die Gärung einzuleiten und den fermentierten Saft später in Amphoren abzufüllen. So gesehen geht die Erfolgsgeschichte des Rosé von heute ein Stück weit auf die Phönizier zurück: Als sie vor 2.600 Jahren Marseille gründeten, brachten sie den Weinbau in die Provence – und das hatte Folgen. Nirgendwo sonst auf der Welt besitzt Rosé einen solchen Stellenwert wie zwischen Fréjus und Tavel, zwischen St. Tropez und Aix-en-Provence. 87 Prozent aller dort vorwiegend auf Basis von Cinsault, Mourvèdre, Grenache, Syrah oder Tibouren erzeugten Weine schillern in allen möglichen Farben von Lachsrot und Johannisbeere über Pomelo bis hin zu Mandarine und Melone. 40 Prozent der französischen Rosé-Erzeugung stammen aus der Provence, und der Rosé-Durst der Gallier wächst scheinbar unaufhörlich: Von 1990 bis heute hat sich der Konsum von 10,8 auf 27,3 Prozent fast verdreifacht und so den Weißwein längst überholt. Sogar ein eigenes Forschungszentrum haben die Provençalen ihrem Flaggschiff Rosé gewidmet; in Vidauban experimentieren sie mit Rebsortenkomposition, Farbspektren, sensorischer Analyse und vielem mehr.

Doch woher kommt der Trend zu „Drink Pink“, dem der belgische Vinopres-Verlag unter dem Motto „The coolest Wine Exhibition“ inzwischen sogar schon eine eigene kleine Messe in Knokke und Amsterdam gewidmet hat? „Der Markt und die Kunden wollen diese Weine, weil sie damit ein angenehmes, leichtes Lebensgefühl verbinden“, sagt Hendrik Thoma, Master-Sommelier und Gastgeber der Video-Wein-Show www.weinamlimit.de - „Rosé ist eigentlich mehr ein Lebensgefühl als ein Wein“. Für Thomas Sommelier-Kollegin Natalie Lumpp ist „eindeutig die Steigerung der Qualitäten“ für den Rosé-Boom der letzten Jahre verantwortlich – und ihre universelle Einsetzbarkeit in der Gastronomie: „Roséweine sind super spannend zu Antipasti, leichten mediterranen Gerichten, Geflügel oder auch Hummer!“ Außerdem passen sie gut zur asiatischen Küche, die sich weltweit großer Beliebtheit erfreut
Foto: Gläser Roséwein
Wurden in früheren Zeiten Roséweine oft aus minderwertigem, für die Rotweinbereitung nicht geeigneten Lesegut fabriziert, hat sich hier ein Paradigmenwechsel vollzogen. Bei der „Pressurage directe“ werden die gesunden, nicht überreifen oder angefaulten roten Trauben nach kurzer Maischestandzeit abgepresst. Je nachdem wie lange der Kellermeister mit dem Keltern wartet, gelangen mehr oder weniger Farbstoffe in den Most. Beim Saignée-Verfahren bleiben sie meist über Nacht – aber in der Regel nicht länger als 24 Stunden – gekühlt im Rotwein-Maischegärtank liegen und beginnen durch ihr Eigengewicht zu „bluten“ (franz: saigner). Der so entstehende, meist rosarote Saft wird dann abgezogen und wie Weißwein vinifiziert. Angenehmer Nebeneffekt der Methode: Der übrig bleibende Rotweinmost wird durch den Saftabzug extraktreicher und bekommt mehr Farbe.
Überall auf der Welt experimentieren die Winzer seit einigen Jahren mit den richtigen Rezepten für den besten Rosé; der Vielfalt der Stilrichtungen sind dabei keine Grenzen gesetzt. Im ungarischen Szekszárd feiert derzeit der frische „Fuxli“ auf Basis von Kadarka-Trauben fröhliche Urständ, in Rumänien machen die Winzer aus der gleichfalls autochthonen Sorte Zgihara de Huş einen sehr eigenständigen Rosé, aus Apulien kommen vielschichtige Rosés meist aus Negroamaro und Montepulciano, vom Gardasee fruchtig-feine Chiaretti, die Spanier zeigen, welch kernige Pink-Weine sich aus ihrer Paradesorte Tempranillo keltern lassen. Die portugiesischen Nachbarn, seit Jahrzehnten schon mit ihrer Marke Mateus aus dem Hause Sogrape global unterwegs, warten neuerdings sogar mit „Pink Port“ auf. Und auch die Neue Welt hat gelernt, welches Umsatzpotenzial im Rosé steckt. Der Weighbridge Rosé des Pioniers Peter Lehmann aus Australien, Miguel Torres‘ Santa Digna Cabernet Sauvignon Reserva oder auch Danie de Wets „Good Hope“ aus Südafrika haben es sogar schon ins Portfolio der Deutschen Lufthansa geschafft. Unterdessen stehen die Schweizer nach wie vor auf ihren zarten „Oeil de Perdrix“ aus dem Wallis oder vom Genfer See und die Österreicher – oder zumindest die Steirer – auf den urwüchsigen, sehr säurebetonten Schilcher aus der Blauen Wildbacher-Traube. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei. Zwar halten die Franzosen ihre Stellung als bedeutendstes Erzeuger- und Konsumland für Rosé. Doch laut einer aktuellen Studie des Institutes France Agrimer ist in den vergangenen zehn Jahren Italien zum führenden Exporteur aufgestiegen, mit 40 Prozent Marktanteil. Deutschland rangiert sowohl beim Verbrauch als auch beim Import von Rosés auf Rang drei, bei der Produktion auf Platz fünf.

Wenn es stimmt, dass die US-Amerikaner stets die Trends in der Welt setzen, dann dürfte der Pink-Hype noch eine Weile andauern. 2012 stieg dort der Import von Roséweinen mit einem Flaschenpreis von mehr als zwölf Dollar um 23 Prozent und der von Weinen aus der Provence um stolze 43 Prozent – zweistellige Zuwächse nun schon im zehnten Jahr in Folge. Auch für Brasilien und Russland vermelden die Franzosen deutliche Zuwächse. In Großbritannien – im Ranking der Rosé-Konsumenten mit sechs Prozent Anteil gemeinsam mit Italien auf Platz vier hinter Frankreich (35 Prozent), den USA (14 Prozent) und Deutschland (sieben Prozent) – steht die Ampel gleichfalls auf Grün. Von 2,5 auf 12,5 Prozent ist der Marktanteil der Pink Bottles im Handel seit dem Jahr 2000 nach oben geklettert. „Zur Jahrtausendwende war Rosé der Austin Allegro der Weinwelt – billig, außer Mode und etwas, das niemand zur Dinner-Party mitgebracht hätte“, stellt der Journalist Martin Green fest, „aber heute haben die Weinmacher kapiert, dass es eine Nachfrage nach guten Rosés gibt und man damit richtig Geld verdienen kann“.


Foto: Brad Pitt und Angelina Jolie

Hollywood-Stars Brad Pitt und Angelina Jolie übernahmen 2008 das Weingut Chateau Miraval in der Provence.

Vielleicht haben die 350 Vignerons und Genossenschaften entlang der „Routes des Vins de Provence“ dies ein bisschen besser verstanden als ihre Kollegen andernorts – vielleicht liegt der Schlüssel zum Erfolg aber ja auch in der wunderschönen Landschaft und den vielen Touristen in Frankreichs Süden. Wenn dann noch solche Lokomotiven für ein ganzes Anbaugebiet hinzu kommen wie die Domaines Ott, die seit vielen Jahren den Premium-Markt für Rosés bedienen, oder Sacha Lichine mit seinem legendären Chateau D’Esclans, dann braucht man sich auch als kleiner Winzer keine großen Sorgen zu machen. Lichine verkaufte 2005 das Familien-Chateau in St. Emilion, um sich in der Provence einer neuen Herausforderung zu stellen: „Viele dachten damals, ich sei verrückt – aber ich habe nur den Trend zu Qualitätsrosés früher als die anderen entdeckt.“ Fast einem zusätzlichen Sechser im Lotto für die Heimat des Rosé kam gleich, dass sich die Hollywood-Stars Brad Pitt und Angelina Jolie 2008 in der Provence niederließen und das Weingut Chateau Miraval übernahmen. Die 14.000 für Deutschland reservierten Flaschen Rosé aus dem Jahrgang 2012 mussten trotz des stolzen Preises von 16,50 Euro den einzelnen Kunden zugeteilt werden… Von solch paradiesischen Zuständen sind die deutschen Winzerinnen und Winzer zwar noch ein Stück entfernt. Aber auch hierzulande werden – wie auf der ProWein 2014 in Düsseldorf zu sehen und zu schmecken sein wird - von Jahr zu Jahr spannendere Tropfen aus heimischen Rebsorten wie Spätburgunder, Lemberger, Trollinger oder Portugieser gekeltert. Derzeit kommen die deutschen Erzeuger beim Rosé auf einen Marktanteil von 39 Prozent. Da ist noch Luft nach oben. Für Natalie Lumpp wachsen die besten Rosés neben der Provence ohnehin in Deutschland: „Besonders innovativ finde ich in diesem Bereich Rheinhessen.“
Für heiße Sommertage hält die Sommelière und Journalistin gleich noch ein Rezept für die „ultimative Roséschorle“ bereit: Roséwein und Schweppes Wild Berry jeweils zur Hälfte in ein Rotweinglas füllen, mit einem Schuß Gin verfeinern, Zitronenzesten abspitzen, das Glas mit Eiswürfeln auffüllen und einen Zweig frische Minze hineingeben. Was sich mit Rosé nicht alles machen lässt…


Thomas Brandl
Foto: Landschaft in der Provence
Einzigartig und wunderschön: Die Landschaft der Provence.
Foto: Tavel - Premier Rosé de France
Premier Rosé de France.
Foto: Spanische Rosados
Die Vielfalt des Rosé spiegelt sich auch in seiner Farbe, wie bei diesen spanischen Rosados.
Foto: Sacha Lichine
Sacha Lichine: „Viele dachten damals, ich sei verrückt – aber ich habe nur den Trend zu Qualitätsrosés früher als die anderen entdeckt.“ 
Foto: Rosé - Vielfalt aus der ganzen Welt
Rosé gibt es auf der ganzen Welt.
Foto: Rosé Miraval
Rosé Miraval musste den vielen nachfragenden Kunden zugeteilt werden.
Foto: Landschaft in der Provence
Weinchateaux prägen die Provence.
Foto: Drink Pink (Werbeveranstaltung)
Weinmesse in Amsterdam und Knokke: "Drink Pink".
Foto: Lavendelfeld in der Provence
Lavendelfelder in der Provence prägen die Landschaft ebenso wie Weinreben.