Viel Neues im Osten

Foto: Die Brüder Mihaly und Janos Figula in Balatonfüred am Plattensee.
Die Winzer in Mittel- und Südosteuropa haben enorme Anstrengungen unternommen - und sind heute absolut konkurrenzfähig

Bei den Brüdern Mihaly (33) und Janos Figula (30) in Balatonfüred am Plattensee kann man erleben, welche Dynamik inzwischen den Weinbau in den Ländern Süd- und Mittelosteuropas prägt: Zug um Zug haben die beiden in den vergangenen Jahren das 2008 vom früh verstorbenen Vater – Ungarns „Winzer des Jahres“ 2000 – geerbte Weingut auf inzwischen 30 Hektar erweitert, viel in moderne Technologie investiert und die Qualität ihrer Kreszenzen auf internationales Top-Niveau gesteigert. Derzeit entsteht ein neues Besucherzentrum mit Verkostungsraum und Empfang für die stetig wachsende Zahl von Liebhabern der Figula-Weine. Kraftvolle, körperreiche Welschrieslinge und weisse Cuvees sind die Spezialität der beiden Brüder. Ihr „Szileniusz“ besitzt in Ungarn Kultstatus und wird allenfalls vom „Olasz“ (Welschriesling) aus der Lage Arácsi mit seinen 80-100 Jahre alten Reben in seinem Rang gefährdet. „Wir wollen unsere ureigene Weinkultur wieder erwecken“, sagt Janos, der gleichzeitig Weinbauer und Konzertmusiker ist, „durch 40 Jahre Sozialismus ist leider viel von davon verschütt gegangen“. Immerhin: ein Fünftel der Figula-Produktion geht bereits in den Export, hauptsächlich in die Niederlande, nach Belgien, Deutschland, Tschechien und in die Slowakei.
Foto: Weingeschäft in Ungarn. Foto:
Solch positive Beispiele wie das der Brüder aus Balatonfüred lassen sich auch an anderer Stelle in Ungarn finden, das lange Zeit im Dornröschenschlaf verfangen schien. In Badacsony, an der Südwestecke des Plattensees gelegen, keltert der 31jährige Bence Laposa in seiner chromblitzenden Kellerei enorm mineralische Weißweine aus autochthonen Sorten wie Juhfark, Keknyelü oder Hárslevelü, aber auch Grauburgunder. Der Basaltboden von Badacsony verleiht den Weinen eine ganz eigene Note. Sein Handwerk hat Laposa in Langenlois im österreichischen Kamptal gelernt. Das merkt man.
150 Kilometer weiter östlich, im traditionsreichen Rotweinort Szekszárd, ist seit zehn Jahren schon eine echte Qualitätsrevolution im Gange. Mit Ferenc Takler (2004) und Peter Vida (2011) stellte das stark von Donauschwaben geprägte Städtchen in dieser Zeit gleich zweimal Ungarns „Winzer des Jahres“ – der Titel wird jedes Jahr von der Akademie des Ungarischen Weines an einen herausragenden Vertreter des Berufsstandes verliehen. Wie im renommierten Villány, unweit der Grenze zu Kroatien im Süden, produziert man in Szekszárd hauptsächlich rote Tropfen, meist feurig und gehaltvoll, nicht selten mit 14 und mehr Prozent Alkohol. „Das passt zu unserer kräftig gewürzten Küche“, meint Peter Vida. Waren die Szekszárder Top-Cuvees, in der Regel aus den Cabernet-Sorten, Merlot, Kékfrankos und Kadarka bestehend, trotz des gehobenen Preisniveaus bislang mehr oder weniger problemlos im Land abzusetzen, so stellt die Wirtschaftskrise die Winzer jetzt vor neue Herausforderungen im Export. In den nächsten Monaten sind erstmals gemeinsame Präsentationen in Deutschland vorgesehen, flankiert von professioneller Medienarbeit, berichtet Zoltan Heimann, Obmann der Szekszárder Winzer: „Wir müssen ganz einfach bekannter werden.“ Im zweiten Schritt steht deshalb auch ein Auftritt auf der ProWein zur Diskussion.
Wie die meisten Länder jenseits des einstigen „Eisernen Vorhanges“ hat Ungarn seit der Wende deutlich an Rebfläche verloren. Etwa 72.000 Hektar sind es heute, 182.000 in Rumänien (das damit einsam an der Spitze liegt), 69.000 Hektar in Bulgarien, 18.000 in der Slowakei, 17.000 in Tschechien und 16.000 in Slowenien. Kroatien, ab Sommer 2013 gleichfalls EU-Mitglied, bringt es auf etwa 60.000 Hektar. Der Nachbar Serbien sowie Russland und die Ukraine gehören derselben Größenkategorie an, genaue Zahlen sind schwer zu bekommen.
Foto: Weingeschäft in Ungarn.
Foto: Peter Vida - Winzer des Jahres 2011 im traditionsreichen Rotweinort Szekszárd.
Foto: Die Brüder Mihaly und Janos Figula in Balatonfüred am Plattensee.
Foto: Ungarn: In Badacsony keltert Bence Laposa mineralische Weißweine aus autochthonen Sorten.
Foto: Bulgarien: Der futuristische „Wine Cellar“ Miroglio in Elenovo.
Foto: Edoardo Miroglio und Team.
Foto: Willkommen in Rumänien.
Foto: Rumänien: Weinberge in Badacsony.
Foto: Mazedonien: Folklore in Popova Kula.
Foto: Kroatien: Der Winzer Gianfranco Kozlovic.

Georgien und Moldawien

Wie hart es ist, wenn quasi über Nacht ein Großteil des angestammten Marktes wegbricht, „durften“ die Georgier und Moldawier 2006 erfahren, als der russische Präsident Putin aus politischen Gründen ein Embargo über Weine aus diesen beiden Ländern verhängte. Die kleine Republik Moldawien hatte zu Sowjetzeiten die Hälfte des im Roten Riesenreich konsumierten Rebensaftes geliefert, georgischer Wein galt dort seit jeher als der beste. Von einstmals weit über 100.000 Hektar Wingert sind in Moldawien heute noch maximal 70.000 im Ertrag, in Georgien etwa 45.000. Beide Länder haben die Existenz bedrohende Krise genutzt, in moderne Technologie und Qualitätsverbesserung investiert, Exportförderungs-Organisationen geschaffen und sich so neue Märkte erschlossen. Die „Georgian Wine Association“ verbuchte dieses Jahr auf der ProWein eine Rekordbeteiligung von 16 Betrieben, die mit autochthonen Zungenbrechern wie Rkatsiteli, Kisi, Mtsvane, Kikhvi, Tsitska, Tsolikauri, Saperavi, Mujuretuli und Khvanchkara aufhorchen ließen. Der Stand der „Moldova Wine Guild“, unter deren Dach sich die sechs größten Weinerzeuger des Landes gruppieren, zählt gleichfalls seit einigen Jahren zum gewohnten Bild in Düsseldorf.

Bulgarien

In den meisten Ländern Südost- und Mittelosteuropas ist die Weinbauszenerie von großen oder sogar sehr großen Betrieben geprägt – Folge der einstigen sozialistischen Strukturen, trotz inzwischen weitgehend abgeschlossener Privatisierung. In Bulgarien, das in der deutschen Weinimportstatistik nur auf Platz 24 rangiert (2011), dominiert der Riese Domaine Boyar mit 120 verschiedenen Produkten aus mehreren Kellereien im Land und weltweitem Export. Auch im 2001 von Graf Stephan von Neipperg mitgegründeten Weingut Bessa Valley mit 300 Hektar Fläche steckt ausländisches Kapital, ebenso wie im futuristischen „Wine Cellar“, den der italienische Textilindustrielle Edoardo Miroglio 2002 in Elenovo südlich der Stadt Nova Zagora in die Landschaft gesetzt hat, Gästezimmer und feines Restaurant inklusive. Nur ein kleiner Teil der gut sechs Millionen Hektoliter bulgarischer Gesamtproduktion entfällt derzeit auf Weine geschützter Herkunftsgebiete, und die Zahl von 211 abfüllenden Betrieben ist gleichfalls überschaubar. Aber das starke Engagement ausländischer Investoren zeigt, welches Potenzial in der bulgarischen Erde schlummert. Und bei internationalen Wettbewerben ist das Land in jüngster Zeit mit seinen Roten immer erfolgreicher.
Foto: Willkommen in Rumänien.

Rumänien

Ähnliches Bild beim Nachbarland Rumänien: dort teilen sich die „Big Five“ Murfatlar, Jidvei, Cotnari, Vincon und Tohani 70 Prozent des Binnenabsatzes. Der Weinexporteur- und produzentenverband APEV zählt 22 Mitglieder, die für 80 Prozent der rumänischen Weinexporte verantwortlich zeichnen und seit Jahren zum vertrauten Bild bei der ProWein gehören. Bei den Exportzielländern liegt Deutschland vorne, gefolgt von China, Großbritannien, Italien und den USA. Ein beträchtlicher Teil der Exporte geht allerdings auf Bulk-Weine zurück. Rumänien produziert ziemlich genau gleich so viel Weiß- wie Rotwein. Aber trotz vieler autochthoner Rebsorten vor allem bei den Weißen ist es dem Land bislang nicht gelungen, sich in der internationalen Reputation weiter nach vorne zu schieben. Dabei gäbe es auch in Rumänien noch viel zu entdecken. Das Land gehört zu den touristisch attraktivsten von ganz Europa.

Mazedonien

Auf die Karte Weintourismus setzt unterdessen auch Mazedonien. Die jugoslawische Ex-Republik verfügt über dramatische Berglandschaften und drei Weinbaugebiete mit insgesamt 23.000 Hektar Rebfläche. Wie im benachbarten Serbien und Montenegro wird ein Großteil der Rotweine aus der autochthonen Vranec gekeltert. Etwa 60 Betriebe füllen selbst ab. Mehr als die Hälfte der Produktion entfällt auf die beiden Riesen Tikvesh und Skovin. Aber es gibt immer mehr kleinere Erzeuger, wie zum Beispiel Popova Kula, wo inzwischen Önotouristen aus der ganzen Welt feine Küche, Schlafkomfort, Theater-Events und Aktivurlaub mit der Entdeckung unbekannter Weine aus Sorten wie Stanushina, Temjanika oder Prokupec kombinieren. Sogar eine eigene Facebook-Seite zum Thema Weintourismus in Mazedonien gibt es inzwischen und einen Weinführer für das kleine Land. Um international bekannter zu werden, planen die mazedonischen Weinerzeuger 2013 erstmals einen gemeinsamen Stand auf der ProWein.
Foto: Kroatien: Der Winzer Gianfranco Kozlovic.

Slowenien, Tschechien, Slowakei, Kroatien

In Halle 6 wird man dort auch die Slowenen, die Tschechen und einige Slowaken antreffen und ihre Weine probieren können. Alle drei Länder haben die Qualität vor allem ihrer Weißweine stark verbessert in den letzten Jahren. Der Name Kroatiens steht gleichermaßen für gehaltvolle Rote von der dalmatinischen Küste, kräftige Weiße aus dem slawonischen Binnenland und für beide Weinfarben aus Istrien, das sich immer mehr zu einem Eldorado für Feinschmecker mausert. Winzer wie Giorgio Claj, Gianfranco Kozlovic, Bruno Trapan , Ivica Matošević oder Mladen Rožanić genießen längst Kultstatus. Egal ob Malvazija Istarska, Muskat Momjan, Teran oder im Barrique ausgebaute Blends: die Qualität ist hoch.

Fazit: die Zeiten, in der manch einer über die Weine aus den östlichen Gefilden milde lächelte, sind längst vorüber. Überall im einstigen „Ostblock“ wurde massiv in moderne Technologie sowie Know-how investiert. Und immer mehr Erzeuger nutzen die ProWein mit ihrem hoch qualifizierten internationalen Fachpublikum als Zugangstor zu den Märkten der Welt.

Thomas Brandl