Umbruch am Kap der Guten Hoffnung

Foto: Thembi Tobi
Als erstes Land weltweit legt Südafrika ein "Fair Labour"-Siegel für Weine auf/ Betriebe mit schwarzen Eignern agieren erfolgreich am Markt

Noch sind sie nicht mehr als ein bunter Farbtupfer in der seit mehr als 300 Jahren von den Weißen geprägten Weinbau-Szenerie Südafrikas. Doch 18 Jahre nach dem Ende der Apartheid nimmt die Zahl schwarzer Traubenproduzenten und Weingutsbesitzer zu – langsam zwar, wie der ganze Prozess des 2007 von der Regierung angestoßenen Black Economic Empowerment (BEE), aber immerhin. Parallel dazu baut die „Wine Industry Ethical Trade Associacion“ (Wieta) derzeit ein Siegel für Weine und Früchte auf, die unter fairen Bedingungen für die meist schwarzen beziehungsweise farbigen Landarbeiter erzeugt wurden. Dazu gehören zum Beispiel das Verbot von Kinderarbeit und Diskriminierung, korrekte Bezahlung, regelmäßige Arbeitszeiten, Maßnahmen zum Arbeitsschutz , das Recht, sich in einer Gewerkschaft zu organisieren und vieles mehr.

Gleichzeitig agiert die „Rainbow Nation“, wie sie der Friedensnobelpreisträger und Ex-Präsident Nelson Mandela einmal genannt hat, mit immer positiverem Image auf den Exportmärkten der Welt so erfolgreich wie nie zuvor: in den letzten zwölf Monaten stiegen die südafrikanischen Weinausfuhren um knapp acht Prozent. In Deutschland, dem global wichtigsten und größten Exportmarkt, hat Südafrika inzwischen die Konkurrenz aus Chile und den USA deutlich abgehängt und rangiert auf Platz vier hinter Italien, Frankreich und Spanien. Einziger Wermutstropfen: ein Großteil des Exportbooms gründet sich auf Bulk Wine, der in Deutschland zu einem Durchschnittspreis von 111 Euro pro Hektoliter seine Abnehmer findet. Auf der Suche nach neuen Kunden aus der ganzen Welt haben 2012 mehr als 60 südafrikanische Produzenten an der ProWein in Düsseldorf teil genommen.
Foto: Südafrika
Foto: Vergelegen Estate
Foto: Nederburg
Foto: Eingang zum Nederburg Estate.
Foto: Paarl Weinberge
Foto: M’Hudi Wines
Foto: Die Familie Mhudi
Foto: Thembi Tobi
Foto: WOZANI auf der ProWein 2012.
Foto: WOSA auf der ProWein 2012.
Foto: WOSA auf der ProWein 2012.
Beim Stichwort Südafrika denken die meisten Weinliebhaber an dramatisch schöne Landschaften, an strahlend weiß getünchte Herrenhäuser in Kap-Holländischer Architektur, wie Groot Constantia, Vergelegen oder Nederburg, an Stellenbosch und das von Hugenotten besiedelte Franschhoek mit seinen guten Restaurants und ganz eigener Prägung, an Wellington, Tulbagh, Robertson oder die Cool Climate Areas an Walker Bay und Elgin, das sich immer mehr zum Geheimtipp für rassige, elegante Weißweine mausert. Überall entstehen neue Wineries. Ihre Gesamtzahl wird derzeit mit etwa 600 angegeben. Hinzu kommen 66 Genossenschaftskellereien und etwa 3.500 Traubenproduzenten, von denen viele gleichzeitig Obsterzeuger sind. Mit seiner Gesamtrebfläche von 110.000 Hektar liegt Südafrika knapp vor Deutschland, ebenso wie in der Exportstatistik, die das Land am Kap der Guten Hoffnung auf Rang sieben in der Welt führt.
Foto: Paarl Weinberge

"Die Dinge ändern sich."

Wie stark der Umbruch in den „Winelands“ der Western Cape Province längst ist, zeigt das Beispiel von Thembi Tobi. Vor sechs Jahren stieg die gelernte Krankenschwester und Marketingexpertin, deren Namen sinnigerweise so viel wie Hoffnung / Zuversicht bedeutet, in eine Weinfarm ein, die heute komplett den einstigen Landarbeitern gehört. Mit viel Charme und Willenskraft hat die 50jährige den nach ihr benannten Fair Trade-Betrieb, zu dem heute acht Festangestellte und acht Aushilfskräfte gehören, nach oben gebracht und sich Respekt verschafft: „Es gab sehr viele Widerstände zu überwinden, aber inzwischen haben wir Zugang zu allem, was wir brauchen. Die Dinge ändern sich.“ Die weißen Kollegen, sagt Thembi, seien heute „viel offener und hilfsbereiter als früher – sie haben gesehen, was wir erreicht haben in den letzten Jahren“.

Für die Verarbeitung der aus unterschiedlichen Klimazonen stammenden Trauben hat die Absolventin der University of Stellenbosch Business School ein Joint Venture mit der etablierten Boland Kelder in Paarl gegründet. Den Stil ihrer eigenen Weine beschreibt sie als „nicht so voll und tanninbetont, eher fein und elegant, leicht zu verstehen – ein bisschen so wie ich“. Chardonnay, Chenin Blanc, Shiraz und Pinotage mit dem Thembi-Label gehen zu 70 Prozent in den Export, zum Beispiel nach Holland, Belgien, Norwegen und in die Schweiz. „Für Deutschland suche ich noch einen Importeur“, grinst die erfolgreiche Weinproduzentin verschmitzt. In Südafrika ist sie inzwischen anerkannt und geschätzt. Ihr Stand auf der Cape Wine Show ist stets gut besucht – auch von Kollegen, die zum Smalltalk kommen.

"Es hilft Dir nicht beim Verkauf, wenn Du schwarz bist."

Ebenfalls auf der nur alle zwei Jahre statt findenden Messe in Kapstadt macht ein anderer Quereinsteiger Werbung in eigener Sache. Diale Rangaka, früher Englisch-Professor am Uni-Campus von Soweto, kam 2003 in die Winelands und wollte eigentlich eine Farm für Rinderzucht und Ackerbau kaufen. Am Ende wurde es doch ein kleines Weingut in Stellenbosch – das allererste mit schwarzen Besitzern in Südafrika. Heute ist die ganze Familie ins Business involviert, von Mutter Malmsey, die als „Boss“ fungiert, über Ehemann Diale bis hin zu den erwachsenen Kindern Tseliso, Lebogang und Senyane. Die Rangakas konzentrieren sich aufs Marketing für M’Hudi Wines und den angeschlossenen Tourismusbetrieb, mit dem sie bereits Preise gewonnen haben, und überlassen die Arbeit im Weinberg angestellten Agronomen. Den Ausbau im Keller übernimmt Nachbar Villiera Wines, ein angesehener Familienbetrieb mit „Wieta“-Zertifikat.

An die 300.000 Flaschen Cabernet Sauvignon, Chenin Blanc, Chardonnay, Merlot, Pinotage, Sauvignon Blanc und Shiraz produziert M’hudi heute; der Exportanteil liegt bei 80 Prozent. Auf dem Weg zur Gleichheit sieht Diale Rangaka noch eine gehörige Strecke vor sich: „Es hilft Dir nicht beim Verkauf, wenn Du schwarz bist.“ Aber nicht zuletzt durch den Druck aus dem Ausland verändern sich – 18 Jahre nach dem Ende der Apartheid - die Rahmenbedingungen in der südafrikanischen Weinwirtschaft. Auf zehn Betriebe beziffert der Sekretär der „Black Vintners Alliance“ die Weingüter, die komplett im Besitz von Schwarzen sind, hinzu kämen noch einmal zehn, bei denen dies teilweise der Fall ist – wie etwa bei Diemersfontein in Wellington, wo ein Teil der Produktion unter dem Thokozani-Label vermarktet wird, das mehrheitlich den Landarbeitern und schwarzen Investoren gehört.
Foto: Die Familie Mhudi

"Fair labour practice" - ein neues Siegel

So wie Südafrika 2010 bereits mit einem Siegel für umweltschonende Weinproduktion voran gegangen ist und auch beim Fair Trade Akzente gesetzt hat, steht jetzt als dritter Schritt das Thema Ethik auf der Agenda. Seit Mai 2012 gibt es unter dem Motto „Fair labour practice“ ein neues Siegel, das künftig allen Landarbeitern Standards garantieren soll, wie sie in Europa üblich sind – aber auf anderen Kontinenten nicht unbedingt. Knapp 100 Kellereien und Produktionsbetriebe sind bereits akkreditiert, ihre Zahl wächst rasant. Ehrgeiziges Ziel von „Wieta“-Geschäftsführerin Linda Lipparoni: „Bis 2013 wollen wir ein Viertel aller bei uns erzeugten Weine zertifiziert haben.“

Am Ende soll dann in ein paar Jahren ein Siegel stehen, das von der gesamten südafrikanischen Weinindustrie getragen wird und weltweit als Vorbild für nachhaltige, faire und ethisch korrekte Rebensaft-Produktion gelten kann. Bei der Initiative mit im Boot sind neben der Regierung des Western Cape der Weinbauverband VinPro, die Marketingorganisation Wines of South Africa (Wosa), die South African Liquor Board Association (Salba), das „Women on Farms“-Project und die Gewerkschaft Sekhula Sonke. Faire Arbeitsbedingungen sind die eine Seite der Medaille, aber in Südafrika hat man natürlich auch begriffen, dass ein „sauberes“ Image im weltweiten Wettstreit um die Konsumenten sehr hilfreich ist. VinPro-Direktor Rico Basson: „Die Leute haben ein Recht darauf zu wissen, dass ihr Wein mit Respekt vor der Umwelt und den Menschen, die das Land bearbeiten, erzeugt worden ist.“

Auch für Diale Rangaka ist Respekt ein Schlüsselwort zur Zukunft Südafrikas . Dies gelte für beide Seiten. „Viele von uns Schwarzen müssen noch sehr viel über Wirtschaft lernen, um zu verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert“, stellt der 59jährige fest, „aber dann sollte man uns auch gleichberechtigt behandeln“. Der Professor aus Soweto („Wir verkaufen Wein, nicht Schwarzheit in Flaschen“) hat gezeigt, wie’s geht. Seine Kreszenzen werden nach Deutschland, England, Nigeria, Kenia und bis in die USA exportiert - wegen ihrer Qualität. Die Düsseldorfer ProWein als weltweit wichtigste Handelsmesse gehört aus gutem Grund zu den festen Terminen im Kalender von Diale Rangaka: „Wir haben schon viermal teilgenommen dort. Das lohnt sich.“

Thomas Brandl