Surfen auf der Riesling-Welle

Eine Generation junger Winzer frischt das Image des deutschen Weines im In- und Ausland auf

Deutscher Riesling, da sind sich Weinschreiber, Sommeliers und Spitzenköche weltweit einig, ist eine Diva, deren Reize sich dem unbedarften Konsumenten erst auf den zweiten Schluck erschließen – aber bei wem es einmal „Klick“ gemacht hat, der lässt nicht mehr mit sich diskutieren. „Ich denke, dass Riesling unstrittig die großartigste Weißweintraube der Welt ist“, sagt die britische Weinkritikerin und Master of Wine (MW) Jancis Robinson – „auch wenn mich viele Leute deshalb für verrückt halten“. Mehr und mehr Verbraucher rund um den Globus folgen dem Expertenurteil von Mrs. Robinson sowie vielen ihrer Kollegen. Und sorgen so für ein Riesling-Revival, das dem deutschen Wein insgesamt zu neuer alter Reputation verhilft. „Generation Riesling“ nennt sich folgerichtig auch die vom Deutschen Wein-Institut (DWI) tatkräftig betreute Nachwuchstruppe mit inzwischen mehr als 400 Mitgliedern, die im In- und Ausland kräftig das Image auffrischen.

Seit dem 15. Jahrhundert ist der Riesling-Anbau in Deutschland verbürgt, die Winzer aus dem Rheingau und von der Mosel waren die ersten, welche die wohl aus einer Wildrebe entstandene Sorte kultivierten. Zwar blieb bis weit ins 19. Jahrhundert hinein der Silvaner die am weitesten verbreitete Rebe, doch der Besuch von Queen Victoria 1845 im Rheingau und ihre Vorliebe für den Riesling aus Hochheim hatte Folgen: Die Queen machte den Hochheimer in der Kurzform „Hock“ in der ganzen angelsächsischen Welt bekannt – und der „Königin-Victoria-Berg“ unweit des Zusammenflusses von Main und Rhein trägt bis heute ihren Namen. „Good Hock keeps off the doc“ blieb über lange Zeit ein fest stehender Begriff in Great Britain. Deutscher Riesling wurde bis zum Ersten Weltkrieg oft zu höheren Preisen gehandelt als die teuersten Kreszenzen aus Burgund oder Bordeaux. 1917 zum Beispiel kostete ein Chateau Latour umgerechnet sieben Mark – eine Riesling-Spätlese von der Nahe-Spitzenlage Goldloch hingegen zehn! Tempi passati…
Foto: An der Weinbar. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Foto: Bopparder Hamm. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Foto: Brauneberger Juffer Sonnenuhr. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Foto: Moselschleife Bremm. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Foto: Riesling. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Foto: Rotenfels Nahe. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Foto: Anette Closheim. Quelle: Anette Closheim
Foto: Generation Riesling. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Foto: Joachim Fischer. Quelle: Joachim Fischer
Foto: Susanne Winterling. Quelle: Susanne Winterling
Foto: Weingenießerinnen. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Es dauerte lange, bis sich der deutsche Wein aus dem Tief der „süßen Welle“ nach dem Zweiten Weltkrieg, mit reich tragenden Neuzüchtungen, mit „Liebfraumilch“ und „Blue Nun“ als Botschafter in den Exportmärkten, wieder berappelte. Aber seit einem guten Jahrzehnt ist er auf dem Weg zurück zum alten Renommée. Qualitätsbewusste Erzeuger produzieren Rieslinge, die mit Frucht, feinstrahliger Säure und ausgeprägter Mineralität ihr jeweiliges Terroir in einer Weise zum Ausdruck bringen, wie dies vermutlich keine andere Sorte vermag.

Riesling hat in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland um 5.000 Hektar auf heute 22.600 Hektar bestockter Rebfläche zugelegt und sich damit Platz 1 in der Sortenstatistik vor dem Müller-Thurgau zurück erobert. Wichtigstes Anbaugebiet ist inzwischen die Pfalz mit 5.500 Hektar, gefolgt von der Mosel (5.300 Hektar), Rheinhessen (3.900 Hektar), dem Rheingau (2.400 Hektar), Württemberg (2.100 Hektar) sowie Baden und der Nahe mit jeweils 1.100 Hektar. Mehr als 60 Prozent der weltweiten Riesling-Anbaufläche befinden sich in Deutschland. Mit weitem Abstand folgen Australien (4.256 Hektar), Frankreich / Elsass (3.350), die USA (1.700), Österreich (1.643), Neuseeland (636), Kanada (440), Chile (293) und Südafrika (276).

So wie in der Heimat des Rieslings das Interesse gerade auch vieler jüngerer Konsumenten am säurefrischen, vielschichtig-mineralischen Rebensaft als Ausdruck von Modern Lifestyle seit Jahren zunimmt, feiert der „König der Weißweine“ im wichtigsten Exportmarkt, den USA, gleichfalls Erfolg um Erfolg. Seit 2005 veranstaltet das Deutsche Weininstitut dort „Riesling Weeks“ in Restaurants und im Handel, an denen inzwischen mehrere hundert Partner quer durch das ganze Land beteiligt sind. Ähnliche Promotion-Aktionen gibt es heute weltweit, von Singapur, Hong Kong und China über Kanada, Großbritannien, die Schweiz, Belgien und die Niederlande bis zu den vier skandinavischen Ländern Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland.
Foto: Nahe Riesling 1921. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Im „Windschatten“ des Rieslings segeln derweil auch die anderen deutschen Weine auf gutem Kurs. Die Exporterlöse legten im ersten Quartal 2013 um stolze 13 Prozent zu, wie DWI-Geschäftsführerin Monika Reule berichtet: „Aufgrund der qualitativ hervorragenden und auch mengenmäßig zufrieden stellenden Jahrgänge 2011 und 2012 sind wir zuversichtlich, dass sich die Exporte weiterhin positiv entwickeln werden.“ Der Trend gehe zu höherwertigen Weinen mit einem besseren Preisniveau für die deutschen Winzer. Auch im Heimatmarkt sind Riesling & Co. angesagter denn je: Der Absatz deutscher Weine stieg im ersten Halbjahr 2013 laut GfK um sechs Prozent, im Lebensmitteleinzelhandel sogar um elf Prozent.

In den USA sorgen derweil Riesling-Freaks wie der New Yorker Sommelier Paul Grieco, durchaus mal mit einem temporären Tattoo seiner Lieblingsrebsorte auf dem Unterarm beim „Summer of Riesling“ auftretend, der Großhändler Stephen Bitterolf (New York’s Crush Wine & Spirits) oder der Journalist David Schildknecht (The Wine Advocate) für entsprechende Publicity. Gemeinsam mit „Wines of Germany“, dem Autor Stuart Pigott (Berlin) und dem Master Sommelier Chris Miller (Beverly Hills) organisierte Grieco im Juni diesen Jahres einen neuntägigen „Riesling & Co. Road Trip“ quer durch die USA von Los Angeles über Las Vegas, Phoenix, Austin, Houston, New Orleans und Washington DC bis nach New York. Kein Wunder, dass selbst das angesehene Wall Street Journal inzwischen den deutschen Riesling als „heiligen Gral aller Wein-Profis“ entdeckt hat – ungeheuer vielschichtig, lagerfähig und im Vergleich zu einem Chardonnay Grand Cru aus Burgund „noch immer sehr erschwinglich“. Auch in Großbritannien, so die Weinkolumnistin des „Sunday Telegraph“, Susy Atkins, gewinne Premium-Riesling aus Deutschland laufend an Popularität – die Zeit von „cheap and sweet“ als Synonym für Wine from Germany gehe zu Ende.

Vor allem die Betriebe des Verbandes Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), manche von ihnen schon in den goldenen Zeiten vor 100 Jahren erfolgreich auf den Exportmärkten unterwegs, haben in jüngster Zeit viel getan, um dem deutschen Wein das Image zurück zu geben, das er verdient. Veranstaltungen wie „Ein Jahrhundert Deutscher Riesling“, am 26. April 2008 stilecht auf Schloss Johannisberg organisiert, ließen nicht nur die internationale Fachwelt aufhorchen. Aber mehr und mehr glänzen inzwischen auch bei internationalen Wettbewerben Weingüter, die nicht dem Eliteclub angehören, und Winzergenossenschaften mit blitzsauberen Kreszenzen. Die qualitative Spitze ist sehr viel breiter geworden.
Foto: Ilonka Scheuring. Quelle: Ilonka Scheuring
Niemand wird bestreiten, dass dies etwas mit einer neuen Winzergeneration zu tun hat, die quer durch alle 13 Anbaugebiete mit großem Spaß und vielen Ideen zu Werke geht. Sehr gut ausgebildet und in den meisten Fällen mit internationaler Erfahrung von Neuseeland bis Niagara, von Stellenbosch bis Südtirol versehen, polieren die über 400 Mitglieder der „Generation Riesling“ seit Sommer 2009 mit DWI-Unterstützung digital, multimedial und bei Präsentationen im In- und Ausland auch ganz real kräftig mit am Image – als „Botschafter einer modernen, hochwertigen und dynamischen Weinerzeugung in Deutschland“, wie es auf ihrer Website heißt. Wer mitmachen will, darf maximal 35 sein. Das Netzwerk soll dazu dienen, Kontakte zu knüpfen, Ideen zu entwickeln, miteinander Aktionen durchzuführen und unter dem gemeinsamen Dach Individualität zu beweisen.

Mit drei großen Präsentationen in Berlin, Köln und Hamburg machte die „Generation Riesling“ in den vergangenen Monaten auf sich aufmerksam, sie war Hauptsponsor der „Chillout WeissRot-Party“ im Rahmen der ProWein 2013, führte internationale Besucher der INTERVITIS INTERFRUCTA durch den Rheingau und machte das junge Publikum beim Surf Cup auf Sylt, Norderney und Fehmarn mit Riesling, Pinot Noir, Weißburgunder und anderen deutschen Rebsorten vertraut. Seit dem 16. Mai gibt es im angesagten Hotel „The Grand“ am Alexanderplatz mitten in Berlin eine eigene „Generation Riesling Suite“ als Anlaufstelle für Veranstaltungen – und erstmals auch Weine von den jungen, aufstrebenden Betrieben auf der Karte. Die Suite ergänzt die gleichfalls vom Deutschen Weininstitut initiierten Riesling Lounges in Köln, München, Frankfurt und im Berliner Grand Hyatt Hotel.

Frank Schulz, Kommunikationsleiter des DWI, ist überzeugt, dass die „Generation Riesling“ auch in Zukunft viel dazu beitragen kann, „ein sympathisches Deutschlandbild überall in der Welt zu vermitteln – das sind innovative, kompetente und weltoffene junge Leute, die für ein positives Lebensgefühl stehen“. Obendrein machen sie Weine, die sich hinter denen der arrivierten Kollegen wahrlich nicht zu verstecken brauchen. Ilonka Scheuring (28) aus dem fränkischen Margetshöchheim zum Beispiel kreierte nach ihrem Einstieg im Betrieb zuerst einmal eine junge Linie in knalligem Design, strich das Flaschenangebot auf die Hälfte zusammen – und wurde 2010 von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft zur besten Jungwinzerin gekürt. Weg vom „doch sehr angestaubten Image früherer Zeiten“ lautet für Ilonka Scheuring die Devise, „wir haben Ideen, sind hungrig nach Anerkennung und wollen den deutschen Wein in aller Munde bringen“.
Foto: Riesling. Quelle: DWI - Deutsches Weininstitut
Im württembergischen Gündelbach zeigt derweil Joachim Fischer, dass man auch in einer Rotweinhochburg Spitzen-Weißweine produzieren kann. Mit der „Generation Riesling“ war der 33jährige schon von Berlin über Sylt bis nach Oslo bei Präsentationen unterwegs und mit dem Erfolg sehr zufrieden: „Ich kann mir gut vorstellen, dass der Hype um den deutschen Riesling auf den heimischen Markt übergeht und international auch unser Spätburgunder in Zukunft seine Anerkennung findet.“ Anette Closheim aus Langenlonsheim an der Nahe kam erst auf dem Umweg als Produktmanagerin für Single Malt Whiskies und Premium Wodkas in London zurück ins elterliche Weingut, wo sie nach Teilung desselben ihre eigene Philosophie umsetzen konnte: moderne Premiumweine für die Spitzengastronomie und anspruchsvolle Konsumenten zu produzieren. 2009 wurde sie als erste Winzerin von der Zeitschrift „Weinwelt“ als Riesling-Entdeckung des Jahres ausgezeichnet. Für die Zukunft träumt die Winzerin davon, dass „deutsche Weine international genauso bekannt und geschätzt sind wie die aus Bordeaux oder dem Burgund“. Die Generation Riesling mit ihren jungen, innovativen Konzepten könne viel dazu beitragen.

Axel Pauly aus Lieser an der Mosel (Sein Motto: „Riesling rockt!“) haben vom DWI organisierte Weinpräsentationen schon nach Oslo, London, Stockholm, Berlin, München und Hamburg geführt: „Das macht immer viel Spaß.“ Händlern und Journalisten vermittelt der 33jährige gerne bei Touren durch seine Wingert, was es heißt, Steillagen-Winzer an der Mosel zu sein. Sich selbst bezeichnet Pauly als „unglaublich weinverrückt – so wie fast alle Winzer der Generation Riesling“. Auch nach Ansicht der früheren Pfälzer Weinkönigin Susanne Winterling (26) aus Niederkirchen surfen die Jungwinzer derzeit „auf einer atemberaubend dynamischen Woge“, mit ständig wachsender Anerkennung bei Konsumenten und Gastronomen im In- und Ausland: „Deutschland kann nicht nur Industrie und Autos - von der Qualitätsentwicklung beim Wein darf sich heute so manches bekannte Land der Alten Welt eine Scheibe abschneiden.“

Thomas Brandl