Sizilien – ein Kontinent erwacht

Sizilianer nennen ihre Heimat gern einen Kontinent – zumindest wenn es um Wein geht. Tatsächlich hat die Mittelmeerinsel sehr unterschiedliche Landschaften und Terroirs. Dazu kommt eine lange Liste autochthoner Sorten. Lange Zeit galt Sizilien als Zulieferer von Massenware. Doch die Winzer setzen ihr önologisches Potenzial geschickt ein und haben heute manchen anderen Regionen etwas voraus.

Johann Wolgang von Goethe liebte Italien. So sehr, dass er sich 1787 heimlich dorthin auf den Weg machte und in Deutschland alles stehen und liegen ließ. Die Reise erfüllte alle Erwartungen. Nur am südlichsten Punkt seines Selbsterfahrungstrips musste er noch eins drauf legen. „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele“, notierte der Dichter nachdenklich. Landschaft, Kultur und die lebendige Historie hatten es ihm angetan. Neben den üppigen Zeugnissen aus der Antike begeisterte ihn die Schönheit der unterschiedlichen Landschaften. Die Terroirs von den grünen Tälern im Westen über die Hänge des schneebedeckten Ätna bis zu den kargen Vulkaninseln, über die der afrikanische Wind fegt, sind heute eine großartige Substanz für den Weinbau.

Trotz aller Unterschiede ist das Klima allgemein trocken, von Mai bis September regnet es normalerweise gar nicht. „Deshalb ist das hier aber noch lange nicht die vertrocknete Insel, auf der sonnengegerbte Südländer in den Weinbergen schuften“, lacht Dario Cartabellotta. Der Lokalpolitiker meint damit Bilder aus Filmen wie „Stromboli“, „Cinema Paradiso“, „La Terra Trema“ und den endlosen Mafia-Sagas, die das Image von Sizilien in der Welt prägen. Tatsächlich erinnern die grünen Ebenen der Insel wenig an Filme von Lucino Visconti oder Francis Ford Coppola. Mit seiner fast allgegenwärtigen Seebrise, die nebenbei Schädlinge fernhält, ist das Klima wesentlich milder als man erwartet. Die Anbaubedingungen sind in weiten Teilen perfekt.
Foto: Pferd mit Pflug
Foto: Obst und Gemüse aus Sizilien
Foto: Vierkanthof arabischen Ursprungs
Foto: Ätna
Foto: Vegetation am Ätna
Foto: Küste auf der Insel Pantelleria
Foto: Steilküste auf der Insel Pantelleria
Foto: Salinen bei Taormina
Foto: Küste Taormina
Foto: Taormina bei Nacht
Foto: Syrakus

Drehscheibe für Kultur

Weinreben sind hier fast so alt wie die Berge selbst. Die ältesten Trauben reiften Millionen Jahre, bevor Menschen kamen und Sizilien zu einer der ältesten Zivilisationen Europas machten. Als Seefahrtsstützpunkt war die größte Mittelmeerinsel Jahrhunderte lang politische Drehscheibe des Mittelmeerraums. Im 8. Jahrhundert vor Christus kamen Griechen, die ihre Stadtstaaten mit Landwirtschaft aus dem Hinterland versorgten. Sie brachten unter anderem Nero d'Avola mit und entwickelten den Weinbau. Syrakus avancierte zum geistigen Zentrum, wo die Erotik-Dichterin Sappho selbst Wein angebaut haben soll.

Der Naturwissenschaftler Archimedes entwickelte hier neben den Grundlagen der modernen Mathematik ein Katapult. Die moderne Artillerie hielt die römische Marine lange Zeit auf Distanz. Am Ende schafften es die Römer dann doch und intensivierten später den Weinbau. Julius Caesars Lieblingswein war Mamertino. Sizilien avancierte zur touristischen Destination für reiche Römer. Eine Art Party-Insel, von der sogar Trinkspiele überliefert sind. Im Mittelalter setzten Araber die Standards für technische Innovationen. Neben Zitronen und Orangen brachten sie Bewässerungstechniken, die Destillation und einen gesunden Durst auf Wein mit. So blieb der Anbau produktiv.
Foto: Die Stadt Syrakus

Fluch wird zum Segen

Der englische Kaufmann John Woodhouse machte Ende des 18. Jahrhunderts schließlich den Marsala zum Exportschlager. Trotzdem gab es Luft nach oben. „Das Öl, der Wein alles sehr gut“, befand Goethe, „und sie könnten noch besser sein, wenn man auf ihre Bereitung mehr Sorgfalt verwendete“. Die Vereinigung mit Italien durch die Guerillakämpfer Giuseppe Garibaldis ließ Sizilien landwirtschaftlich zurück fallen. Hohe Steuerlasten trieben die Landwirte in den Ruin und nicht wenige in die USA, wo die Mafia-Filme schließlich zum eigenen Genre wurden. Bei der Invasion 1943 verließ sich die US Army nach Ansicht von Historikern auf die Ortskenntnis sizilienstämmiger Mafiosi – mit der Folge, dass sie in ihrer alten Heimat gut wieder Fuß fassen konnten. Sizilien blieb arm, Ende der fünfziger Jahre wanderten hunderttausende Sizilianer nach Norditalien und Westdeutschland aus.

Derzeit ist man dabei, den Fluch der Mafia in Segen umzuwandeln. Von Verbrechern konfiszierte Grundstücke nahe dem legendären Corleone wurden aufgerebt. Der Bio-Nero d'Avola „Centopassi“, nach einem von der Mafia ermordeten Journalisten, verkauft sich blendend. Und wenn Dario Cartabellotta heute vor Winzern verkündet, dass die Google-Suche Sizilien-Wein deutlich mehr Treffer ergibt als die nach der Mafia, dann bekommt er dafür von seinen Landsleuten fröhlichen Applaus.
Foto: Verkostung

Renaissance durch Nachhaltigkeit

Der Marsala aus der Stadt an der Westküste war noch vor einigen Jahrzehnten der international bekannteste Wein Siziliens. Im großen Stil produziert, machten die aufgespriteten Weine zuerst dem Sherry Konkurrenz. Ende des 20. Jahrhunderts aber wurde immer mehr immer billiger losgeschlagen, am Ende vermischt mit Eigelb als quasi vorgemixter Flip. Heute führen die wenigen guten Erzeuger neben bekannten Süßweinen wie dem Moscato di Noto oder Malvasia di Lipari ein Nischendasein.

Erst in den späten achtziger Jahren traten sizilianische Weine auf die internationale Bühne und das ironischerweise als Alternative zu Australien, das klimatisch vergleichbar ist. Ohnehin wollte die Kundschaft trockene Weine und fand sie im Hinterland der Westküste. Dort, wo Tomasi di Lampedusas Historien-Drama „Il Gattopardo” um den Zwang zur Veränderung während der Entstehung des italienischen Staats spielt, wachsen noch ein gutes Jahrhundert später 85 Prozent der sizilianischen Weine. In dem Seeklima fielen die ersten Chardonnays auf, die international mithalten konnten. Wichtiger wurden aber Weine wie Planetas „Cometa“. Aus der ursprünglich kampanischen Traube Fiano entstand ein dicht-mineralischer Wein, der die Richtung für die Renaissance des sizilianischen Weinbaus angab, die vor allem Nachhaltigkeit und Authentizität sucht.

25.000 Hektar oder 38 Prozent Weingärten werden biologisch bewirtschaftet. „Und wir machen hier kein ‚green-washing’, das muss die Welt wissen“, sagt ein stolzer Francesco Ferreri, Besitzer von Valle dell’Acate und Präsident von Assovini. Der Zusammenschluss qualitätsorientierter Weingüter, großer und kleiner, hält große Stücke darauf, dass alle Mitglieder dasselbe Stimmrecht haben. Das Durchschnittsalter des Vorstands liegt bei 40 Jahren, und die Frauenquote ist bewusst sehr hoch. Will sagen, das ist kein Verein alter Männer, die Veränderung blockieren. 1998 von den drei Vätern der sizilianischen Wein-Renaissance Planeta, Donnafugata und Tasca d’Almerita gegründet, vertreten die 72 Mitglieder heute 80 Prozent aller abgefüllten Weine. Hauptziel ist der Erfolg auf den Auslandsmärkten und zwar als Qualitätswein.

Autochthone Rebsorten nehmen dabei eine Hauptrolle ein. „Schließlich haben wir über sechzig verschiedene“, erklärt Antonio Rallo, Präsident des Winzerverbands, „und es kommen immer noch neue dazu“. Fast jeder dritte Assovini-Winzer hegt Versuchspflanzungen, um hochwertige Reben zu selektieren. Dabei kommen Namen wie Vitarolo zu Tage, „eine Weißweinsorte, von der es nur noch einen Stock im Garten eines Neunzigjährigen gab“, so Rallo. Die Universität von Catania will mit einer Versuchspflanzung sogar herausfinden, wie die Römer Wein anbauten.

Viel Zeit, viel Holz

Eine der wichtigsten Sorten ist der im Anbau recht anspruchsvolle Nero d'Avola, obwohl daraus noch immer viele mittelmäßige Weine gemacht werden. „In zu früh gelesenen Weinen“, sagt der Giacomo Ansaldi, Önologe bei Fazio, „bleiben die unreifen Tannine für immer hart.“ Das gilt auch für Trockenheit, weshalb die Rebzeilen oft bewässert werden. Der Nero d'Avola von Fazio zeigt, was geht: mit einer seidig-warmen Textur spiegelt er perfekt die Lehmkalkböden mit Eisenoxid wieder. Ähnliche Karrieren könnten Nerello Mascalese und Frappato bevorstehen, deren Möglichkeiten man erst auslotet. Auch vereinzelte Versuche mit auswärtigen Rebsorten wie Tannat oder Malbec lassen sich gut an.

Die Regionen Vottoria und Noto an der Südspitze gehören zu den besseren Standorten für Rotweine. Die Reben wurzeln tief und produzieren so dichte Weine mittleren Körpers mit viel Eleganz, wie bei Giacomo Ansaldis Cerasuolo di Vittoria aus 70 Prozent Nero d’Avola und 30 Prozent Frappato. Sie haben die Regionen im Süden zu einem der geschätztesten Standorte gemacht. Auch Sorten wie Nocera, Nerello Cappuccio und besonders Nerello Mascalese zeigen gerade ihr Potenzial. Bei den Weißen heben sich Zagra und Grillo ab. Vordergründig ein leicht zugänglicher Weißwein, kann er einen feinen Kreideton annehmen. Besonders gut nachzuvollziehen in der Abfüllung von Fazio.

Der Kreideton findet sich auch im Inzolia von Firriato. Nach der Betriebsgründung 1992 brachte Winzer Salvatore di Gaetano seine Erfahrungen aus Australien ein. Ein typisches Beispiel für die Innovationsfähigkeit in der Region. Heute produziert Firriato auf 300 Hektar einige der besten Weine Siziliens.
Foto: Pantelleria Weingärten

Weltkulturerbe am Lavahang

Die wertvollste Region der Insel sind die Hänge des Ätna mit seinen braunen Vulkanböden, die von feinem Puder am Fuß bis zu handballgroßen Brocken in Richtung der Schneekrone variieren und sehr gute Drainage bieten. Bis auf eine Höhe von über tausend Meter wachsen heute Weinstöcke und nutzen das extreme Gefälle zwischen Tag- und Nachttemperaturen, das mehr als zwanzig Grad betragen kann. Mit über 1000 Millimeter pro Jahr sind die Niederschläge höher als im feuchten Deutschland. Hier gibt es die größte Dichte an Avantgardisten, die auf kleinen Flächen das Mögliche ausloten: uralte Rebstöcke, bio bis biodynamisch. 85 Prozent der Produktion wird ab Hof verkauft.

Die Weine erreichen eine dichte Mineralität und Reifefähigkeit. Viele Namen werden unter Kennern längst mit Ehrfurcht ausgesprochen. Das Potenzial haben aber auch Weißweine. Nerello mascalese und Carricante entwickeln hier besondere Qualität. Von den internationalen Rebsorten findet Syrah gute Bedingungen. Hoffnungen wecken auch Tempranillo und der blumige Petit Verdot. Ein weiteres extremes Terroir bieten die vorgelagerten liparischen Inseln im Norden und Pantelleria im Süden. Hier wachsen auf 83 Quadratkilometern Zibibboreben (Muscat d’Alexandrie), die Donnafugata, das älteste Weingut Siziliens, zu ihrem Vorzeige-Passito Ben Ryé verarbeiten. Geografisch so nah an der marokkanischen Küste, das man meist nur arabische Sender im Radio hört, werden die uralten Rebstöcke in der aufwändigen Alberello-Form gezogen. Einzelstöcke stehen leicht im Sand abgesenkt, damit sie sich vor den heißen afrikanischen Winden ducken können, Die Erziehungsmethode fordert jährlich 800-900 Stunden Handarbeit und wurde von der UNESCO 2014 glücklicherweise als Weltkulturerbe anerkannt. Immerhin zehn Prozent der Rebfläche Siziliens sind damit bestockt.
Foto: Terrassenanlagen
Foto: Alberello auf der Insel Pantelleria
Foto: Tancredi Fasskeller
Foto: Alter Stockaustrieb
Foto: Weinbau am Ätna
Foto: Weinberge am Ätna
Foto: Donnafugata auf der Insel Pantelleria

Hitec am Ende des Schotterwegs

Mit seinen 113.000 Hektar ist Sizilien doppelt so groß wie die Toskana oder das Piemont. Sorten und Terroirs sind aber so unterschiedlich, dass zwischen der Lese der ersten Moscatos im Westen im August und dem letzten Nerello Mascalese am aktivsten Vulkan Europas über hundert Tage liegen. Eben deshalb sprechen Sizilianer gern von einem Kontinent. Der liegt zwar kurz vor Afrika, Südsizilien hat den geringsten Niederschlag in Europa, und der Klimawandel macht keine Ausnahmen. Aber mit sinnvollen Anbaumethoden und den richtigen Reben fahren die Sizilianer bis jetzt gut.

Die Möglichkeiten haben viele Winzer erkannt. Betriebe aus dem Norden kaufen hier preiswerte Lagen, bringen Wissen und Kapital mit. Noch 2010 schimpfte Piero Antinori mit Blick nach Süden, dass dreißig Prozent des italienischen Weins qualitativ schlicht unakzeptabel seien. Heute rät der toskanische Grande seinen Kollegen, sich an Sizilien zu orientieren. Die leidige Überproduktion ist gebannt. Es gibt zwar nur eine DOCG, Cerasuolo di Vittoria. Da müsste noch was kommen. Auch die Infrastruktur lässt Wünsche offen. Zu so manchem Hitec-Weingut führt nur ein Schotterweg.

Trotzdem haben die Sizilianer ein Auge auf den Weltmarkt und das große Ganze. Mehr als die Hälfte der Weine wird in über hundert Länder ausgeführt. Nachhaltigkeit und biologischer Anbau sind da eher Dinge am Wegesrand. „Wir brauchen außerdem noch mehr Forschung“, fordert Alberto Tasca d’Almerita, „neue Regeln für das Finanz-System, um die Krise zu überwinden und grüne Jobs schaffen.“ Ob Goethe das geahnt hat, als er schrieb, “Sizilien ist der Schlüssel zu allem.“

Matthias Stelzig