Selbst die Royals stehen auf English Sparkling

Rebfläche auf der Insel hat sich in den letzten acht Jahren verdoppelt / Vom Exoten zum Exportschlager: Schaumweine sind sehr gefragt

Hand aufs Herz: Wer denkt beim Stichwort England schon an Reben – und nicht an Regen? Die Insel gilt als Heimstatt von Bier und Cider, von Fish&Chips und allerlei gastronomischen Spezialitäten, die man erst lieben lernen muss… Doch ebenso wie die Briten in punkto Küche & Kulinarik gewaltig aufgeholt haben in der jüngsten Vergangenheit, schicken sie sich jetzt auch an, den französischen Nachbarn jenseits des Ärmelkanales vor allem mit knackigen Sparklings Konkurrenz zu machen. Dem Klimawandel sei Dank: allein in den letzten acht Jahren hat sich die Rebfläche in England und Wales auf 1.450 Hektar verdoppelt – das ist mehr als zum Beispiel das kleine, aber für seine Rebensaftproduktion weitaus bekanntere Luxemburg vorweisen kann.

„Wir sind noch Exoten. Aber die Weinwelt hat uns entdeckt und beginnt, positiv über uns zu sprechen“, stellt Julia Trustram Eve, Marketingchefin der „English Wine Producers“ (EWP), nicht ohne Stolz fest. Auf der ProWein 2014 war der Stand, an dem sich sechs Top-Güter von der Insel zum zweiten Male präsentierten, stets gut frequentiert. Viele Besucher zeigten sich überrascht von der hohen Qualität vor allem der Schaumweine, die etwa zwei Drittel der Erzeugung ausmachen. Kein Wunder, wachsen doch viele Rebstöcke von Pinot Noir, Chardonnay und Pinot Meunier im Süden Englands auf genau den gleichen Kreideböden und in ähnlichem Klima wie in der Champagne.
Foto: Camel Valley
Foto: Dégorgement bei Bolney
Foto: Pupitre
Foto: Weinberge Camel Valley
Foto: Traubenlese
Foto: Sparkling-Parade
Foto: Panorama Brightwell Winery
Anerkennung holen sich ambitionierte Weingüter wie Ridgeview, Balfour, Gusbourne, Chapel Down, Bolney oder Hattingley Valley inzwischen nicht nur bei internationalen Wettbewerben, wo sie in schöner Regelmäßigkeit die Sparkling Trophies abräumen, sondern auch durch die Aufnahme ihrer Bouteillen in die Weinkarten von Sterne gekrönten Restaurants im In- und Ausland. Die internationale Weinkritik mag da nicht zurück stehen und schüttet das Füllhorn mit lobenden Worten aus. „Ich bin absolut begeistert von der Qualität der englischen Sparklings. Die Weine sind im Allgemeinen extrem gut gemacht, mit wirklich frischer, lebhafter Frucht, genau der richtigen Menge Bläschen und mit Sicherheit ohne die übertriebene Süße, die viele andere Schaumweine maskiert“, verteilt Jancis Robinson MW Bestnoten an die sprudelnden Stars aus Merry Old England. Diese haben freilich auch ihren Preis. Der Balfour Brut Rosé 2010 kostet im Handel knapp 40 Pfund, die Hattingley Valley Kings Cuvee aus dem gleichen Jahrgang schlägt mit 65 Pfund zu Buche.

Simon Robinson, Besitzer des 24-Hektar-Betriebes in Hampshire, macht deshalb auch gar keine Umstände, wo für ihn die Messlatte hängt: „Wir haben viel in moderne Technologie investiert seit dem Start 2008, pflegen unsere Weinberge perfekt, bauen einen Teil der Moste in Eichenfässern aus – und brauchen uns vor der Champagne nicht zu verstecken.“ Auf der ProWein Ende März in Düsseldorf waren Robinson und Winemakerin Emma Rice trotzdem positiv überrascht vom „Rieseninteresse an den englischen Sparklings – wir sind auf einem sehr guten Weg“. Marketingfrau Julia Trustram Eve, die für den EWP-Auftritt in Düsseldorf verantwortlich zeichnete, sieht’s ebenso: „Unsere Erzeuger ernten jetzt die Früchte ihrer harten Arbeit . Die ProWein mit ihrer hohen Fachbesucherqualität ist genau die richtige Plattform, um unsere Weine international noch bekannter zu machen.“

Wie lange Vitis vinifera schon in englischer Erde wurzelt, ist nicht ganz gesichert. Zwar fanden Archäologen an mehreren Grabungsstätten im Süden Weinamphoren und silberne Trinkgefässe aus dem ersten Jahrhundert vor Christus – diese könnten aber auch über den starken Handel mit Italien und dem heutigen Frankreich ins Land gekommen sein. Nach der römischen Invasion im Jahre 43 nach Christus gewann der Weinkonsum an Popularität. Funde von Reb-Pollen in einer Ausgrabungsstätte im Nene Valley in der Nähe von Wellingborough stützen die Theorie, dass die Römer auch den Weinstock mitbrachten bei ihrem 300jährigen „Ausflug“ auf die Insel. Das Klima damals muss aber wohl grenzwertig gewesen sein. Tacitus beschrieb es als „unangenehm und überhaupt nicht geeignet für den Anbau von Reben…“
Foto: Von der Traube ins Glas
Auf die Römerzeit folgten die Invasionen der Angeln und der Sachsen, im späten achten Jahrhundert die der Wikinger. Nur mit Hilfe der Klöster konnte der Weinbau an einigen wenigen Stellen im Land überleben. Die Normannen führten ihn nach 1066 zu neuer, bislang unbekannter Blüte, die nicht zuletzt auch der Klimaerwärmung im Spätmittelalter zu verdanken war. Dennoch blieb der einheimische Rebensaft stets im Schatten der importierten Konkurrenz aus Bordeaux, Porto, Madeira, Jerez de la Frontera sowie jener von Rhein und Mosel.

Zwar berichtet die Geschichte immer wieder von hartnäckigen Versuchen mit Weinbergspflanzungen wie jener des großen Botanikers John Tradescant auf dem Gut von Lord Salisbury in Hertfordshire im 17. Jahrhundert oder der von Lord Bute beim walisischen Castle Coch 200 Jahre später – doch von einem ernsthaften Weinbau mit ökonomischem Hintergrund kann man erst ab den 1950er Jahren sprechen. Bis heute gelten die Rebenpioniere Ray Barrington Brock, der in seiner Versuchsanstalt in Oxted / Surrey über 25 Jahre hinweg mit mehr als 600 verschiedenen Wein- und Tafeltraubensorten experimentierte, sein Kollege Edward Hyams und George Ordish, Autor des Buches „Wine Growing in England“, als Väter der modernen britischen Weinwirtschaft.
Foto: Ernte mit dem Quad

Korkenzieher kommuniziert mit dem iPhone

Setzten die Winzer Englands lange auf früh reifende Sorten wie Bacchus, Seyval Blanc, Huxelrebe, Ortega, Reichensteiner, Müller-Thurgau, Schönburger und diverse Hybriden, hat bei der Pflanzpolitik inzwischen längst ein Umdenken eingesetzt: die Hälfte aller Neuanlagen bestehen heute aus Chardonnay, Pinot Meunier und Pinot Noir. Vorbei die Zeiten, in denen die englischen und walisischen Weine als eher bescheidene Kopien der Deutschland-Importe à la Liebfraumilch daher kamen, mit ordentlich Restzucker versehen, um die hohe Säure abzupuffern, und nicht gerade als Essensbegleiter prädestiniert. Pioniere wie der Premium-Sekthersteller Nyetimber in West Sussex setzen auf den Trauben-Blend der Champagne und orientieren sich auch bei Ausbau und Preis am großen Vorbild jenseits des Kanales. Mit großer Genugtuung wird vermerkt, dass in jüngster Zeit immer wieder Vertreter bedeutender Champagnerhäuser diskret die Möglichkeiten für neue Anbauflächen im Süden Englands sondieren…

In der Tat hat der dortige Weinbau in den vergangenen 15 Jahren eine Atem beraubende Entwicklung genommen: die Sparkling-Produktion hat sich seit dem Millennium von rund 250.000 Flaschen auf bald vier Millionen verfünfzehnfacht. Hinzu kommt noch die halbe Menge an Stillweinen, unter denen sich vor allem die Rosés stetig steigender Beliebtheit erfreuen. Obwohl die Nachfrage nach den einheimischen Schäumern auf der Insel die verfügbare Menge übersteigt, setzen die Top-Produzenten mehr und mehr auf den Export. Ridgeview zum Beispiel verkauft bereits über 20 Prozent seiner Sparklings außerhalb des Landes, nach Australien, Dänemark und Finnland ebenso wie nach Hong Kong, in die Schweiz und in die USA.

Für Besitzer Mike Roberts, der in der Computerbranche sein Geld verdient hatte, bevor er 1994 das Weingut in Sussex aus dem Boden stampfte, ist das wechselhafte Klima auf der Insel das einzige Problem, das den weiteren Aufstieg bremsen könnte: „Das ist eigentlich die einzige Sorge, die ich habe…“ Wenn das Wetter mitspielt, was zum Beispiel 2013 nicht der Fall war, können in den South Downs “außergewöhnliche Schaumweine mit kristallklarer Mineralität und Säure und Noten von wildem Kerbel und Heckenrosen“ entstehen, denen der Weinautor Adam Lechmere schon heute eine eigene englische Terroir-Stilistik attestiert: „Das muss dann nur noch nach dem Burberry-Effekt international vermarktet werden.“
Foto: English Sparkling
Auch die britischen Royals haben längst Geschmack gefunden an den heimischen Sparklings und beehren die Produzenten immer wieder mal bei offiziellen Anlässen mit ihrer Anwesenheit – wie unlängst Lady Camilla, die Herzogin von Cornwall, in Camel Valley. Beim Diamantenen Thronjubiläum der Queen ebenso wie beim Staatsbankett für Barack Obama kam der Sekt aus dem Keller von Ridgeview – das inzwischen bei diversen Wettbewerben mehr als 200 Medaillen und 27 Trophies gewonnen hat, darunter die als „Best Sparkling Wine Worldwide“ bei den Decanter Awards 2010.

EWP und ihre Schwesterorganisation United Kingdom Vineyards Association mit Präsident Paul Langham an der Spitze haben in den letzten Jahren sehr viel dafür getan, das Know-how in Weinberg und Keller zu verbessern und dem heimischen Rebensaft landesweit ein positives Image zu verschaffen. Die Preisverleihung der „English & Welsh Wine of the Year Competition“ ist ein inzwischen gefragtes gesellschaftliches Event, die „English Wine Week“ und das alljährliche „Trade & Press Tasting“ steigern die Aufmerksamkeit und das öffentliche Interesse zudem.
Auf der Technologiemesse Intervitis Interfructa 2013 in Stuttgart wurde erstmals eine größere englische Delegation registriert, mit dem Plumpton College besteht inzwischen eine eigene Forschungsstätte, die über England hinaus einen guten Ruf genießt. Zum internationalen Austausch trägt sicher auch bei, dass sich im Mai 2016 beim 9. Internationalen Cool Climate Wein-Symposium Experten aus der ganzen Welt erstmals im britischen Brighton treffen werden – nach vorherigen Stationen in Tasmanien, Neuseeland, Oregon und Burgund. Damit rückt England ganz offiziell in den Status einer Ernst zu nehmenden Weinbaunation.

Wie sehr die Dinge im Fluss sind, zeigt vielleicht auch das Beispiel der Weinjournalisten-Legende Steven Spurrier: dieser feierte seinen 70. Geburtstag letztes Jahr nicht pompös in einem Bordeaux-Chateau, sondern in Form eines ländlichen Picknicks mit Gästen wie Hugh Johnson und Michael Broadbent in seinem eigenen Weinberg in Dorset. Edeltropfen von Bollinger, Beaucastel und Léoville-Barton gab’s dabei durchaus zu genießen – doch der Chardonnay kam von Arcadia sowie Shaw&Smith. Aus England. So ändern sich die Zeiten.

Thomas Brandl