Prosecco – vom regionalen Landwein zum weltweiten Lifestyle

Noch vor ein paar Jahrzehnten war Prosecco nicht mehr als ein Wein aus der Gegend nördlich von Triest. Mit seiner unkomplizierten Art hat er es weit gebracht. Der Schaumwein wird auf fünf Kontinenten getrunken und hat der Konkurrenz mengenmäßig den Rang abgelaufen. Dabei hat Prosecco nicht einmal besonders große Marken – aber er ist ein Glückskind.

Wenn Weinproduzenten ihren Marktanteil erhöhen oder ihr Image verbessern wollen, fällt früher oder später der Name Prosecco. Kaum ein Produkt der Branche hat eine so rasante Entwicklung hingelegt wie Prosecco. Und viele Strategen rätseln, wie er das gemacht hat.

Die Eckdaten sind unauffällig. Angebaut wird Prosecco in der weiten Ebene von Venetien südlich der Alpen. Die Fläche reicht über zwei Regionen und neun Provinzen von Venetien bis Julisch-Friaul. Genossenschaften und Großbetriebe besitzen ausgedehnte Flächen. Der kostengünstige Anbau in Nordostitalien und die Produktion im praktischen Charmat-Verfahren sind ideale Voraussetzungen für große Mengen. So einige Unternehmen haben sich von außen eingekauft. Sie reiten auf der Popularitätswelle des Prosecco und erschließen so Märkte für ihre weiteren Produkte.

Prosecco-Landschaft in Venetien

Prosecco-Landschaft in Venetien, © Matthias Stelzig

Wie überall rief der Erfolg auch nicht ganz so qualitätsorientierte Mitbewerber auf den Plan, die ihren „Prosecco“ unter anderem in der Lombardei und der Emilia Romagna anbauten. Seit dem Jahr 2010 grenzt deshalb das Consorzio das DOC-Gebiet ein, in dem geerntet und abgefüllt werden muss. Dazu wurde der Rebsortenname von Prosecco auf Glera – ein altes Synonym aus dem Friaul – geändert. Damit waren phantasiereiche Wortschöpfungen, die regionale Herkunft nur suggerierten, passé, nicht zuletzt solche, die erst in großen deutschen Kellereien abgefüllt wurden. Ebenfalls auf den Müll flogen goldene Blechdosen. Prosecco gibt es nur in Flaschen.

Heute müssen DOC-Weine zu 85 Prozent aus Glera bestehen. Die Erntemenge ist auf 18 Tonnen pro Hektar begrenzt. Spumante und Frizzante existieren neben einander, wobei Schaumwein in den Kernzonen überwiegt und umgekehrt in den einfacheren Herkünften mehr Perlwein produziert wird. Kuriose Ausnahme: Weine aus dem Dorf Prosecco bei Triest dürfen nicht Prosecco heißen.

„Elixier für ein langes Leben“

Angebaut wird Wein in der Region seit über 2000 Jahren. Ein glückliches Händchen im Marketing hatten aber wohl schon die antiken Weinbauern des vinum pucinum. Livia Drusilla, Ehefrau von Kaiser Augustus, gehörte zu den schillerndsten Figuren ihrer Zeit. Trotz Scheidungen und den abrupten politischen Umwälzungen zwischen Republik und Kaiserreich, die im römischen Politikbetrieb fast zwangsläufig in Verbannung oder Tod der beteiligten Frauen endeten, behauptete sich Livia auf der höchsten politischen Ebene. In der Bevölkerung galt sie als Muster moralischer Integrität. Als Livia mit 86 Jahren starb, war sie zur mächtigsten Frau ihrer Zeit mit Kaisertitel aufgestiegen, wurde als erste Frau als „diva“, Göttin verehrt und erklärte ausgerechnet den vinum pucinum, den Vorläufer des Prosecco, zu ihrem „Elixier für ein langes Leben“. Eine bessere Geschichte hätte sich eine moderne Marketing-Abteilung auch nicht ausdenken können.

Die Namen anderer Weine tauchen erstmals meist in trockenen Verwaltungsdokumenten oder Handelsvereinbarungen auf. Nicht so Prosecco: „Und jetzt will mir den Mund benetzen mit diesem apfelaromatischen Prosecco“ schwärmte 1754 ein dem Dionysos gewidmetes Gedicht.

1876 wurde in Conegliano die erste Weinbauschule Italiens gegründet, fünfzig Jahre darauf sogar eine önologische Versuchsstation. Sprudelnder Prosecco ist dennoch keine technische Errungenschaft. Wahrscheinlich gärten die spätreifen Trauben in kalten Wintern einfach nicht durch, so dass die Hefen im nächsten Frühjahr wieder aktiv wurden und Kohlensäure produzierten.

Ein gewisser Harry fand daran schon in den zwanziger Jahren Gefallen. Er mixte Prosecco mit Pfirsichmark, servierte den Bellini in seiner New York Bar in Venedig und schuf damit einen absoluten Klassiker der Cocktail-Kultur. „Hugo“ und „Spritz“, zwei der populärsten Cocktails der letzten Jahre, basieren auf Prosecco. Auch das fliegt ihm zu.

Prosecco Cartizze

Prosecco Cartizze, © Matthias Stelzig

Zwischen Champagne und Burgund

Die Grenzen des Anbaugebiets wurden schon bald im 20. Jahrhundert gezogen, das Konsortium 1962 gegründet. Die „Strada del Prosecco“ war 1966 die erste anerkannte Weinstraße Italiens. Kontrollierte Herkünfte folgten und mündeten 2010 im Status quo.

Es gibt einige sehr kleine DOCG-Appellation wie Asolo mit den geringsten Hektarerträgen. Die berühmtesten Lagen liegen zwischen den Städtchen Conegliano und Valdobbiadene. An den Voralpenhängen der Dolomiten gelten Lehmkalkböden mit guter Drainage als bester Untergrund. Kalte Fallwinde begünstigen den Reifeprozess.

In der Unter-Appellation Rive füllen 43 Gemeinden einzeln ab, um das Terroir möglichst klar auszudrücken. Die größten Schätze kommen aus Cartizze, einem glatten, konkaven Hang aus Mergel, Sandstein und Lehm, in dessen Kessel sich die Sonne fängt. Auf knapp fünf Prozent der Fläche fahren die glücklichen Winzer niedrige, aber sehr hochwertige Ernten ein.

In die Landschaft sind Dörfer im venezianischen Stil getupft. Die Kirchen tragen Zwiebeltürme, die an die k.u.k.-Vergangenheit erinnern. Diese Kulturlandschaft wird bald schon UNESCO Kulturerbe sein, zumindest wenn es nach dem Willen einer eigens gegründeten Interessengruppe geht. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich Prosecco-Land bald in der guten Gesellschaft von Burgund und Champagne wiederfindet.

Die Produktion der klitzekleinen Zonen bleibt begrenzt, das spiegeln Einstiegspreise ab 500.000 Euro pro Hektar wider. In Cartizze können es es zwei Millionen sein. Im wirklichen Leben werden auch die kaum helfen, weil keiner der 140 Winzer, die ein Stückchen der nur 107 Hektar besitzen, sein Land hergeben wird. Allzu hart haben die besten dafür geackert. Anfangs standen sie ziemlich allein da mit ihrem Qualitätsdenken und mussten neben dem Weinbau oft einem Brot- und Butterjob nachgehen. Sie waren es, die der klassischen Flaschengärung des Prosecco ihre Handschrift gaben.

Alberto Ruggeri

Alberto Ruggeri, © Matthias Stelzig

Angepasste Feldarbeit erkannte Innocente Nardi von „La Farra“ als „vegetative Balance“. Ca’ di Rajo besteht auf die arbeitsintensive Bellussera-Erziehung, weil sie unter den Standortvoraussetzungen Krankheiten vorbeugt und gleichmäßige Lichtausbeute erlaubt. Bio-Dynamiker Alberto Ruggeri von Le Colture verstand früh die Bedeutung des richtigen Lesezeitpunkts und kurzer Wege zur Presse.

Nino Franco achtete schon vor über dreißig Jahren auf reifes Traubenmaterial, sanfte Pressung, kalte Vergärung im Stahltank, was heute selbstverständlich ist. Selbst ein großer Erzeuger wie Villa Sandi lagert den Most in kilometerlangen unterirdischen Gängen bei null Grad Celsius und vergärt einzelne Chargen, nach Nachfrage.

Eine zweite Gärung in kleinen Chargen ohne langen Hefekontakt nennt Franco Adami „Metodo Prosecco“ und macht sie für die Frische seiner Weine verantwortlich.

Spitzenerzeuger Bisol, der heute der Familie Lunelli gehört, filtert nicht nach der ersten Gärung und setzt auf möglichst langen Hefekontakt, der die Alterungsfähigkeit ihrer Jahrgangsweine nach seiner Meinung in die Nähe des Riesling rückt. Prosecco-Winzer denken groß. Mengenmäßig ist der Anteil der Toplagen zwar minimal. Ihr Ruf strahlt aber auf alle Proseccos ab.

Der Klang von Champagner

Zwischen Conegliano und Udine ist Wein ein Lebensgefühl. In den Bars spielen sie manchmal enodama, wobei Rot- und Weißweingläser die Spielsteine ersetzten. Prosecco fließt an jedem Tag in Strömen. Im Rest der Welt ist Schaum- und Perlwein aber ebenso beliebt. Schon in der nahen Franciacorta machen die Kollegen blitzblanke Weine aus Champagnersorten. Die Tropfen boomen, besonders im Export als Alternative zwischen Prosecco und Champagner, doch die Produktion ist mit 16 Millionen Flasche klein.

Noch kleiner (7,3 Millionen Flaschen) ist sie im Trentino, dennoch sagt man sich „think big“. Ferrari, die Edelmarke der Familie Lunelli, sponserte heuer die Emmy Awards in Los Angeles. Vorläufig glauben aber viele Konsumenten auf Auslandsmärkten weiterhin, dass italienische Schäumer eigentlich immer Prosecco sind.

Dort kommt die größte Konkurrenz naturgemäß aus Frankreich, wenn auch nicht zwingend aus der Champagne. Eine kanadische Studie ergab kürzlich zwar, dass Konsumenten sogar am Geräusch des Einschenkens unterscheiden konnten, ob Prosecco oder Champagner ins Glas floss. Eine Flasche Schampus kostet aber durchschnittlich 25 Euro, was in den USA rund 50 Dollar bedeutet. Prosecco gibt’s für 2,67 Euro. Ein bisschen weh tut es trotzdem, dass Prosecco mit 360 Millionen Flaschen vor der Champagne mit 310 Millionen liegt.

Crémants (5,83 Euro pro Flasche) gibt es von den Pyrenäen bis ins Elsass. Viele verzeichnen Zuwächse durch die steigende Nachfrage. Erst kürzlich wurde die große südfranzösische Appellation IGP Méditerranée für Schaumweine geöffnet. Ein Schritt, der nicht jedem gefiel.

Prosecco Stimmung in der Nacht, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco Stimmung in der Straßenbar, Quelle: Matthias Stelzig
Weinbar in Valdobbiadene, Quelle: Matthias Stelzig
Valdobbiadene, Quelle: Matthias Stelzig
Alberto Ruggeri jun. von Le Colture, Quelle: Matthias Stelzig
Alberto Ruggeri von Le Colture, Quelle: Matthias Stelzig
Logo Le Colture, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco Castello di San Salvatore in Susegana, Quelle: Matthias Stelzig

Spanischer Cava besetzt seit langer Zeit Positionen im mittleren Preissegment, macht aber durch immer bessere Einzelleistungen auf sich aufmerksam. Nur das Image der 240-Million-Flaschen-Produktion hinkt etwas hinterher.

Andere Märkte haben kleine Produktionen, die sehr unterschiedlich angenommen werden. In Österreich produzieren mehr und mehr Winzer im Kielwasser von Schlumberger auch feinen Sekt. Winzersekt gibt es auch in Deutschland, wo Riesling mit eigenem Profil punktet. Die Winzer pushen die Kategorie aber unbeherzt. Auf Weinkarten im Ausland findet man sie praktisch nie.

Deutsche sind zwar verrückt nach Sekt, behalten das Portemonnaie aber gern in der Tasche. Große Marken wie Schloss Wachenheim und Henkell Trocken, oft aus italienischen oder spanischen Grundweinen, bestimmen den Markt. Wer Gast im Deutschen Bundestag ist, kann eher mit einem Glas Prosecco zur Begrüßung rechnen als mit deutschem Sekt. Englischer Sekt dagegen ist in wenigen Jahren vom vinologischen Kuriosum zum gefühlten Nationalgetränk avanciert. Erst recht seit man die Nachbarn auf der anderen Seite des Kanals mit Siegen in ersten Blindproben piesackt.

Fast alle außereuropäischen Länder setzen auf Schaumweine im Champagner-Stil mit den entsprechenden Rebsorten, einige mir sehr guten Ergebnissen. Südafrika hat eine ganze Palette guter Schaumweine, ebenso Kalifornien. Tasmanien, die kühle Insel mit den langen Reifeperioden vor der Südküste Australiens, gilt im Mutterland nicht erst seit gestern als piekfeine Herkunft. Ähnliches gilt für Schaumwein-Winzer im neuseeländischen Marlborough. Auch in Chile arbeitet man am Profil eines Schäumers aus traditioneller Flaschengärung. Der Markt scheint groß genug für alle. Sogar für Exoten wie Crisecco aus Moldawien.

Prosecco-Landschaft Venetien, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco-Landschaft Venetien, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco-Landschaft Venetien, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco-Landschaft Venetien, Quelle: Matthias Stelzig
Kalkböden, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco Cartizze, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco-Landschaft, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco-Landschaft, Quelle: Matthias Stelzig
Prosecco-Landschaft, Quelle: Matthias Stelzig

Alltags-Luxus – vorwiegend weiblich

Bis 2019 soll der weltweite Schaumwein-Konsum noch einmal um 7,4 Prozent steigen. Dabei wird Prosecco den Ton angeben, ergab eine Studie. Gerade der neutrale Stil, den Kritiker oft bemängeln, bedeutet dabei ein Plus. Der Konsumtrend geht zu Weinen mit wenig Alkohol und unter der wachsenden jüngeren Kundschaft zudem in Richtung leicht süß. Wie gemacht für Prosecco. Auch vor dem Hintergrund globaler Dauerkrisen sind die Zeiten besser für die preiswerten Alternativen aus Venetien.

Ob Fassware als Grundwein oder Spitzenwein, die Nachfrage stimmt. Und in der Branche ist man sich einig, dass das noch nicht das Ende ist. Hoffnungsträger sind die USA, die der Prosecco-Trend mit etwas Verspätung erreichte. 2009 berichteten Branchenblätter noch etwas erstaunt, dass Barack Obama seine Wiederwahl 2009 mit Prosecco feierte. Heute gilt Prosecco dort wie anderswo als Alltags-Luxus, nicht als Billigersatz für Champagner.

Überraschend für das Massengeschäft: es gibt wenig große Marken, Prosecco selbst ist die Marke. Das gilt auch in Großbritannien. Dort verdoppelte sich in den letzten Jahren der Schaumweinkonsum und mehr als die Hälfte ist Prosecco. Verkaufsschlager sind Magnums – British fizz hin oder her. Die große Nachfrage führte sogar schon zu Gerüchten, der prickelnde Stoff werde knapp, vor allem nach dem Katastrophen-Jahr 2014. Auch Schlammlawinen, die Todesopfer forderten, wurden auf die exzessive Neuanpflanzung zurückgeführt. So richtig was dran war dann an beidem nicht.

Prosecco

Prosecco, © Matthias Stelzig

Im Jahr 2015 – ausgerechnet dem Jahr, in dem Italien Frankreich als größten Weinproduzenten ablöste - konsumierten die Deutschen zum ersten Mal in der neueren Geschichte mehr Wein als die Italiener. Die Prosecco-Produzenten konnten die vermeintliche Niederlage im Land der Biertrinker gelassen sehen. Ihr Wein trug erheblich dazu bei. Auch wenn die Erlöse mager sind: Prosecco macht im deutschen Markt eine gute Figur.

Eine Lücke klafft nur in China, wo Italien insgesamt schwach aufgestellt ist. Auch die Männerquote ist etwas bedenklich. Prosecco bleibt ein Damengetränk. Hier und da tauchen Fälschungen auf. Für manchen Geschmack werden einige Proseccos zu billig verkauft und schaden dem guten Ruf. An die Schicksale von Frascati und Lambrusco in den achtziger Jahren können sich viele italienische Winzer noch lebhaft erinnern.

Steigende Temperaturen und Dürrephasen werden natürlich auch an Venetien nicht vorüberziehen. Aber weinbaulich ist noch Luft. Angesichts des rauschenden Erfolgs sind die Sorgen eher klein. Gerade wurden zwar noch einmal 3000 Neuanpflanzungen genehmigt. Schon 2008 schwärmten ganz euphorische Winzer, dass im Jahr 2035 eine Billion Flaschen Prosecco jährlich produziert würde. Eine Berechnung die vielleicht nicht am Markt, aber doch an der Realität, wie wir sie heute kennen, scheitern würde. Selbst wenn man den bald 23.000 Hektar Anbaufläche durchweg den erlaubten Höchstertrag abpressen würde, kommt kaum mehr als ein Drittel der Menge zusammen. Aber wer weiß, bisher war der Prosecco immer ein Glückskind.

Matthias Stelzig