15.02.2004

ProWein 2004: Das Weinland Georgien mit einem Gemeinschaftsstand

Georgien: Weinbau als Lokomotive der Wirtschaft?

Erst kürzlich machte das Land Schlagzeilen durch eine „sanfte Revolution“, bei der die abgewirtschaftete Regierung aus dem Amt gejagt wurde. Jetzt möchte Georgien, zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer gele­gen, andere Schlagzeilen machen – mit Wein. Das verarmte, ausgebeutete Land, das überall die Narben eines Bürgerkrieges Anfang der neunziger Jahre und eines Erdbebens vor gut zwei Jahren erkennen lässt, hofft, dass der Weinbau eine „Lokomotive der Wirtschaft“ sein kann.

Georgien: Das älteste Weinland der Erde
Zum dritten Mal stellt sich Georgien auf der Düsseldorfer ProWein 2004 (29. Februar bis 2. März) vor (Halle 3, Stand G 166). Das Land hätte eine gute Reso­nanz verdient, schon allein wegen der stolzen Weinbaugeschichte, die etwa 7.000 Jahre zurück reicht. Der Beweis für den Titel „ältestes Weinland der Welt“ sind Trauben­kerne verschiedener Sorten, die lange Zeit etwas acht­los im Museum des Weininstituts in der Hauptstadt Tbilisi (Tiflis, der frühere russische Name) aufbewahrt wurden, aber jetzt als besonderer Schatz in einem Tresor im staatlichen Museum liegen. Die hohe Weinkultur Georgiens lässt sich im Land auch belegen durch die Überreste einer Uni­ver­sität in der wichtigsten Rebenregion Kachetien im Osten, auf der schon im 11. Jahrhundert Weinbau stu­diert wurde. Damals war Georgien ein christ­liches Königreich. 1801 wurde es russische Provinz und war Bestand­teil des Zarenreiches. Die 1918 ausgerufene Unabhängigkeit mit Umwand­lung in eine demokratische Repu­blik war nur von kurzer Dauer. 1921 ließ Stalin das Land von der Roten Armee besetzen und in die UdSSR ein­gliedern.

Der Weinbau in dem südlich vom Kaukasus gelegenen Land wurde in Mittel­europa nicht mehr zur Kenntnis genommen, weil Georgien auf westlichen Exportmärkten nicht aktiv war. Die Kellereien verkauften fast alles, was sie produzierten, in die UdSSR. Als Präsident Gorbatschow in den achtziger Jahren gegen den Alkoholmissbrauch vorging, hatte dies auch Auswir­kungen auf den Weinbau in Georgien, der damals rund 120.000 Hektar umfasste. Die Rebfläche ging stark zurück, über die Größenordnung gibt es höchst unterschiedliche Versionen. In den letzten Jahren verschwanden wieder Felder mit Wassermelonen und die Rebe gewann erneut an Boden.

Georgien: Mehr als 500 verschiedene Rebsorten
70.000 Hektar sollen derzeit bestockt sein, mit Reben, deren Namen im Westen weit gehend unbekannt sind. In Georgien gibt es mehr als 500 verschiedene Varietäten. Die wichtigsten sollte man sich allmählich mer­ken: Rkatsiteli (ausgesprochen „Katsitelli“) ergibt einen stabilen, durchaus charaktervollen Weißwein, der in der Stilistik einem guten Sil­vaner ähnelt; Mtsvane erinnert etwas an Traminer und wird gern als Ver­schnitt­partner mit Rkatsiteli verwendet; die rote Sorte Saperavi liefert kraft­volle, feurige, nach Pflaumen, Kräutern und Mandeln duftende Weine. In den kacheti­schen Regionen Kindzmarauli, Khvanchkara und Akhasheni wird sie auch natürlich süß ausgebaut. Mitteleuropäische Sorten wie Char­don­nay und Cabernet Sauvignon tauchen vereinzelt in den Sortimenten auf.

Im Kommen: Europäisch-georgische Zusammenarbeit
Das Niveau in den Kellereien ist noch etwas unterschiedlich. Zum Teil wer­den die Trauben von Bauern zugekauft. Trotzdem gelingen beispiels­weise den miteinander kooperierenden Betrieben Teliani Valley und Vazi in Tsinandali achtbare Weiß- und Rotweine. Nur einige Betriebe haben eigene Rebfelder, etwa der wohl qualitativ am weitesten entwickelte Telavi Wine Cellar (mit eigener Rebveredelung) und die im Besitz der Pernod-Ricard-Gruppe befindliche GWS in Tbilisi, die bereits nach Europa exportiert und sich jetzt Verstärkung durch einen georgischen Önologen geholt hat, der einige Jahre in Australien Erfahrung sammelte. Mit dem Jahrgang 2003 startet er offenbar richtig durch. Andere Kellereien befinden sich mitten in der Umstrukturierung. Aber wer auch auf der ProWein 2004 präsentiert, wird Weine mitbringen, die durchaus angenehm überraschen können.

Bei den Rotweinen gehört der Barrique-Ausbau mittlerweile fast zum Standard, etwa bei der fortschrittlich orientierten Kellerei Tbilvino in Tbilisi, die in Frankreich einige Dutzend Fässer eingekauft hat und sich versuchsweise sogar mit Chips-Zusatz befasst. Kellermeister und Miteigentümer Zurab Margvelashvili, der in Kalifornien bei Wente praktizierte, meint dazu: „Das ist die preiswertere Variante für den Holzeinsatz.“ Hin und wieder wird im Osten noch die alte kasechische Methode praktiziert: der Ausbau in unterirdischen Tongefässen (Kvevri), wobei die Weißweine mit Stiel und Sten­gel vergoren werden, was ihnen eine überraschende Stabilität und Geradlinigkeit verleihen kann.

Traditionell gute Kontakte zwischen Deutschland und Georgien

Deutsche sind bei den gastfreundlichen Georgiern besonders beliebt. Das ist unter anderem auf die schon seit Jahren gewährte Unterstützung durch die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) zurück zu führen, die beispielsweise Messeauftritte finanziert und auch vor Ort zur Qualitätssteigerung beiträgt. So wurde jetzt ein Diplom-Önologe einge­stellt, der ein Qualitätssystem nach deutsch-österreichischem Muster mit sensorischer Weinprüfung aufbaut. In der Vergangenheit war Dr. Georg Binder von der Lehranstalt in Neustadt/Weinstraße ein wichtiger Berater für die Erzeuger. Der Pfälzer Reinhold Hahn avancierte in einer Umbruch­phase für ein gutes Jahr zum Direktor einer Kellerei in russischem Besitz. Nach der Heirat mit einer Georgierin wurde er in Tbilisi sesshaft und handelt jetzt mit Weintechnik aus dem Westen. Ein größeres deutsches Investment gab es ebenfalls - in die Kellerei Peter Mertes Georgia, wo Michael Willkomm aus Bernkastel-Kues einer der Eigentümer ist. Der Be­trieb entstand 2001 innerhalb von vier Monaten und befindet sich noch in der Aufbauphase. Derzeit werden 150 000 Flaschen gefüllt, die Kapazität liegt bei 400.000 Flaschen.

Autor: Rudolf Knoll, Deutschland