Pioniergeist "Made in Germany"

Deutsche Önologen und Kellermeister sind weltweit gefragt - von Chile bis Rumänien, von Südafrika bis Thailand

Sie sind hinaus gezogen in die weite Welt, nach Chile, Neuseeland, Südafrika, nach Thailand, Rumänien, Ungarn oder Spanien, um fern der Heimat ihrer Passion des Weinmachens nachzugehen. Deutsche Önologen, Kellermeister, Weinbautechniker und Weingutsbesitzer genießen weltweit einen hervorragenden Ruf – was mit der Qualität der Ausbildung hier zu Lande zu tun hat, aber auch mit der Ambition und dem offenen Horizont, über den sie verfügen. Einige leben erst seit wenigen Jahren im Ausland, und das Leben wird sicher für sie noch weitere Stationen irgendwo anders auf diesem Globus in petto haben. Anderen ist die Fremde längst zur zweiten Heimat geworden.
Foto: Klaus Schröder: Präsident des chilenischen Önologenverbandes.

"Ideale Bedingunen für den Weinbau"

Klaus Schröder, im Oktober 1939 in Berlin geboren, war es nicht unbedingt an der Wiege gesungen, dass er einmal Chef-Önologe der chilenischen Weinguts-Flaggschiffe San Pedro und Santa Rita werden sollte, Präsident des chilenischen Önologenverbandes und Eigentümer der Viña Alta Cima, einem 66-Hektar-Betrieb im Valle de Curicó im Zentrum des 4.000 Kilometer langen Landes. Mit dem Weinbau hatte Schröders aus Schleswig-Holstein stammende Familie gar nichts am Hut. Auf den Techniker und Ingenieur mit Ausbildung an den beiden renommierten Lehranstalten Weinsberg und Geisenheim übte Südmerika damals, Mitte der sechziger Jahre, eine große Anziehungskraft aus. „In Deutschland“, stellt der Pionier heute im Rückblick fest, „schien es mir ungleich schwieriger, irgendwann mal ein eigenes Weingut zu gründen“. Mit 26 heuerte er deshalb bei San Pedro – heute der zweitgrößte Weinproduzent in Chile nach Concha y Toro – an. Und blieb. Gemeinsam mit seiner ebenfalls deutschstämmigen Ehefrau Katharina Hanke baute Schröder ab 1997 sein eigenes, topmodern ausgestattetes Weingut Alta Cima auf, inzwischen arbeitet mit Sohn Klaus Sebastian bereits das erste der vier Kinder im Unternehmen mit.
Was ist das Besondere an Chile? Weshalb stand für den gebürtigen Berliner die Rückkehr nach Deutschland eigentlich nie zur Diskussion? – „Chile hat ideale Bedingungen für den Weinbau, reizvolle Landschaften, die Menschen hier sind sehr großzügig gerade gegenüber Ausländern, und irgendwie herrscht hier mehr Frohsinn und Optimismus als in Deutschland“, sagt der (wesentlich jünger aussehende) 73jährige mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht beim Blick über seine Weinberge und die schneebedeckte Andenkette im Hintergrund. „Alta Cima“, die Hohe Spitze, hat dem Weingut seinen Namen gegeben. Sie ist mehr als 6.000 Meter hoch.

Wenige Kilometer südlich, in Molina, lebt eine weitere wichtige Figur der chilenischen Weinszene mit deutschen Wurzeln. Eugenio Eben, Jahrgang 1941, wurde zwar schon in Chile geboren, aber sein Vater kam aus Reutlingen in das Land am Ende der Welt. Folgerichtig wurde der kleine Eugenio nach dem Schulabschluss erst einmal in die Heimat der Vorväter geschickt, um in Weinsberg die Technikerausbildung zu machen und anschließend in Hohenheim Landwirtschaftliche Betriebswirtschaft zu studieren. „Die ersten sechs Monate habe ich fast nichts verstanden, die Leute sprachen alle nur Schwäbisch“, erinnert sich Eben. Auf dem Umweg über eine Champagnerfabrik in Stockholm kam der Deutsch-Chilene durch die Heirat mit Begoña Aresti in einen Weinbaubetrieb, zu dem 1.200 Hektar Fläche gehören, von denen heute 300 Hektar unter Reben stehen. Das Unternehmen Viña Aresti exportiert rund eine Million Flaschen pro Jahr in 50 verschiedene Länder und sorgte 2006 mit der erfolgreichen Lancierung der Marke „Espíritu de Chile“ – ein Joint Venture mit Marcus Möller Racke – für einen echten Paukenschlag. „Espirítu“ gehört heute ganz der Familie Aresti. Für die Zukunft stehen die Bepflanzung weiterer Weinberge und der Aufbau von Obstplantagen im Süden Chiles auf dem Programm. Den Kontakt zu den Verwandten in Deutschland hält Eugenio Eben aber aufrecht: „Zumindest einmal im Jahr fliege ich dort hin mit meiner Frau.“
Foto: Bodega Alta Cima in Chile.
Foto: Familie Eben-Aresti mit Eugenio Eben (rechts)
Foto: Das Unternehmen Viña Aresti sorgte mit der erfolgreichen Lancierung der Marke „Espíritu de Chile“ für einen Paukenschlag.
Foto: Vendimia: Weinlese in Chile!
Foto: Kathrin Puff, Geisenheim-Absolventin, leitet seit 5 Jahren die Kellerei der Siam Winery.
Foto: Weinberge in Südafrika.
Foto: Der Weinmacher Ralf Zeitvogel (Mitte): seit elf Jahren Weinmaker und Managing Director des traditionsreichen Blaauwklippen Agricultural Estates in Stellenbosch/ Südafrika.
Foto: Weinberge von Stirbey/ Rumänien.
Foto: Oliver Bauer ursprünglich "Flying Winemaker", heute im rumänischen Dragasani.
Foto: Markus und Anita Schieber
Foto: Jürgen Wagner hat es bis ins Wall Street Journal geschafft.

Auf der Suche nach dem „Heiligen Gral“ des Pinot Noir fündig geworden

Noch ein Stück weiter als Chile, im neuseeländischen Martinborough, sind zwei aus Baden-Württemberg stammende Önologen 1998 auf ihrer Suche nach dem „Heiligen Gral“ des Pinot Noir fündig geworden. Kai Schubert und Marion Deimling, beide Geisenheim-Absolventen, schreiben seitdem eine Erfolgsstory sondergleichen. Warme Tage, kalte Nächte und ein meist langer, trockener Herbst bescheren im Verbund mit dem idealen Boden und möglichst geringen Eingriffen bei der Weinbereitung neben etwas Syrah und Sauvignon Blanc vor allem Pinot Noir, der inzwischen weltweit seine Freunde hat und in 35 Länder verschifft wird. Die Exportquote liegt bei über 90 Prozent. Seine Weine beschreibt Kai Schubert, der mehrere Monate im Jahr auf Promotion-Tour ist, als „eher traditionell europäisch als New World Style“. Top-Restaurants von New York über Singapur bis Hong Kong haben inzwischen „Marion’s Vineyard“ oder den „Block B“-Pinot auf der Karte, bei internationalen Wettbewerben räumt Schubert Wines mit schöner Regelmäßigkeit Preise ab. Bewertungen mit mehr als 90 Punkten sind eher die Regel als die Ausnahme.

üngster Coup: die „Frankfurter Allgemeine Zeitung am Sonntag“ prämierte Marion’s Vineyard 2009 unlängst als „Rotwein des Jahres“. Für die Zukunft haben sich Marion Deimling und Kai Schubert, mit 14 Hektar Fläche und gerade einmal 50.- 60.000 Flaschen Jahresproduktion fast noch eine Garage Winery, kein quantitatives, sondern nur qualitatives Wachstum vorgenommen: „Wir wollen die Premier und die Grand Crus unserer Weinberge entdecken – das braucht noch ein paar Jahrgänge!“
Foto: Siam Winery

"Ich brauche ständig eine neue Herausforderung."

Wenn’s um die Exotik geht, kann Kathrin Puff, Geisenheim-Absolventin wie ihre beiden Kollegen aus Neuseeland, diesen ganz locker eine Nase drehen. Wer weiß schon, dass in Thailand Wein produziert wird…? Seit fünf Jahren leitet die gebürtige Krefelderin die Kellerei der Siam Winery, nach Stationen in der Sektkellerei Kupferberg, Villa Gutenberg, Borgo del Tiglio, Azienda Pighin, Dievole in der Toskana und zwei Weingütern in Neuseeland. Weinbau unter tropischen Bedingungen fand sie noch spannender als das Kiwi-Land: „Ich brauche ständig eine neue Herausforderung.“ 300.000 Flaschen werden pro Jahr produziert, zum Beispiel aus Shiraz, Colombard und Chenin Blanc , für 2015 ist der Neubau einer Kellerei in der Nähe von Hua Hin geplant. Zu den Top-Produkten der Siam Winery zählen der von Hand degorgierte Sparkling Blanc de Blancs und Rosé sowie eine weiße und eine rote im Holzfass ausgebaute „Cuvee de Siam“.

Sind die klimatischen Bedingungen in Thailand für ambitionierte Weinmacher schon eine Aufgabe für sich, so kommt noch die vollkommen andere Mentalität der Menschen hinzu. Fünf Jahre in Thailand haben Kathrin Puff gelehrt, „sehr viel geduldiger“ zu werden und Probleme nicht immer gleich im ersten Anlauf lösen zu müssen – dafür mit einem Lächeln statt mit erhobenem Zeigefinger. Als wichtigen Teil ihrer Arbeit versteht die 34jährige, bei den eigenen Mitarbeitern Verständnis und Wertschätzung für das Produkt Wein zu wecken. Bislang sind Bier oder Whisky noch stärker gefragt. Immerhin: etwa ein Drittel der Produktion der Siam Winery wird im Land getrunken, der größere Rest geht an Thai-Restaurants in der ganzen Welt. Deutschland liegt im Ranking auf Platz vier. Zweimal im Jahr besucht Kathrin Puff die alte Heimat – da ihr Mann aus Italien stammt, geht es in der Regel auch noch dort hin zu einem Kurzbesuch.

Statt dem Schwarzwald haben wir hier das Meer vor unserer Haustür.

Beim Thema andere Kulturen und Mentalitäten kann Rolf Zeitvogel, seit elf Jahren Weinmaker und Managing Director des traditionsreichen Blaauwklippen Agricultural Estates in Stellenbosch / Südafrika ganz gut mitreden. Xosa, Zulu, Afrikaans und Englisch gehen oft wild durcheinander. „Manchmal“, grinst der gebürtige Badener aus Bühl, „wird das Weinmachen zum schönen Hobby – viel Zeit geht dafür drauf, unsere Mitarbeiter zu unterrichten, zu führen und heranzuziehen für größere Aufgaben“. 60 Prozent der Farmarbeiter auf Blaauwklippen haben keinen Schulabschluss. Über mehrere badische Winzergenossenschaften und das Sekthaus Bernhard Massard in Luxemburg führte den heute 44jährigen Küfer und Kellermeister mit Ausbildung in Weinsberg der Weg nach Südafrika. Einige Jahre pendelte er zwischen südlicher und nördlicher Hemisphäre, seit 2002 lebt der zweifache Familienvater ganz am Kap der Guten Hoffnung. 100 Hektar stehen bei Blaauwklippen, das in deutschem Besitz ist, unter Reben, die Jahresproduktion liegt bei 450.000 Flaschen. Seit 2005 werden alle Rotweine spontan vergoren. Den Umzug nach Südafrika hat Rolf Zeitvogel bislang nicht bereut: „Statt dem Schwarzwald haben wir hier das Meer vor unserer Haustür.“ Und die Arbeit bei Blaauwklippen ist für ihn nach wie vor „die schönste Aufgabe, die mir mein Berufsleben bisher gegeben hat“.

Ein paar tausend Kilometer weniger weit entfernt, im rumänischen Dragasani, ist seit 2004 der Schwabe Oliver Bauer zuhause. Von Anfang an hat er dort das dereinst von den Kommunisten enteignete Weingut Prinz Stirbey wieder mit aufgebaut und ist mittlerweile auch mit einer Rumänin verheiratet. Eigentlich war nur an temporäre Einsätze nach dem Prinzip „Flying Winemaker“ gedacht, aber als die Besitzer Baronin Ileana und Jakob Kripp den gelernten Kellermeister und Veitshöchheimer Weinbautechniker fragten, ob er verrückt genug sei, ganz nach Rumänien zu gehen, hat Oliver Bauer Ja gesagt. Wann bekommt man schon die Chance, in einem fremden Land mit faszinierender Natur und einer Vielzahl autochthoner Rebsorten mit Namen wie Cramposie Selectionate oder Tamaioasa Romaneasca ein Weingut von Grund neu aufzubauen, um es zu einstigem Ruhm zurück zu führen? Ein gutes Stück Weg ist inzwischen geschafft. Die hochwertigen Weine aus Dragasani gehen an Kunden in der ganzen Welt und wurden auch schon in der First Class der Lufthansa ausgeschenkt.
Foto: Weinberge von Stirbey/ Rumänien.

"Absolutes Eldorado für neugierige und experimentierfreudige Winzer"

Dass die Kripps dem jungen Mann aus Flein, übrigens ein Sohn des Weinbaupioniers Robert Bauer, 2004 quasi ein weißes Blatt Papier in die Hand gegeben haben, um den Neustart zu bewerkstelligen, freut diesen noch immer. Gerade die autochthonen Rebsorten stellen für Oliver Bauer „eine faszinierende Entdeckungsreise“ dar, hinzu kommen die gegenüber Mitteleuropa wesentlich extremeren Klimabedingungen mit bis zu 45 Grad im Sommer und minus 26 im Winter. Rumänien ist für den 38jährigen längst zur Herzenssache geworden. „Hier stolpert man täglich über Pflanzen und Tiere, die anderswo streng geschützt sind oder nur noch in Büchern existieren.“ Und während man sich in Deutschland wegen ein paar Hektar zanke, lägen in Rumänien tausende von Hektar bester Flächen brach: „Das hier ist ein absolutes Eldorado für neugierige und experimentierfreudige Winzer.“
Kein Wunder, dass sich Oliver und Raluca Bauer sich dieses Jahr entschlossen haben, neben der Arbeit für Prinz Stirbey sich einen eigenen kleinen Betrieb aufzubauen. „Crama Bauer“ wird er heißen.

Unverhofft zum Winzer

Ebenso wie bei Stirbey gilt auch bei der Familie von Degenfeld im ungarischen Tokaj das Motto „Adel verpflichtet“. Auch das Weingut des Pioniers Graf Imre Degenfeld, 1857 Gründungsmitglied des Weinbauverbandes von Tokaj-Hegyalja, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den Kommunisten enteignet. 1994 ersteigerten Marie Gräfin Degenfeld und ihr Mann Dr. Thomas Lindner einen Teil des alten Besitzes zurück. Zwar hatte sich die Familie Degenfeld in den vergangenen Jahrzehnten längst in Deutschland eine neue Existenz aufgebaut – aber die emotionale Verbundenheit mit Ungarn war geblieben. Zum Weingut Gróf Degenfeld gehören heute 100 Hektar bester Tokaj-Lagen sowie ein komfortables Hotel. Und auch wenn Marie Gräfin Degenfeld den Weinausbau lieber ihrem ungarischen Kellermeister überlässt, so ist sie doch im In- und Ausland die beste Botschafterin für die feinen Tropfen der Familie aus Tokaj. Auf der ProWein gehört sie seit vielen Jahren zum vertrauten Bild.

Dass man manchmal ganz unverhofft zum Winzer werden kann, hat unterdessen im gleichfalls zu Ungarn gehören Rotwein-Mekka Szekszárd der 44jährige Markus Schieber erfahren. Mit einem Abschluss der Uni Hohenheim für Agrarwirtschaft ausgestattet, zog es ihn 1997 in die Donauebene südlich von Budapest, wo er heute mehr als 4.000 Hektar Land beackert. Vor drei Jahren kauften Markus Schieber und seine ungarische Ehefrau Anita, eine studierte Juristin, ein 30 Hektar großes Weingut in Szekszárd, das sie seither mit viel Elan neu strukturieren.

Auch Jürgen Wagner, Diplom-Önologe mit Geisenheim-Abschluss, hat sich 1999 auf ein Abenteuer eingelassen – nur dass seines im katalanischen Priorato begann. Die Genossenschaft Celler de Capçanes mit ihren 200 Hektar Flächen im steinigen, schwer zugänglichen Bergland bei Tarragona, hatte gerade mit ihrem ersten koscheren „Flor de Primavera“ weltweit für Furore gesorgt. Und seitdem schreibt der gebürtige Heidelberger an einer Erfolgsgeschichte mit, die es bis ins „Wall Street Journal“ geschafft hat. In Capçanes, das zum Anbaugebiet Montsant gehört, werden aus bis zu 100 Jahre alten Garnacha-Stöcken Weine erzeugt, die in Sterne-Restaurants von Bensberg über Paris, New York, San Francisco und Montreal bis hin nach Tokio, Shanghai oder Bangkok auf der Karte stehen. Zum Rebsortenspektrum von Capçanes gehören auch Cariñena und Samsó, sowie etwas Cabernet Sauvignon, Merlot, Syrah und Tempranillo. „Capçanes ist mein Baby“, sagt der 42jährige stolz. Damit dieses weiter kräftig wächst und gedeiht, ist Wagner mehr als drei Monate im Jahr weltweit unterwegs auf Promotion-Tour, während sein Kollege Angel Teixido sich auch in dieser Zeit um die Weine im Keller kümmert. Zu den Fixterminen im Kalender von Jürgen Wagner zählt freilich einer jedes Jahr Ende März in Düsseldorf: die ProWein als inzwischen weltweit wichtigste Weinhandelsmesse.

Thomas Brandl