Mexikos Weine

Wein spielt in Mexiko seit Jahrhunderten eine Rolle in der Politik. Trotzdem gehört das Land nicht zu den bekannten Erzeugerländern der Weinwelt. Steigt die Qualität weiter, könnte sich das durchaus ändern.
Foto: Valle
Foto: Weinflasche lac Petite Sirah
Foto: Weinflasche Nebbiolo
Das Chat Lunatique ist nach dem Geschmack der Gourmets von Guadalajara. Die Küche des Restaurants in Mexikos zweitgrößter Stadt ist modern mexikanisch und immer offen für ein paar japanische, italienische oder karibische Einsprengsel. Mexikaner lieben neue Ideen. Dass die Getränkekarte gut 50 Tequilas und noch ein Dutzend Mezcals listet, überrascht nicht. Die Stadt Tequila liegt gleich um die Ecke. Auch beim Bier gibt’s reichlich Auswahl. Nur Wein füllt gerade mal ein kleines Eckchen, gegliedert nach Herkunftsländern. Aus Mexiko kommen gerade mal drei davon.

„Wird halt nicht so oft verlangt“, sagt Oliver, der Barmann, zuckt mit den Schultern und klemmt ein Spießchen mit Ananasstücken an ein Cocktailglas. Kunterbunte Cocktails sind der Renner, wie so oft in Mexiko. Einheimische Weine geraten erst langsam, aber sicher in den Focus. Wie in den meisten wachsenden Märkten sind es vor allem gut gebildete und -situierte Städter, die mit Wein auch ein kulturelles Statement abgeben.
Foto: Historiengemälde
In dem Land zwischen den Staubwüsten von Nevada und dem Äquator könnte man das auf den ersten Blick für etwas exaltiert halten. In Wahrheit ist Mexiko aber das älteste Weinland außerhalb von Europa und Kleinasien, wenn man so will, die Wiege des Neue-Welt-Weins. Laut der Chronik des mexikanischen Winzerverbands stieß der spanische Eroberer Juan de Grijalva Anfang des 16. Jahrhunderts in Tenochtitlan mit dem Aztekenherrscher Moctezuma zum ersten Mal an. Der Toast war bekanntlich kein gutes Omen für die weitere Geschichte der Indianer, und Wein sollte über Jahrhunderte immer wieder zum Spielball der Politik in dem Land werden, das heute alle Welt für Tequila und Mezcal kennt.

Die spanischen Expeditionscorps sollten für ihren König die Edelmetallbestände in Mexiko sondieren und nach Möglichkeit gleich nach Spanien abtransportieren. Die Mission gestaltete sich indes eher langwierig, wobei die mitgeführten Weinvorräte bald zur Neige gingen.

Vor Ort gab es nur Reben der ungeeigneten Unterart silvestris. So ließ Generalgouverneur Hernán Cortés schon bald europäische Setzlinge nachkommen und auspflanzen. Die ersten Weine wurden im rund 1500 Meter hoch gelegenen Parras in Zentralmexiko gekeltert. Im Winter bedeckt Eis die Hochebene. Bis heute erzeugen Betriebe wie Casa Madero und Marqués de Aguayo hier Branntwein.

Rebstöcke als Kopfprämie

Cortés erfüllte seine Mission auf einer Blutspur und förderte den Weinbau, indem er befahl, für jeden gefangenen Indianer zehn Rebstöcke auszupflanzen. Jeweils autochthone und importierte, um möglichst schnell solides Zuchtmaterial zu bekommen.

So standen Mitte des Jahrhunderts stattliche 70.000 Hektar unter Reben. Das wiederum ärgerte die spanischen Winzer, denen auf dem Exportmarkt die Felle davon schwammen. Unter dem Druck der heimischen Wirtschaft verbot das Königshaus um die Jahrhundertwende Rebenexporte ins damalige Neu Spanien. Anbauflächen sollten sogar gerodet werden. Die Kolonisten handelten gerade noch eine Quote für religiöse Zwecke heraus, die für Jahrzehnte als Tarnung für den täglichen Bedarf diente.

Jesuitische Mönche brachten den Weinbau bis an die Westküste zu dem entlegenen Militärposten San Diego de Alcalá und gaben damit den Startschuss zum Anbau in Kalifornien. Auch nach Argentinien und Chile kam der Weinbau über Mexiko.

Foto: Mexikos Staatswappen
Ausgerechnet die mexikanische Unabhängigkeit 1821 entpuppte sich als schwerer Rückschlag im Stammland. Viele Winzer verließen für den elf Jahre langen Freiheitskrieg ihre Weingärten. Ihre Rebflächen wurden nicht selten zu Kolalateralschäden. Die Republik Mexiko steuerte mit bis 40 Prozent Importsteuern dagegen. Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine Weinbauschule, Weinberge in Kircheneigentum wurden privatisiert.

Die Familie Concannon, Weinbaupioniere aus dem kalifornischen Livermore, führte Ende des Jahrhunderts französische Rebsorten ein. Anfänge, die jedoch die Reblaus und die mexikanische Revolution 1910 weitgehend wieder zunichte machten. Ende der dreißiger Jahre reaktivierten unter anderem spanische Bürgerkriegsflüchtlinge den Weinbau. 1948 gründete sich schließlich die Asociación Mexicana de Vitivinicultores, der spätere Consejo Mexicano Vitivinícola, als Branchenverband. Besonders Baumwollfarmer sattelten auf Wein um.

Impulse für Qualitätswein kamen nicht selten aus dem Ausland. Heute haben Granden wie Torres, Concha y Toro, Domecq und Freixenet ihre Produktion in Mexiko. Nach einer Krise in den neunziger Jahren wandeln sich immer mehr ehemalige Traubenproduzenten zu kleinen Weingütern. Insgesamt steigen Qualität und Konsum.

Weinbau vor Western-Kulisse

Mit 1,9 Millionen Quadratkilometern ist Mexiko etwa so groß wie Frankreich, Italien, Spanien, Portugal und Kalifornien zusammen. Der größte Teil des Landes auf dem Breitengrad der nördlichen Sahara ist Sierra, Hochplateau, umschlossen von Gebirgszügen. Das Klima ist konstant, aber tagsüber sehr heiß und nachts kalt. Die trockensten Regionen bekommen nur etwa 200 Millimeter Regen pro Jahr, weshalb praktisch immer bewässert wird. In Höhenlagen wie Parras, das bis heute ein Zentrum der Brandy-Produktion ist, findet Wein günstige Standortbedingungen.

Foto: Wein-Plantage

Verstreut über das Landesinnere liegen viele weitere kleine Anbauinseln von Sonora im Norden bis nach San Juan del Rio nördlich von Mexiko Stadt und 2100 Meter über dem Meeresspiegel. In insgesamt sieben Bundesstaaten werden Weintrauben angebaut. Deren größter Teil fließt nicht in die Weinproduktion, statt dessen in Destillation und Tafeltrauben.

Deutlich anders ist das Klima der Baja California, wo vertrocknete Sträucher über die Straßen wehen und man Wüstentiere wie Rennkuckuke, die Roadrunners, beobachten kann. Die Gegend gäbe jederzeit die Kulisse für einen Italo-Western her. Doch die schmale, über 1200 Kilometer lange Halbinsel vor der Westküste wird vom Pazifik und dem Golf von Kalifornien im Osten nachts auch in den heißen Sommermonaten mit frischen Brisen abgekühlt. So entsteht ein gemäßigt mediterranes Klima. Hier sind rund 90 Prozent der Weinproduktion angesiedelt, hunderte Kilometer entfernt von den historischen Anbauregionen.

Mit der Ruta del Vino, die über 50 Weingüter mit der Hafenstadt Ensenada und den Grenzstädten Tijuana und Tecate verbindet, existiert ein gut strukturierter Önotourismus. Kleine Weingüter wechseln sich mit Hotels und Restaurants ab, auch wenn die Branche unter dem Drogenkrieg leidet. Vor allem in Grenzstädten wie Tijuana im Norden von Baja California sind Schießereien und Morde am helllichten Tag nichts Außergewöhnliches. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen blieben hundertausende amerikanische Touristen aus, obwohl die kalifornische Metropole San Diego kaum zwei Autostunden entfernt liegt.


Hochebenen und Salztöne

Die Weinbaubetriebe sind meist modern ausgerüstet. Das Knowhow stammt aus dem benachbarten Kalifornien, wo die Weinbranche von mexikanischen Arbeitskräften lebt, die oft selbst aus Baja California stammen. Mit ihrer Berufserfahrung steigen nicht wenige von ihnen nach ihrer Rückkehr in die heimische Weinbranche ein.

Einzelne Täler haben sich Terroir-Status erarbeitet, vor allem die größte Unterregion Valle de Guadalupe, über 300 Meter über dem Meeresspiegel. Schon seit den späten achtziger Jahren gründen hier Pioniere wie der in Bordeaux ausgebildete Önologe Hugo d’Acosta kleine Weingüter.

In dem flachen Tal mit seinen Granitböden haben manche Weine einen Salzton durch die Bewässerung mit Meerwasser. Die besten zeigen Komplexität und Länge, weshalb Guadalupe immer mal wieder als kommendes Napa Valley bezeichnet wird. Viele dieser Prognosen scheinen aber in weinseliger Stimmung unter mexikanischer Sonne gestellt zu sein. Noch lässt der Effekt auf sich warten.

In puncto Produktionsvorschriften lässt der Consejo seinen Winzern, ähnlich wie in Kalifornien, weitgehend freie Hand. Auf dem Etikett sind zumeist Alkoholgrad und der Weintyp angeführt, zum Beispiel Vino de Fruta, Vino Dolce, Vermouth und Vino Blanco. Zusätzliche Informationen sind Sache des Winzers.

Die ersten spanischen Mönche Allen pflanzten die Sorte Listán Prieto an. Obwohl die Qualitäten der Varietät begrenzt sind, war es vielleicht keine schlechte Wahl. Die Sorte aus Kastilien und La Mancha ist wuchskräftig und kommt gut mit Trockenheit zurecht. Sie verbreitete sich unter zahlreichen Synonymen wie Criolla und Rosa del Perú weit über den amerikanischen Kontinent. Als Kreuzungspartner steckt sie in regionalen Rebsorten wie einigen Unterarten von Torrontés. In Chile erlebt sie gerade unter den Synonym Pais eine kleine Renaissance, spielt aber weder in Mexiko noch auf dem spanischen Festland mehr eine Rolle.

Foto: Weinkeller
Heute wird eine ganze Reihe spanischer, französischer und italienischer Rotwein-Sorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot, Tempranillo, Syrah, Zinfandel, Grenache und Cabernet Franc gepflanzt. Eine gewisse Hitzeverträglichkeit ist fast allen gemein. Aufgrund des Klimas sind die Weine meist von hoher Reife und sehr süßer Frucht charakterisiert. Selbst auf den kühlsten Anbauflächen stellt die Hitze eine der größten Herausforderungen dar.

Vor allem große Betriebe, die die Branche dominieren, meistern das allerdings. Bei Angelo Cetto, 1928 gegründet von dem italienischen Einwanderer Angelo Cetto und damit die älteste Kellerei in Baja California, findet sich viel Typisches. Von 5000 Hektar Rebfläche dienen 1000 Hektar der Weinbereitung. Das meiste wird zu Rosinen verarbeitet. Die Abfüllungen reichen vom tropisch-fruchtigen Chardonnay über reife Cabernets und Zinfandels zu einem Petite Syrah.

Dessen Würze passt zur mexikanischen Küche. Als Souvenir aus der norditalienischen Heimat gibt es einen vollfruchtigen Nebbiolo, in dem man den typischen Trüffelnoten nachspüren kann. Weiter individualisierte Weine von kleinen Vorreiterbetrieben, die die Möglichkeiten der Terroirs ausloten oder biodynamisch arbeiten, sind bis jetzt noch die Ausnahme.


Wachstum durch Trinkfreude

Trotz wirtschaftlicher Schwankungen steigen Qualität und Quantität der mexikanischen Weine seit den 1980er Jahren. Damit einher gehen wachsendes Interesse der Kunden für Hochwertiges, insbesondere die Nationalgetränke Mezcal und Tequila, aber auch Cognac, Single Malt Whisky, spanischen und heimischen Brandy. Ein Steuersatz von bis zu 40 Prozent erschwert die Konkurrenz zu Bier und Spirituosen weiter. Auch die Küche Mexikos, mit Abstand die eigenständigste des Doppelkontinents, nur mitunter recht pikant, ist nicht der geborene Partner für Wein.

Weine sind meist Importware, zum Beispiel aus Spanien oder Chile, Australien, Neuseeland. Klassische Sammler in Mexiko decken sich mit schweren Rotweinen aus Bordeaux, der Rioja oder der Toskana ein. Zumindest in Mexiko ein Hobby für Superreiche.

Doch die Generation kommt in die Jahre, und junge Weintrinker werden langsam, aber stetig mehr, vor allem in der wachsenden Mittelklasse zwischen 25 bis 35 Jahren mit hohem Bildungshintergrund. Das fand das Londoner Marktforschungs-Institut Euromonitor International kürzlich heraus. Verkaufskanäle wie internationale Groß- und Einzelhandelsketten gibt es genügend. In den trendigen Vierteln der Großstädte gehören Wein- und Tapas-Bars längst zum Stadtbild.

Um Status und Entwicklung der Branche seriös einzuschätzen, fehlen aber wichtige Zahlen. Überschlägig gibt es eine Anbaufläche von circa 50.000 Hektar, wovon der Löwenanteil auf Tafeltrauben entfällt. Doch „mehr als hundert Bodegas füllen über 500 Etiketten ab“, erklärt Daniel Milmo Brittingham, Präsident des Winzerverbands Consejo Mexicano Vitivinícola (CMV). So kamen 2015 19,4 Millionen Liter Wein zusammen. Im Hauptberuf Generaldirektor des Traditionsbetriebs Casa Madero gefallen ihm andere Kennzahlen noch besser. Der ganze Sektor beschäftigt mit Nebeneffekten bereits 12000 Menschen.

Und den Mexikanern schmeckt der Wein. Der Pro-Kopf-Konsum ist mit 0,75 Litern zwar unterirdisch (Frankreich rund 50 Liter). „Vor fünf Jahren waren es aber nur 0,5 Liter.“ Macht 50 Prozent Zuwachs, „und zwar vor allem im mittleren und höherem Preissegment. Der Konsument hat die Qualität des mexikanischen Weins erkannt.“ Zehn Prozent Zuwachs im Wert seit 2005, acht im Volumen, ordnen das etwas genauer ein.

Wachstumspotenzial liege vor allem in der Trinkfreude, so Milmo. Mexikaner trinken per capita 60 Liter Bier, obwohl noch immer fast die Hälfte der Bevölkerung in Armut lebt. Mit steigender Bevölkerungszahl und einem der höchsten Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukte aller Schwellenländer könnte der Weinmarkt eine Goldgrube werden.

Matthias Stelzig