Libanon – ungehobene Schätze in der Hochebene

Die Geschichte des Weinbaus im Libanon reicht sagenhafte 5000 Jahre zurück. Bestimmt wird die Gegenwart aber von der Situation in den Nachbarländern Israel und Syrien. Mitten in dem Hexenkessel der Weltpolitik suchen Önologen nach der besten Arbeitsweise in dem feinen Terroir. Und trotz aller Geschichte steht der Weinbau irgendwie erst am Anfang.

Die Anekdote könnte aus einem Styling-Tutorial auf YouTube stammen: ein Eyeliner namens „kuul“ ist plötzlich schwer angesagt. Natürlich hat die Paste ihren Preis. Teil des Marken-Images ist die innovative Produktionsmethode. Für „kuul“ wird eine Trägerflüssigkeit aufgekocht, aus deren aufsteigenden Dämpfen man schimmerndes Antimon gewinnt. Allerdings ist der Hype schon tausend Jahre her und fand in Westarabien statt, seinerzeit globales Wissenschaftszentrum. Das Schminkpuder ist dort längst vergessen, aber nicht der Herstellungsprozess, der unter dem europäisierten Namen Alkohol Grundlage der Spirituosenproduktion ist.

Die Libanesen nutzten die Destillation, um Arak zu brennen, einen der ältesten Brände der Welt. Ähnlichen Anisbrand gibt es um das halbe Mittelmeer vom Pastis an der Côte d’Azur bis zum Raki in Istanbul. Die meisten werden industriell aus Getreidedestillat hergestellt. Für guten Arak matzerieren feine Anissamen in Tonkrügen mit Brand aus Wein. Libanesen schwören auf ihre „Löwenmilch“ und trinken sie gegen alle möglichen Beschwerden, ob Erkältung oder Kopfschmerzen.

Dry farming vor verschneiter Kulisse

Libanesische Winzer führen gern die Phönizier als ihre Vorfahren an. Die fähigen Handwerker lebten vor 4000 Jahren an der Mittelmeerküste und waren erfolgreich im Fernhandel bis nach Portugal „und die ersten Weinhändler der Welt“, erklärt Michael Karam, gutinformierter Beobachter der hiesigen Weinwirtschaft, die Wahlverwandschaft.

Aus dem Bekaa-Tal, wo heute geschätzte 90 Prozent der Anbauflächen liegen, werden sie ihre Ware aber kaum bezogen haben. Gleich an der Mittelmeerküste erhebt sich das Libanongebirge. Erst auf dessen Rückseite breitet sich die Bekaa-Ebene auf tausend Meter Höhe aus. Für die antiken Händler war der Transport über die Bergpässe logistisch zu kompliziert.

Bekaa-Weinberge © Matthias Stelzig

Das Hochland federt die Hitze am 32. Breitengrad mit kalten Nächten ab. Hanglagen bis zu 1800 Meter sind die höchsten Weinberge der nördlichen Halbkugel. Die Temperaturen schwanken stark, und die Trauben entwickeln bemerkenswerte Phenolgehalte. Auf 120 Kilometern Länge und etwa zehn Kilometern Breite wechseln sich nicht nur christliche Kirchen mit Posten der Hisbollah ab, auch die verbreiteten Kalkböden sind kleinteilig mit Mergel, Lehm und Eisen durchsetzt.

Erdgeschichtlich ist das Bekaa-Tal die Fortsetzung des afrikanischen Grabenbruchs und der Schotterrest eines eiszeitlichen Meeres, das irgendwann Richtung Süden abfloss. Das Terroir gleicht dem argentinischen Mendoza, das für seine Gebirgslage berühmt ist. Aber Bekaa liegt höher.

Ein Meter Schnee im Winter speichert Wasser. „Das brauchen wir im Frühjahr dringend“, erklärt Joe Touma, Inhaber von Château St. Thomas. Spätfröste, Hagel, 270 Sonnentage und ein Sommer ohne Regen gehören zum Klima. „Wir würden gern bewässern“, räumt Touma ein. „Aber es gibt hier im Juni kein Wasser.“ „Dry farming“ ist hier kein Modetrend. „Dafür wurzeln die Reben tief“, sagt Fabrice Guiberteau, Önologe von Kefraya, „und überstehen auch trockene Jahre.“ Klimawandel ist auch im Libanon kein Fremdwort. Andererseits sind nässebedingte Krankheiten selten, weshalb viele Winzer ihre Nische in naturnahem Anbau suchen. Ein Wein für Veganer ist im Libanon jedenfalls kein Problem.

In den Hanglagen reifen die Trauben lange, aber durch die Höhenunterschiede sehr ungleich. Die Ernte dauert von Mitte August bis November. „Das größte Problem bleibt natürlich die Hitze“, räumt Gaby Rivero, Önologe des Weinguts Ixsir ein. „So entsteht viel Alkohol und wenig Säure.“ Die Winzer lesen deshalb gern vor der vollen Reife.

Geerntet wird fast nur händisch bei moderaten Arbeitskosten. Doch auch das ist ein Rennen gegen die Hitze. „Wir fangen um fünf Uhr früh an. Um halb elf ist es schon 25 Grad“, sagt Guiberteau. Die Erträge liegen mit durchschnittlich 30 Hektoliter pro Hektar niedrig, bei manchen Spitzenweinen sind es kaum zehn. In tiefen Kellern wird der Most schnellstmöglich abgekühlt. Der Ausbau folgt dann mit wenig Bewegung. Tannine gibt es genug.

„Wir sind hier alle irgendwie in der Minderheit“

Wein wird im Libanon sogar schon seit 5000 Jahren getrunken. Die antiken Griechen und Römer entdeckten hier erst den Wein für sich, importierten die Pflanzen und brachten die Weinkultur über die Welt. Von all der Historie profitiert der Libanon heute nicht besonders und auch nicht von der 400-jährigen Osmanen-Herrschaft, unter der der Weinbau brach lag. Vielmehr bestimmt die jüngere Zeitgeschichte den Alltag.

Önologe Huber Boüard, Dmn des Tourelles; Quelle: Matthias Stelzig
Dmn des Tourelles; Quelle: Matthias Stelzig
Brennblase, Dmn des Tourelles; Quelle: Matthias Stelzig
Fasskeller, Dmn des Tourelles; Quelle: Matthias Stelzig
Weingarten, Dmn des Tourelles; Quelle: Matthias Stelzig
Traubenannahme, Dmn des Tourelles; Quelle: Matthias Stelzig
Bekaa Weinberge; Quelle: Matthias Stelzig
Hady Kahale, Ixsir; Quelle: Matthias Stelzig
Fasskeller, Ixsir; Quelle: Matthias Stelzig
Rosé, Ixsir; Quelle: Matthias Stelzig
Weinberg, Ixsir; Quelle: Matthias Stelzig

Wirtschaftlich gut aufgestellt und mit einem streng gehüteten Bankengeheimnis versehen, wurde der Libanon nach dem II. Weltkrieg noch als die „Schweiz des Orients“ paraphrasiert. 1975 aber brach ein 15-jähriger Bürgerkrieg aus, in den später Syrien, die USA und Israel eingriffen. Die Zedernrevolution 2005 beendete die syrische Militärpräsenz und Einflussnahme. Im Jahr darauf standen sich im zweiten Libanonkrieg vor allem Hisbollah und Israel gegenüber.

Auf Ausgleich bedachte Politiker und Intellektuelle unterschiedlichster Herkunft kamen immer wieder durch Anschläge ums Leben. Dennoch gab es seit der Republik-Gründung 1926 durchgehend freie Wahlen, ein pluralistisches Parteiensystem und eine breitgefächerte Medienlandschaft. Im Libanon leben 18 Religionsgemeinschaften und momentan über eine Million syrische Flüchtlinge. „Wir sind hier alle irgendwie in der Minderheit“, resigniert der gebürtige Spanier Rivero.

Ihre Geschichte hat die Libanesen zu Pragmatikern gemacht. Staatsämter werden proportional nach religiöser Zugehörigkeit vergeben. Die tiefsten Gräben verlaufen dabei zwischen Sunniten und Schiiten. Staatsoberhaupt ist heute der Ex-General und Hardliner Michel Aoun, der sich nicht unbedingt auf eine breite Mehrheit stützt, aber alles irgendwie am Laufen hält. „Wenn du glaubst, du hast die libanesische Politik verstanden, dann hat man sie dir nicht richtig erklärt“, lautet eine gern zitierte Lebensweisheit.

Autochthone Rebsorten - schwer zu finden

Den libanesischen Wein lobte der Prophet Hosea schon im 8. Jahrhundert vor Christus in den höchsten Tönen. Die Römer bauten hier einen der größten Bacchustempel der Welt. Sicher nicht umsonst. Ein üppiger Rebsorten-Pool wäre da nur logisch. Doch autochthone Rebsorten fehlen den Libanesen. Noch Mitte des letzten Jahrhunderts gab es Berichte über mehr als zwanzig. Jüngere Versuche, Stöcke alter Rebsorten aufzuspüren, blieben aber ohne Erfolg.

Traubenannahme

Traubenannahme © Matthias Stelzig

Der säurearme, leicht kräuterige weiße Obaideh ist eine der wenigen, obwohl es Hinweise gibt, dass er eine Chardonnay-Variation ist. „Vor allem die Butternoten erinnern daran“, erklärt Diana Salame Khalil, „aber ohne den vielen Alkohol.“ Die gebürtige Libanesin und Önologin des Gutes Wardy studierte und arbeitete lange Jahre im Burgund, von wo sie ihre Vorstellungen von einem Weißwein mitbrachte. Ihr dichter Obaideh zeigt mit seiner Finesse, wohin die Reise gehen kann. Viele Winzer schreckt aber die aufwändige Feldarbeit für die sonnenempfindliche Sorte ab.

Wie zu erwarten sind weiße Sorten nicht die Kabinettstücke der Branche. Chardonnay ergibt angenehme Weine mit wenig Primärfrucht und den typischen Tönen von Nüssen und Butter. Aus Viognier und Sauvignon Blanc entstehen Weine mit guter Konzentration. Muscat schätzen die Winzer wegen seines floral-würzigen Charakters. Doch viele Weine tendieren in dem Klima dazu, breit und schwer zu werden. Umso mehr fehlen angepasste autochthone Sorten für ein internationales Profil.

Im Land selbst sind Rosés beliebt, besonders à la provençale im Saignée-Verfahren. Die Kernkompetenz des Libanon liegt aber bislang im Rotwein. Cabernet Sauvignon, Syrah und Cinsault sind die Hauptsorten und mit den Namen der drei großen Châteaux Musar, Kefraya und Ksara verknüpft. Hier pflanzten Mitte des 19. Jahrhunderts Jesuiten den ersten Cinsault, der lange Zeit dominierte. Die südfranzösische Sorte gerät im Libanon überraschend frischfruchtig und mineralisch.

Auch Cabernet Sauvignon und Syrah haben eine eigene Ausprägung gefunden. Jung haben sie oft wenig Frucht und gemäßigte Tannine. Die besten Weine sind dicht und mineralisch, gern mit Kräuternoten. Viele sind durchaus lagerfähig. Dabei entwickeln sie paradoxerweise mehr, frische Frucht, während die Tannine über Jahrzehnte nicht ausreifen.

Cuvées sind beliebt. Auch in Kombinationen wie Cabernet Sauvignon und Syrah, die man sonst eher aus Australien kennt. „Rebsorten sind ein Dauerbrenner“, sagt Hubert de Boüard. Der französische Önologe berät Ixsir. Neben dem üblichen Sortenkanon hat der 110-Hektar-Betrieb Montepulciano und Touriga Nacional. „Sorten aus warmen Anbaugebieten machen Sinn“, ergänzt Rivero, der lange für Sociando Mallet arbeitete. „Aber wir sind noch auf der Suche.“

Önologe Fabrice Guiberteau, Kefraya; Quelle: Matthias Stelzig
Fasskeller, Kefraya; Quelle: Matthias Stelzig
Weinberge, Kefraya; Quelle: Matthias Stelzig
Weingut, Kefraya; Quelle: Matthias Stelzig
Weinstock, Kefraya; Quelle: Matthias Stelzig
Food, Kefraya; Quelle: Matthias Stelzig
Flasche, Ksara; Quelle: Matthias Stelzig
Tonkrüge, Ksara; Quelle: Matthias Stelzig
Weingarten, Ksara; Quelle: Matthias Stelzig
Wardy; Quelle: Matthias Stelzig

Bestes Konsumklima in Beirut

Im Jahr 2003 zählte man im Libanon ganze acht Weingüter. Heute gibt es ungefähr fünfzig auf circa 2500 Hektar Anbaufläche, Tendenz steigend. Dabei ist fast alles Privatinitiative. „Ein Weingut als Investment eines großen Unternehmens ist gesellschaftlich kaum durchsetzbar“, so Karam. Hohe Lagen sind begehrt, und damit steigen auch die Preise.

Wein ist angesagt im Libanon. Beirut, wo fast jeder Englisch und Französisch spricht, ist eine weltoffene Metropole und galt lange als sicherer Rückzugsort für Verfolgte, später als Clubbing-Adresse. Deutsche Oberklasse-Autos sind hier mindestens so beliebt wie am Starnberger See.

Abends sind viele Party People auf dem Weg in Clubs und Restaurants. In der Bar des Hotel Phoenicia steht die größte Single Malt und Cognac-Sammlung des Mittleren Ostens. Die Weinkarte mit ihren vielen Burgunder- Positionen hätte manches französische Restaurant auch gern.

Kefraya Food

Kefraya Food © Matthias Stelzig

Die libanesische Küche gilt mit einigem Recht als die beste der arabischen Welt. Die typischen Mezze werden akribisch zubereitet, mit großer Präzision gewürzt und serviert. „Unter anderem deshalb haben wir hier sonst viele Touristen aus Russland und Saudi Arabien, die die lockere Atmosphäre an der Corniche mögen“, erklärt Karam. In der letzten Zeit bleibt die zahlungskräftige Kundschaft aus. Syrien, wo derzeit 28 Nationen an den Kriegshandlungen beteiligt sind, und Israel bilden Libanons Landgrenzen. Mit beiden Ländern herrscht defacto Kriegzustand.

Handel gibt es nur auf dem Seeweg, das treibt die Lebenshaltungskosten hoch. Nein, man habe nicht viel Glück mit den Nachbarn, sagt Zafer Chaoui von Château Ksara und lächelt nachdenklich. Lichtgestalten wie der verstorbene Serge Hochar von Château Musar und Michel de Bustros, Gründer von Château Kefraya, schafften es seit den siebziger Jahren durch alle politischen Wirren und Kriege weiter zu produzieren. „Dieser Pragmatismus“, ist Karam überzeugt, „hat die Branche gerettet.“

Siebzig Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, gerieten die Weinberge von Château St. Thomas während der letzten Ernte zwischen die Fronten von IS und libanesischer Armee. „Wir mussten mit der Lese warten“ erinnert sich Joe Touma. Am Ende hatte es nur ein paar Chardonnay-Stöcke getroffen, „das lässt sich verschmerzen.“ Solche Erfahrungen haben viele Winzer. Selbst in Syrien gibt es Weinberge. Die Brüder Karim und Sandro Saadé haben aber Angst in ihrer Heimat entführt zu werden. Die Unternehmer managen den Betrieb - von Beirut aus.

Bestandaufnahme der Böden

Rund die Hälfte der libanesischen Weinproduktion geht in den Export, vor allem in die USA, nach Großbritannien und Frankreich. Im Moment verzeichnen viele andere Anbauländer am östlichen Mittelmeer Umsatzeinbußen. Der Zeitpunkt für libanesischen Wein ist also nicht schlecht. Und schließlich weiß der Fiskus die Einnahmen zu schätzen.

Heimische Weine werden höher besteuert als importierte. „Politik ist nicht immer hilfreich“, wendet Hady Kahale, Direktor von Ixsir, vorsichtig ein. Je nach politischer Lage, genauer je nach dem, welcher Konfession der Landwirtschafts-Minister ist, macht die Weinwirtschaft Fortschritte.

Ksara-Flasche

Ksara-Flasche © Matthias Stelzig

Seit 1995 ist der Libanon Mitglied der OIV. Die Hersteller-Vereinigung Union Vinicole du Libanon vereinigt 23 Produzenten. Seit 2013 ist das National Wine Institute für technische Belange wie geeignete Rebsorten, Qualitätskontrolle und gesetzliche Rahmenbedingungen zuständig.

Ein AOC-System nach französischem Vorbild soll her. Durch seine heterogene Geologie hat Bekaa wahrscheinlich noch viel Platz für Unterregionen. „Der Boden ist so kleinteilig, ich habe erst mal ein geologisches Gutachten in Auftrag gegeben“, erinnert sich Guiberteau an seine Anfänge bei Kefraya.

Die Bodenkarte, die sich daraus ableiten ließ, war so bunt, dass der Önologe aus Cognac erst mal die großen Tanks im Keller entsorgte. „Wir haben Mikro-Terroirs, da machen wir Mikro-Vinifikation.“ Vor allem sollen die Weine nicht so schmecken wie Bordeaux. „Das würde nicht funktionieren. Wir wollen unser eigenes Terroir.“

Matthias Stelzig