Kleine Wunder aus Mittelerde – Neuseelands Weinbranche boomt

Neuseeland zählt zu den feinen Adressen im weltweiten Weinbau. Ein Sauvignon Blanc wie Cloudy Bay war sogar mal die Referenz für Weine der Sorte generell. In seiner kurzen Zeit auf der Bühne der Weinwelt glänzte Neuseeland als Vorreiter in richtungsweisenden Techniken von Nachhaltigkeit bis Schraubverschluss und Laub-Management bis Kaltvergärung. Ein paar Unwägbarkeiten gibt es aber auch hier.

Wenn es um Naturschönheiten geht, braucht sich Neuseeland nicht zu verstecken. Unbewohnte Inseln im türkisblauen Wasser, Redwood-Wälder, Gletscher, und das Inland ist ohnehin eine einzige Filmkulisse. Jedes Jahr besuchen tausende „Herr der Ringe“-Fans das Hobbit-Dorf und andere Drehorte von Mittelerde und Auenland. Ein guter Ruf als touristisches Ziel ist für die Weinbranche immer ein Standortvorteil, doch das ist nicht der einzige Trumpf des Landes.

Zwischen dem 34. und dem 47. Grad südlicher Breite lautet die geografische Adresse des Weinbaulands Neuseeland. In mild-mediterranem Klima liegt kein Weinberg weiter als 130 Kilometer vom Meer entfernt. Das garantiert ein deutliches Tag-Nacht-Temperaturgefälle, Voraussetzung für eine lange Reifephase.

Marlborough Astrolabe

Marlborough Astrolabe

Auf den beiden Hauptinseln im Südpazifik liegen zehn Anbaugebiete über 1600 Kilometer verteilt. Aus Sandstein, besonders Grauwacke besteht ein großer Teil des zentralen Bergrückens von Neuseeland. Die Weinberge auf der Ostseite genießen den Regenschatten der feuchten Westwinde.

Neuseelands Böden sind schwer, deshalb finden sich die Anbauregionen in passenden Terroirs wie den Schwemmlandböden von Marlborough, mit fast achtzig Prozent der Anbaufläche das größte Anbaugebiet. Auf Kalksteinböden in Waipara, Canterbury wird gern Pinot Noir gepflanzt. Nördlich-warme Regionen wie Gisborne sind für Chardonnay bekannt, der kühlere Süden neuerdings für Pinot Noir. Nur wenige Formationen wie die Gimblett Gravels, ausgetrocknete Flussbetten, deren große Kieseln in Hawke’s Bay das Wachstum hemmen und die Temperatur speichern, werden als Terroir betont. Trotz großer Entfernungen und einer gewissen geologischen Varianz spielen Standortfaktoren eine weit geringere Rolle als in anderen Regionen.

Six o’clock swill statt Weinseligkeit

Neuseeland war die letzte große Landmasse, die entdeckt wurde. Als der anglikanische Priester Samuel Marsden 1819 in seinem Tagebuch notiert, dass er seine ersten hundert Rebstöcke nahe der Mission in Kerikeri auf der Nordinsel gepflanzt habe, ist der Weinbau in Südafrika über 150 Jahre alt. Hernán Cortés setzte schon Mitte des 16. Jahrhunderts Weinstöcke auf dem amerikanischen Kontinent.

Im 19. Jahrhundert professionalisiert sich der neuseeländische Wein vorsichtig, wird aber immer wieder aggressiv durch hartnäckige Abstinenzbewegungen behindert. Ein Lizenzsystem beschränkt den Verkauf streng. Überdies werden Frauen und Maori diskriminiert. 1908 setzen weitreichende Verkaufsverbote ein, nicht einmal Restaurants haben das Recht Wein zu verkaufen. 1917 wird der Ausschank von Alkohol auf die Zeit bis 18 Uhr begrenzt, so dass einem Werktätigen nach dem Feierabend nur eine Stunde bleibt, der „six o’clock swill“.

Murdoch James Estate

Murdoch James Estate

Ein Referendum zur Prohibition scheitert um Haaresbreite. Wo der amerikanische Gesetzgeber das Alkoholverbot 1933 nach 13 langen und kriminellen Jahren endlich per Verfassungszusatz abschafft, müssen die Neuseeländer bis 1960 warten, bis man ihnen in Restaurants wieder Wein serviert. Frauen dürften noch ein weiteres Jahr in vielen Geschäften keinen Wein kaufen und vor allem nicht in der Öffentlichkeit trinken.

Das Ende des „six o'clock swill“ 1967, der eine Kultur des Komatrinkens auslöste, ist auch der Auftakt für wichtige Veränderungen der Rahmenbedingungen.

Während die Neuseeländer bis 22 Uhr und auch sonntags ihrem Bier oder Wein im Pub frönen, tritt Großbritannien in die EU ein, worauf der Export von Fleisch- und Milchprodukten einbricht. Die Agrarbranche muss sich neu ordnen. In Marlborough, heute die reputierteste Region, grasen vor allem Schafe auf den Schwemmlandböden. Die Landwirte entdecken das nährstoffarme Weideland für den Weinbau. In Restaurants darf man jetzt mitgebrachten Wein trinken. Immer mehr junge Neuseeländer bereisen Europa und finden gefallen an der Weinkultur.

Mit Müller-Thurgau in die Moderne

Von dort bringen sie Müller-Thurgau-Setzlinge mit. Montana in Marlborough füllt Anfang der siebziger Jahre erste Flaschen mit Jahrgang und Rebsorte auf dem Etikett ab. Bald kommen Cabernet-Merlot-Cuvées aus Hawke’s Bay dazu, wo bis heute der Großteil dieser Weine wächst. Die Vorlieben ändern sich aber bald. Das Land erlebt im Schnelldurchlauf eine Weingeschichte, die in anderen Ländern über hundert Jahre gedauert hat. Die ersten Sauvignon Blanc-Reben setzt Montana (heute Brancott) in Marlborough. Ab 1977 abgefüllt, erregt der Rebsortenwein bald einige Aufmerksamkeit – seinerzeit noch zusammen mit anderen populären Sorten wie Müller-Thurgau und Pinotage.

Investitionen steigen, ebenso die Landpreise, mehr Flächen werden bepflanzt, leider oft mit den falschen Rebsorten. 1984 lobt die Regierung erste Rodungsprämien aus. Viele Winzer wechseln hier zu angesagten Sorten wie Chardonnay und Sauvignon Blanc, teilweise nur durch umpfropfen. So kehrt die Konjunktur bald zurück, schon wenige Jahre später fehlt Wein für das Auslandsgeschäft.

Bild - Weinanbau
Bild - Weinanbau
Bild - Weinanbau
Bild - Weinanbau
Bild - Weinanbau
Bild - Weinanbau
Bild - Weinanbau
Bild - Weinanbau
Bild - Weinanbau

Die hygienische Produktion in Stahltanks unter Luftabschluss schauen sich viele Winzer bei der Milchwirtschaft ab. Kalt vergoren entstehen primärfruchtige Weine, die die Welt so nicht kennt. Im Gegensatz zu den hefig-rauchigen Pouilly Fumés der Loire prägen sie einen neuen Stil. Während sie in explosiven Noten von Grapefruit, Passionsfrucht, Gras und Lychee schwelgen, überschlagen sich die Kritiker vor Lob. Das erst 1985 gegründete Cloudy Bay aus Marlborough wird mit seinem Sauvignon Blanc in den Neunzigern schlicht zur weltweiten Referenz.

Viel Chemie, viele Fragen

Methoxypyazine sorgen in den Weinen für grüne Noten. Thiole sind chemisch die Hauptverantwortlichen für exotische Fruchtnoten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch, dass es komplizierter ist. Untergruppen machen wieder einzelne Komponenten aus. Erhalten bleiben sie nur bei niedrigen Temperaturen. Unklar bleibt, wie diese Schwefelverbindungen im Vinifikationsprozess entstehen. Der vorläufige Erkenntnisstand ist eher verwirrend. Mit Maschinen geerntete Trauben etwa haben zehn Mal mehr davon als per Hand gelesene. Heute vergären auch in Marlborough Weingüter im Holzfass oder lassen die Weine reifen. Andere Winzer beschäftigen sich mit dem Einfluss ihres Terroirs, eine recht neue Entwicklung in Neuseeland.

Für einige Zeit in den 1990er Jahren scheint Chardonnay ein zweites Weißwein-Standbein zu werden. Im Export eine sichere Bank, aber wenige Weine heben sich vom internationalen Stil mit malolaktischer Gärung und Barrique-Ausbau ab. Diese Verwechselbarkeit kostet Chardonnay vermutlich den zweiten Platz in der Anbaustatistik.

Als der Weinverkauf endlich auch in Supermärkten legal wird, entdecken immer mehr Winzer den Pinot Noir für sich und die hochkomplexen Weine der Bourgogne als Messlatte. Übliche Anfangsirrungen wie schlechtes Klonmaterial, zu viel Holz und hohe Alkoholkonzentration sind bald überwunden. Die meisten Winzer suchen heute nach Komplexität und Finesse.

Gegend Auckland
Canterbury
Central Otago
Central Otago
Gisborne
Hawke's Bay
Marlborough Astrolabe
Marlborough Nautilus
Marlborough Mount Riley

Mit Dynamit zum guten Wein

Mit unterschiedlichen Stilistiken treten auch weniger beachtete Regionen aus der Anonymität, Martinborough etwa auf der Nordinsel oder Central Otago. In den südlichsten Weingärten des Planeten herrscht leicht ruppiges Kontinentalklima, und es gibt Flurnamen wie Mount Difficulty. Für die ersten Rebstöcke sprengte man Pflanzlöcher in den Schieferfels. Heute gewinnen die Weine in ihrem kräuterig-mineralischen Stil internationale Auszeichnungen.

Die letzte Entdeckung in Neuseeland ist das Potenzial von Syrah, von dem es 1984 angeblich nur noch neun Rebstöcke im Land gab. Sie stehen in Hawke’s Bay, wo heute drei Viertel der Sorte wachsen. Pflaumen, Pfeffer und Veilchen finden sich in vielen Weinen. Die Kombination von Sortentypizität und Eleganz hat ihn schnell zu einem Darling der internationalen Szene gemacht.

Palliser

Palliser

Ungleiche Verteilung

Zahlenmäßig führt Sauvignon Blanc den Rebsortenspiegel mit großem Abstand an. Die rund 2000 Hektar von 1999 haben sich heute mehr als verzehnfacht auf 58 Prozent der Gesamtfläche. Vor allem Marlborough versucht sich mit Schaumweinen der Sorte einen Namen zu machen. Investoren aus der Champagne stehen auch schon bereit. Noch ist die Produktion aber klein.

Der komplizierte Spätburgunder hat sich von 800 Hektar 1999 auf 5573 katapultiert, rund 15 Prozent. Knapp neun Prozent entfallen auf den relativ stabilen Anbau von Chardonnay. Trotz einer stagnierenden Anbaufläche von 2500 Hektar finden mehr Winzer gefallen an Pinot Gris. Gesucht wird ein Stil zwischen den leichten Norditalienern und dem barocken Elsass.

Im Mittelfeld mit einigen hundert Hektar Fläche finden sich Sorten wie Riesling, die auf ihren Durchbruch warten. Fans preisen die Sorte als perfekt für das neuseeländische Klima, die eilig ausgerufene „Riesling revolution“ lässt aber auf sich warten.

Exoten wie der Grüner Veltliner, Albariño, Tempranillo oder Sangiovese machen immer wieder mal Schlagzeilen, aber letztlich wenig Umsatz. Auch wenn die Werbung stolz den Rebsortenspiegel mit 36 Sorten präsentiert, interessant wird es erst wieder am Ende der Tabelle. Als Exportland mit dem Gespür für Marktentwicklungen trennen sich die Neuseeländer leichten Herzens von unpopulären Sorten. Pinotage, Chenin blanc und Reichensteiner sind marginal und lassen an längst vergangene Moden denken. Müller-Thurgau, der in den siebzigern den kommerziellen Weinbau begründete, belegt laut Statistik noch ganze zwei Hektar und damit den letzten Tabellenplatz.

Schafe vor Weinreben

Schafe vor Weinreben

Forschung ohne Altlasten

Schon in den neunziger Jahren wurden erste Nachhaltigkeits-Standards für Wein festgelegt. 2014 trat ein staatlich gefördertes Programm in Kraft. Das Land greift zu siebzig Prozent auf erneuerbare Energien zurück. In einigen Jahren sollen es neunzig sein. Jeder fünfte Weinberg soll dann biologisch wirtschaftet werden.

Ohne Atomenergie und tausende Kilometer von der nächsten umweltverschmutzenden Landmasse entfernt, besetzt Neuseeland eine Spitzenlage und kennt keine Altlasten. Keine traditionellen Weinstile, keine Rebsorten-Verpflichtung, nicht mal Anbauregionen sind zwangsläufig. Ein „Marlborough Sauvignon blanc“ kann durchaus in Auckland abgefüllt werden.

Entsäuern, Aufsäuern, Chaptalisieren, Bewässern, die Winzer haben große Flexibilität, um marktgerecht zu produzieren, und tatkräftige Unterstützung aus der Wissenschaft. Laub-Management, wie wir es heute kennen, ist in Neuseeland quasi erfunden worden. Viele Forschungskongresse finden in Neuseeland statt, nicht zuletzt der die richtungsweisende Sauvignon Blanc Celebration 2016.

Den Trend zu weniger Alkohol können die Neuseeländer mit ihrem Klima gut aufnehmen. Vor allem besser als die Nachbarn im trocken heißen Australien. Auch hier hilft ein elf Millionen Euro schweres Programm. Vor allem die Zuckerproduktion in der Traube soll dabei verlangsamt werden, statt später unter Verlust von Extrakt Alkohol zu entziehen. Die Winzer erwarten stark steigende Nachfrage, für die bislang noch keine Produkte in Sicht sind. Da ist Neuseeland ganz vorn dabei – und manchmal etwas vor der Zeit. 2016 sperrte die EU eine Lieferung aus Riesling Neuseeland, wegen „zu geringen Alkoholgehalts“.

Solide Wirtschaft – mit einigen Unbekannten

Neuseeland produziert auf 36.192 Hektar 314 Millionen Liter Wein. Die Wirtschaft ist kerngesund, 2040 Weinberge sind derzeit registriert. Der Durchschnittsbetrieb misst großzügige 14,4 Hektar. Jedes Jahr wächst die Produktion. Trotz hoher Preise hat das Land in Sachen Preis-Qualität einen guten Ruf.

Auf der Liste der Exporterzeugnisse steht Wein auf Platz fünf mit einem Gesamtwert von 1,53 Milliarden Euro im Jahr bis März 2017, „und die Nachfrage wird noch steigen“, glaubt Philip Gregan, CEO von New Zealand Winegrowers. Derzeit gehen 69 Prozent in den Export, 213 Millionen Liter. Zum Vergleich: 1982 verließen gerade mal eine halbe Million Liter das Land. Fast jedes Jahr können die Winzer auf neue Rekordmarken anstoßen, 2016 war es die 500 Millionen Dollar-Marke, die in den USA geknackt wurde.

„New Zealand wine is no longer a one trick pony.“ Dieser Satz, den Jancis Robinson vor ein paar Jahren sagte, war ein Ritterschlag. Er bedeutete, Neuseeland kann mehr als Sauvignon Blanc-Fruchtbomben. Neuseelands Aushängeschild hat nämlich schon einige Jahre als Sympathieträger auf dem Buckel. Und die Moden ändern sich, das weiß niemand besser als die neuseeländischen Winzer.

Einpflanzen einer jungen Rebe

Einpflanzen einer jungen Rebe

Wer hätte zu Hochzeiten der schweren Barrique-Chardonnays geahnt, welche Zukunft dem leichtgewichtigen Prosecco bevorsteht. Die ganz großen Tage der kaltfruchtigen Weine könnten also gezählt sein. Erste Glera-Pflanzungen wurden auf den Pazifik-Inseln schon gesichtet.

Andere Unsicherheitsfaktoren sind Klimaschwankungen, vom Rekordjahr 2014 auf 2015 fiel die Erntemenge um ein Drittel. Schäden und Verluste durch Erdbeben sind bei Pazifik-Anrainern eine Art Alltagsrisiko, auch wenn das Beben von Christchruch 2012 glimpflich für die Weinbaubetriebe ausging. Allein Auckland steht auf fünfzig Vulkanen, von denen einige jederzeit wieder ausbrechen können. Die hohe Exportquote macht die Branche von politischen Ereignissen wie Banken- und Chinakrise abhängig.

Während die Anbaufläche weltweit und besonders in Europa rückläufig ist und der globale Konsum etwa gleich bleibt, pflanzen neuseeländische Winzer eifrig neu. Mit Neuseelands Marktposition dürfte das exportmäßig in Ordnung gehen. Doch in einer Region wie Marlborough könnten schon in einigen Jahren die Flächen ausgehen. Chinesen kaufen auch hier.

„Wir werden nie zu den ganz Großen gehören“, so Gregan. Deshalb will man natürlich zu den gesuchtesten gehören. Die Aussicht ist zwar für jeden Produzenten charmant. Aber jeder Kaufmann weiß auch, dass in Krisenzeiten zuerst an den Artikeln gespart wird, die teuer und nicht unerlässlich sind.

Eine andere politische Entwicklung, die in weiten Teilen der Welt eher Nervosität auslöst, könnte ausgerechnet den hochpreisigen Weinen gut bekommen. Großbritannien ist der Importmarkt mit den zweithöchsten Flaschenpreisen hinter den USA. Durch den Brexit verteuern sich EU-Weine, die 55 Prozent des Markts ausmachen. Da könnte Neuseeland zur erschwinglichen Alternative werden.

Matthias Stelzig