Im autochthonen Paradiesgarten

Kaum ein Weinland hat eine solche Vielfalt an Rebsorten und Stilen zu bieten wie Portugal – Geheimtipp für Entdecker

Sie heißen Rabo de Ovelha, Trajadura oder Alvarinho, Trincadeira, Mourisco oder Periquita, Touriga Nacional, Castalão oder Tinta Roriz – und sie stehen für eine ampelographische Vielfalt, wie sie kaum sonstwo auf der Welt existiert. Mehr als 500 einheimische Rebsorten gibt es in Portugal. 250 davon werden zur Weinerzeugung verwendet und machen so das kleine Land im äußersten Südwesten Europas zu einem autochthonen Paradiesgarten.

Mit einer Rebfläche von 239.000 Hektar liegt Portugal weltweit auf Platz sieben, mit seiner Jahresproduktion von sechs bis sieben Millionen Hektoliter allerdings nur auf Rang elf hinter Deutschland. Noch haben die oft ungewöhnlichen Tropfen aus Lusitanien, wie die Römer ihre damals westlichste Provinz nannten, den internationalen Durchbruch nicht ganz geschafft. Aber die Zahl ihrer Liebhaber nimmt stetig zu. „In Portugal erwacht ein Riese“, sagt der Sommelier-Weltmeister und Master of Wine Markus del Monego, „lange hat er geschlafen, doch nichts von seinem Können verlernt“.

In der Tat wachsen zwischen dem Badeparadies Algarve im Süden und der Grenze zu Spanien im weitaus kühleren Norden Weine, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Der süße, aufgespritete Portwein aus dem Douro-Tal, nach der zweitgrößten Stadt des Landes benannt, dominierte allzu lange das vinologische Image Portugals, seit der Marqués de Pombal seine Herstellung im Jahr 1756 gesetzlich regeln ließ. Doch dies hat sich geändert.
Foto: Porto mit Rabelo-Booten Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Winzer im Alentejo Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Fernando da Cunha Guedes Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Fest der Weinlese Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Guimarães Center Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Traubenlese Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Urlaub im Dourotal Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Weinberge Vinho Verde Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Tasting mit Tim Atkins Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: ProWein: Wines of Portugal Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: ProWein: Wines of Portugal Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Überall in den 14 Weinregionen hielt nach dem EU-Beitritt 1986 moderne Kellertechnologie Einzug und verhalf vielen der traditionell oft etwas rustikalen Kreszenzen zu mehr Finesse, Frucht und Geschmeidigkeit. An Charakter hatte es ihnen auch vorher nicht gefehlt. Die Portugiesen sind wahre Meister im Verschnitt verschiedener Traubensorten, auf Neudeutsch Blending genannt – oft stehen die Reben sogar noch heute im gemischten Satz im Weinberg.

Der Weinbau reicht bis weit in die Antike zurück. Phönizier, Griechen und Römer brachten die Rebkultur ins Land. Nach den langen Jahren der maurischen Fremdherrschaft vom achten bis zum zwölften Jahrhundert sorgten vor allem die Zisterzienser, die allein im zwölften Jahrhundert mehr als 100 Klöster im heutigen Portugal gründeten, für den Wiederaufschwung. Mit den Erträgen aus Weinbau und Landwirtschaft wurde eine Handelsflotte aufgebaut, die den Grundstein legte zur späteren Weltmacht Portugal. Bis heute ist der Weinbau ein äußerst wichtiger Wirtschaftsfaktor geblieben: noch immer leben 15 Prozent der Bevölkerung von ihm.

Innerhalb der 31 kontrollierten Ursprungsbezeichnungen (DOC) und der 14 Landwein-Regionen (IGP) ist enorme Vielfalt angesagt. Der Vinho Verde aus dem kühlen und üppig grünen Nordwesten kommt leichtfüßig-tänzelnd und mineralisch-frisch bei niedrigem Alkoholgehalt daher, oft mit etwas Kohlensäure. Trás-os-Montes („Hinter den Bergen“) bringt leichte, fruchtige Weiß- und Rotweine hervor, während das Douro-Tal seit einigen Jahren nicht nur als Heimstatt des Portos von sich reden macht, sondern auch mit trockenen, hoch konzentrierten und sehr komplexen Rotweinen weltweit für Furore sorgt; auch etwas Weißwein wird produziert.
Foto: Alentejo
Wer einmal eine der zahlreichen Quintas im Dourotal besucht- und den Blick über die Flußschleifen und Atem beraubend steilen Weinbergterrassen genossen hat, der weiß, weshalb das Tal mit seiner einzigartigen Kulturlandschaft seit 1996 unter dem Schutz der Unesco steht. Allenfalls die deutsche Mosel kann hier mithalten. Auch dort wurzeln die Reben auf kargem Schiefer.

Doch Portugal hat noch eine ganze Reihe weiterer vinologischer Entdeckungen zu bieten: die traditionsreiche DOC Dão zum Beispiel, die für ausgewogene Weine mit klarer mineralischer Säure, vollem Aroma, Charakter und Intensität steht, die stärker unter atlantischem Einfluss stehende Region Bairrada, in der die kernige Baga-Traube dominiert und für sehr langlebige Tropfen sorgt, das Gebiet um Lissabon mit neun eigenen, zum Teil sehr kleinen DOCs, die Tejo-Region, die für ihre eindrucksvollen Süßweine bekannte Halbinsel Setúbal südlich der Mündung des Flusses, und das sonnenverwöhnte Alentejo, aus dem in jüngster Zeit nicht nur leicht verständliche, samtige Rotweine kommen, sondern mehr und mehr anspruchsvolle Meisterwerke, für die auch internationale Sorten wie Syrah mitverwendet werden. Ein Geheimtipp! In einer eigenen Klasse spielen die Insel Madeira und die Azoren mit ihren Likörweinen.

Im deutschen Markt freuen sich die Portugiesen über eine Verdoppelung ihrer Exporte in den vergangenen zehn Jahren, auch wenn die Entwicklung ziemlich unstet war: Auf das Hoch der Fußball-Europameisterschaft 2004 mit rund 16 Millionen Liter folgte im Jahr darauf ein Einbruch auf 11,2 Millionen – inzwischen ist aber das Niveau von 2004 leicht übertroffen. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2012 rund 16,9 Millionen Hektoliter Wein aus Portugal eingeführt. Und: das erste Halbjahr 2013 erbrachte bei Rot- und Roséweinen, die für zwei Drittel der Produktion stehen, ein weiteres Plus von 6,8 Prozent, bei Weißwein sogar von 9,1 Prozent.
Foto: Winzerpaar bei der Ernte Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Der Weinjournalist und Portugal-Experte David Schwarzwälder ist überzeugt, dass das kleine Land im Südwesten Europas dank seines relativ kühlen Klimas und der ungeheuren Vielfalt an Terroirs noch enormes Qualitätspotenzial für die Zukunft besitzt: „Portugal steht für Weinstile, die zum Teil weitab des Mainstreams funktionieren und damit ein hohes Maß an Individualität vermitteln.“

Gemeinsam mit anderen Fachleuten, wie der Sommelière und Buchautorin Christina Fischer, dem britischen Master of Wine Tim Atkin, dem Portwein-Spezialisten Axel Probst und dem Gault Millau-Sommelier des Jahres 2013 Thomas Sommer, brachte Schwarzwälder den Besuchern der ProWein 2013 bei geführten Verkostungen die vinologische Vielfalt Lusitaniens näher.

„Wines of Portugal“, der 1997 gegründete Absatzförderungsverband des Landes, gehört seit Jahren zu den großen Ausstellern auf der weltweit wichtigsten Weinhandelsmesse in Düsseldorf. Mehr als 250 Erzeuger, davon 137 unter dem Dach von „Wines of Portugal“, präsentierten sich im vergangenen März in Halle 2 und waren sehr zufrieden mit den erreichten Ergebnissen. Fernando da Cunha Guedes, Vorstandsmitglied des Großunternehmens Sogrape: “Die Teilnahme an der ProWein ist für uns sehr produktiv, wir konnten dort schon viele professionelle Kontakte knüpfen und einige Verträge unterzeichnen. Unsere Haupthändler kommen alle nach Düsseldorf.“ Auch für die ProWein 2014 plant „Wines of Portugal“ dort wieder einen großen Auftritt.
Foto: O Port Unidade 1600OW Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Traditionell lag zwischen Algarve und Tras-os-Montes die Weinherstellung meist in den Händen von Großgrundbesitzern. Die Bauern lieferten die Trauben – und halfen, sie mit den Füßen zu stampfen. Die dafür vorgesehenen Bassins, die „Lagares“, gibt es zum Teil heute noch. Das behutsame Zerdrücken der Beeren erledigt aber in der Regel inzwischen moderne Technologie.

Manchmal freilich darf die Tradition wieder fröhliche Urständ‘ feiern – so wie im September 2013, als die Chefs sämtlicher wichtigen Portweinproduzenten sich im Dourotal trafen, um gemeinsam für einen guten Zweck medienwirksam Trauben aller angebauten Rebsorten zu stampfen, aus denen ein nur in diesem Jahr produzierter Spitzenportwein werden soll. Titel des Projektes, dessen Erlös benachteiligten Kindern im Dourotal zugute kommen soll: „O-Port-Unidade“. Ein schönes Wortspiel.

Dirk van der Niepoort, in dessen Lagar die Trauben gestampft wurden, gehörte zu den Gründern der „Douro Boys“, die vor zehn Jahren damit begannen, mit Verkostungen, Seminaren und Präsentationen der Welt zu zeigen, dass im Dourotal auch außergewöhnliche trockene Rote und Weiße wachsen. Zu den Mitgliedern zählen neben Niepoort die Quinta do Vale Dona Maria, Quinta do Crasto, Quinta do Vale Meão und Quinta do Vallado. Aber auch in anderen Teilen Portugals arbeiten Winzergruppen, wie die “Independent Winegrowers’ Association”, Grupo dos Sete G7 oder die Genossenschafts-Kooperation A9 zusammen, um ihre Produkte vor allem im Ausland besser zu vermarkten und dem portugiesischen Wein das Renommee zu verschaffen, das ihm eigentlich gebührt.

Paulo Amorim, langjähriger Präsident von G7 und zweimaliger „Winemaker of the Year“ ist überzeugt: „Portugals Weine werden international Furore machen. Wir produzieren wunderbar balancierte und elegante Tropfen, die weltweit immer mehr Freunde finden.“

Nicht nur Amorim sieht im Tourismus eine Riesenchance für die portugiesischen Erzeuger. Außer Sonne, Meer und Strand bietet das Land heute immer mehr Top-Restaurants, Spas, kulturelle Highlights, ausgeschilderte Weinrouten und hübsche Städtchen, wie zum Beispiel das im Norden gelegene Guimarães, Europas Kulturhauptstadt 2012 und Wiege Portugals.
Foto: Amphoren-Panorama
Auch in Deutschland sind es vornehmlich Bio-Winzer, die sich an die Herausforderung Amphorenwein wagen. Der Rheingauer Vorzeigebetrieb Peter Jakob Kühn ließ im Jahr 2005 zwei spanische Tinajas nach Oestrich-Winkel bringen, um in ihnen einen kleinen Teil der Rieslingtrauben aus dem Weinberg im Lenchen auszubauen, weil ihn „die Faszination des Unberührten, des Ursprünglichen“, reizte. Auch der zweite Versuch 2009 gelang, obwohl der Wein nach alkoholischer und malolaktischer Gärung eine lange Reifezeit brauchte. Das unfiltrierte Endprodukt besitzt für seinen Macher eine „faszinierende Strahlkraft und Dichte – auch wenn der so erzeugte Riesling nicht die gewohnte Dominanz hat“.

Ebenso wie Biowinzer Manfred Rothe aus Nordheim, der im Oktober 2013 seine beiden ersten Qvevris mit Silvaner- und Rotweinmaische befüllt hat, setzt man bei der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim auf den Einsatz der bauchigen Amphoren aus dem Kaukasus. Im Rahmen eines Schülerprojektes haben Johannes Burkert und Dr. Michael Zänglein vom Sachgebiet Oenologie und Kellertechnik 2011 erstmals ein 900-Liter-Tongefäß in den Boden eingegraben und eine Art Marani darum herum errichtet.
Foto: Alvaro de Castro Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Dirk van der Niepoort Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Familie Joao Cerdeira Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Familie Soares Franco Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Luis Pato Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Foto: Paulo Laureano Quelle: „Wines of Portugal“ und regionale Winzerverbände!
Viele Touristen nutzen den Urlaub in der Südwestecke Europas, um bekannte und weniger bekannte Weingüter zu besuchen und dort Entdeckungen zu machen. Immerhin: Portugal verfügt über rund 3.000 Abfüllbetriebe. Starwinzer wie Alvaro de Castro aus der Dão-Region, die Casa Ferreirinha mit ihrem Kultwein Barca Velha, Alexandre Relvas und Paulo Laureano aus dem Alentejo im Süden, Luis Cerdeira mit seinen mineralischen Alvarinhos aus Monção / Melgaço, Luis Pato als „Großmeister“ der Baga-Traube, Domingos Alves de Sousa aus dem Douro-Tal oder Domingos und Antonio Soares, die auf der Halbinsel Setúbal den bekannten Markenwein Periquita produzieren, aber auch einen Weißen aus 208 Rebsorten und einen Roten aus 157 – sie alle stehen für die ungeheure Vielfalt des lusitanischen Weinspektrums.

Erfreulich: Der Jahrgang 2013 brachte eine mengenmäßig leicht überdurchschnittliche Ernte von 6,7 Millionen Hektolitern, nach nur 5,5 Millionen im Vorjahr. Vor allem im Süden, im Alentejo und in der Algarve-Region, hatten die Winzer Anlass zur Freude, aber auch im Norden, im Dourotal und im Vinho Verde-Gebiet stimmten Menge und Qualität. Die Voraussetzungen für den weiteren Aufstieg der Weine Portugals sind also gegeben. Jetzt gilt es nur, die Konsumenten weltweit noch ein Stück vertrauter mit ihnen zu machen. Auf der ProWein 2014 können sich die Profis schon mal einen aktuellen Überblick des Angebotes verschaffen.

Thomas Brandl