Große Bühne für den Wein – das Roussillon

Im Roussillon wachsen Reben hinter dem Strand genauso wie in Sichtweite verschneiter Pyrenäengipfel. Auf den verschiedenen Terroirs entstehen sehr unterschiedliche Weine. Wenige Anbaugebiete haben eine vergleichbare Bandbreite vom mediterranen Weißen bis zum uralten Banyuls.

Wenn ein Weinliebhaber Gott spielen dürfte, würde er sich ein ideales Anbaugebiet erschaffen. Ausdrucksstarke Rebsorten, viel Sonne, kalte Nächte, unterschiedlich mineralische Böden, gute Lagen und verschiedenste Weintypen wären wohl seine Zutaten. Alles in allem würde dann so etwas Ähnliches wie das Roussillon dabei heraus kommen. Wobei die Region immer noch ein paar Extras zu bieten hat, wie etwa Seebrise, spottbillige Einstiegsweine und fast unbegrenzte Haltbarkeit.
Foto: Haus aus dem Dorf Latour de France
Foto: Landschaft Roussillon
Foto: Alte Rebstöcke
Foto: Typisch für das Roussillon
Foto: Mildes Klima - Orangen im Februar
Foto: Route des vins
Foto: Weinberge mit Gebirge
Foto: Weinberg vor Gebirge
Foto: Weinberge mit Gebirge
Die Anbaubedingungen im südwestlichsten Zipfel Frankreichs sind derart gut, dass sich schon die antiken Griechen darin verliebten. Nachdem sie im 7. Jahrhundert vor Christus ihre erste Kolonie in Marseille zum Weinbaustandort ausgebaut hatten, entdeckten sie die Region am Fuß der Pyrenäen als Rebland für sich. Die Römer, die nach ihnen kamen, bauten ihre Provinz Narbonnaise zu einer Handelsdrehscheibe aus. Beide erkannten die geradezu idealen Standortfaktoren für den Weinbau: Das Roussillon bildet einen Talkessel, der von drei Bergzügen und dem Meer im Osten eingekreist ist. Gern wird die Formation als Amphitheater bezeichnet, weil sich die steilen Hänge mit ihren Terrassen wirklich wie eine antiker Zuschauerraum zum Mittelmeer im Osten öffnen. Von Westen fließen die drei Flüsse Agly, Têt und Tech fast parallel durch eine fruchtbare Ebene. 

In dem mild-mediterranen Klima mit über 2500 Sonnenstunden fällt der wenige Regen in nicht mal hundert Tagen und oft in heftigen Gewittern. Das macht das Roussillon zu einer der trockensten Regionen Frankreichs. Um das Wasser ganzjährig aus dem Boden zu ziehen, müssen die Reben tiefe Wurzeln schlagen. Regelmäßige Fallwinde von den Bergen sind außerdem ein guter Schutz vor Pflanzenkrankheiten. Seinen guten Ruf rettete der Wein der Region ins Mittelalter, wenn auch mit Abstrichen. Messwein wurde jedenfalls gebraucht. Karl der Große, der in Nordeuropa den Weinbau kräftig förderte, sah an der Grenze zur iberischen Halbinsel aber vor allem eins, ein Einfallstor für den Islam. Deshalb gründete er eigens einen Pufferstaat, die Grafschaft Rosselló, die der Region später den Namen gab.

Hätte die Abschottungspolitik wirklich funktioniert, wäre allerdings einer der besten Weine der Welt verloren gegangen. Süßweine mochten schon die Zeitgenossen, gewannen sie aber vor allem durch Austrocknen und Überreifen der Trauben. Dann wurde noch einmal mit Honig nachgeholfen. Da traf es sich gut, dass Arnau de Vilanova, der maurische Medicus des Königs von Mallorca und Rektor der Universität von Montpellier, 1285 die Destillation entdeckte. Den frisch erfundenen Weinbrand setzte man gärendem Most zu, stoppte so die Hefeaktivität und erhielt die Fruchtsüße. Der Vin dou naturell war geboren.

Bis heute hat sich daraus im Roussillon eine einmalige Auswahl an Süßweinen entwickelt. Aus der Appellation Rivesaltes, die auf Deutsch „Hohe Ufer“ bedeutet, kommen bernsteinfarbene Ambrés und ziegelrote Tuilés. Ihre Farbe und ihr Aromenspektrum von Quitte bis Kaffee verdanken sie starker Oxidation, die „brutale“ genannt wird, wenn sie draußen in Glasballons statt findet. Der berühmteste Süße ist der Banyuls, der von Terrassen stammt, die mitunter so steil sind, dass sie mit Maultieren bewirtschaftet werden müssen. Auch hier gibt es eine breite Palette: zitrusfruchtige Weiße und viele Jahre gereifte Traditionels mit nussiger Rancio-Note. Rimage, der seine tiefen Fruchtnoten durch lange Matzeration auf der Maische bekommt, gibt es nur in guten Jahren. Als Mise Tardive werden sie mehrere Jahre gealtert und entwickeln dabei eine überwältigende Komplexität und Konzentration.

Die Muscats de Rivesaltes sind eine Cuvée von Muscat d’Alexandrie und Muscat de petits grains und ergeben exotisch-fruchtige Bukettweine mit dem Duft von weißen Blüten. Die Möglichkeiten sind so vielfältig, dass über 80 Prozent des französischen Süßweins aus dem Roussillon kommt. Außer bei den Spitzenweinen sind die Preise sogar sehr moderat, wobei oft ein weiterer Aspekt untergeht. Dass solche Weine mit hohem Zuckergehalt haltbar sind, liegt auf der Hand. „Vins dous sind aber extrem alterungsfähig“, erklärt Eric Aracil, der seit vielen Jahren für den Herstellerverband arbeitet. In Vertikalproben zeigt er Weine, die sechzig, achtzig oder über hundert Jahre alt sind – und noch überraschend frisch.
Foto: Weinberge mit Gebirge

Künstler lösen Schmuggler ab

Das Mittelalter überstand die Weinwirtschaft im Roussillon leidlich gut. Die Weine blieben Exportschlager in Paris, sogar in Italien und Flandern, auch wenn die Region politisch ein Spielball zwischen den Königreichen Mallorca und Aragon wurde. Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg fiel das Roussillon an Frankreich, allerdings auf Kosten der ersten Identität. Das ursprüngliche Katalanisch hört man heute selten auf den Straßen.

Im 18. und 19. Jahrhundert wuchs die Rebfläche von 9000 auf fast 80.000 Hektar. Bis die Reblausplage die Stöcke dahinraffte. Im Roussillon kam noch dazu, dass es eigentlich keine Trinkkultur gab. Deshalb verlegte man sich bei den Neupflanzungen auf ertragsstarke Sorten und Mechanisierung. Zahlreiche Genossenschaften gründeten sich – bis heute produzieren sie 70 Prozent des Weins –, um die Mengen effektiver zu vermarkten.

Zu gleichen Zeit entdeckten aber Künstler wie Henri Matisse, Georges Braque und Pablo Picasso das einmalige Licht der Landschaft für sich. Für die Fauvisten waren ihre Bilder ein Zusammenklang leuchtender Farben, für die sie hier an der Mittelmeerküste die besten Motive fanden. Pittoreske Dörfer wie Collioure mit seiner Hafenbucht, das früher wegen seiner Grenzlage gern von Schmugglern genutzt wurde, boomten. Mit den Künstlern kamen Kunstsinnige und Touristen. Eine Kanone an der Strandpromenade mit ihren teuren Cafés zeigt den Zusammenhang noch heute.

Noch im II. Weltkrieg war Banyuls Durchgangsstation für Menschen, die vor den Nazis flohen. Unter ihnen Geistesgrößen wie Walter Benjamin. Auf dem „Chemin Walter Benjamin“ kann man heute seine Route von den Weinbergen bis ins spanische Portbou nachwandern. Bei den folgenden Kämpfen setzten sich aber langsam die guten Kräfte durch. Die bis dahin undifferenzierte Region entwickelte die ersten Lagen und stellte damit Qualität über Quantität. Rivesaltes, Banyuls und Maury waren die ersten Appellationen, die ein AOC Siegel bekamen. In den siebziger Jahren kamen Collioure und Côtes du Roussillon dazu. Gerade in den trockenen Rotweinen liegt viel Potenzial, das sich am besten über die Geologie mitteilt.
Foto: Verkostung
Die Auffaltung der Pyrenäen hat verschiedenste Bodenarten an die Oberfläche befördert, von denen besonders Kalkstein und Schiefer einige geniale Terroirs abgeben. Es gibt aber auch Granit und Gneis, Marmor und Mergel und weitere. An einigen der besten Standorte sind so bemerkenswerte Unter-Appellationen wie Tautavel und Les Aspres entstanden. Dort kämpfen die Reben auf steilen Terrassenhängen gegen die ewige Trockenheit – und bringen außergewöhnliche Rotweine hervor.

Insbesondere Grenache läuft hier zu sehr dichten, komplexen Weinen auf. Schiefer fördert dichte Grafitaromen, Kalkstein frische Mineraltöne. Ähnlich sieht es beim etwas empfindlicheren Mourvèdre aus. Die meisten Weine sind Cuvées aus einer wieder einmal reichhaltigen Sorten-Palette. Carignan, Syrah, die Muscat-Varianten und Macabeu sind die wichtigsten. Dazu kommen Blends aus Marsanne und Roussanne oder weißem Grenache und Macabeu, die mit den Jahren immer besser werden. Insgesamt sind 23 Rebsorten zugelassen. Alle finden gute bis sehr gute Bedingungen vor Ort. Der Traum eines Weinliebhabers eben.

Alles in allem steuert das Roussillon eindeutig Richtung Qualität. Von den 70.000 Hektar Anbaufläche der siebziger Jahre sind heute noch 24.000 übrig, zwei Drittel davon AOC-Weine. Besonders auffällig sind die niedrigen Erträge, nicht nur bei den Süßweinen. Die Winzer produzieren nur etwa halb so viel wie im nationalen Durchschnitt. Mit etwa 70 Millionen Litern Jahresproduktion erzeugt die Region gerade mal zwei Prozent des französischen Weins. Auch die vielen Familienbetriebe sind mit zehn Hektar für französische Verhältnisse eher klein.
Foto: Fasskeller Château des Hospices
Foto: Château de Caladroy
Foto: Rivesaltes-Schild
Foto: Château de Rey- Fasskeller als Partylocation
Foto: Château de Rey- Fasskeller als Partylocation
Foto: Detail aus dem Château de Rey
Foto: Detail alter Tank
Foto: Eric Aracil, Repräsentant des Weinbauverbands Roussillon
Foto: Ansicht Mas Amiel

Riesen Krach um Lu-Xi-Long

Eben weil es kaum Tradition für Qualitätswein gab, stand das Roussillon lange im Schatten des übermächtigen Bordeaux. Aber heute haben viele Winzer moderne Kellertechnik, und vor allem betrachten sie die Terroirs sehr genau. In dem trockenen Klima bieten sich natürlich auch Bio-Weine an und zählen zu den Erfolgen der Region. Die Erntemengen sind relativ stabil. Das Roussillon blieb sogar weitgehend von den häufigen Wetterkapriolen verschont.

Das alles registrieren auch internationale Weintrinker. Mehr als ein Viertel der Ausfuhren nimmt Belgien ab. Dahinter kommen Deutschland und mit wenig Abstand die Niederlande, USA, Großbritannien, China und Kanada. Die Exporte sind also gut verteilt. „Die Sonne scheint auf das Languedoc“ titelte kürzlich das britische Branchenmagazin The Drinks Business, um seine Leser wissen zu lassen, dass man an den Pyrenäenhängen eine prima Preis-Qualitäts-Relation erwarten darf. „Wie der amerikanische Traum“ sei das. Grund für die Euphorie war die große Freizügigkeit in Sachen Rebsorten, die vielen stilistischen Möglichkeiten und „die steigende Qualität“, bestätigt Matthew Stubbs MW, der in der Region lebt. „Alles ist möglich“ – zum Beispiel Riesling und Sangiovese anbauen – „hier kann man einfach herkommen und tun, was man will“. Viele können auch, was sie tun. Das Roussillon zieht Spitzenwinzer an.

Trotz aller Dynamik, die die Region erfasst hat, läuft alles erfreulich unaufgeregt. Vielleicht manchmal etwas zu unaufgeregt. Offensichtlich angetan von dem guten Namen ließ sich ein Unternehmen in China den Namen Roussillon – ins Chinesische als Lu-Xi-Long übertragen –als Markennamen schützen. Der Verband legte Klage vor der chinesischen Industrie- und Handelskammer ein und konnte damit den Ausverkauf vorläufig stoppen. Das ehemalige Schmugglerparadies hält Schätze verborgen, von denen es selbst noch nichts weiß.

Matthias Stelzig

Weitere Daten zu den einzelnen Anbaugebieten finden Sie hier und hier.
Quelle: Alle Daten CIVR Vinologisches du Roussillon