Erstaunliche Weine aus Autochthonen

Foto: Oliven
Wo Stauferkaiser Friedrich zuhause war: Apulien steht wie keine zweite Region Italiens für ampelografische Vielfalt

Friedrich II., von seinen Zeitgenossen als „stupor mundi“, als Staunen der Welt bewunderter Stauferkaiser, wusste, wo’s schön ist: vom geheimnisumwobenen Castel del Monte in den Murge-Hügeln im Norden von Apulien schweift der Blick über Steineichenwälder, Olivenhaine, Felder und kleine weiße Dörfer bis hin zum Azurblau des Meeres am Horizont. Und natürlich über Weinberge! Wo einst der in Italien noch immer als „Federico Secondo“ verehrte römisch-deutsche Kaiser mit dem Bau des achteckigen Castel del Monte der Menschheit ein Geheimnis auf ewig an die Hand gab, rätselt man auch über die Herkunft mancher Rebsorte, die dort seit vielen Jahrhunderten in der sonnendurchglühten Erde des Südens wurzelt. Ob sie nun Uva di Troia heißen, Bombino Nero, Pampanuto, Impigno, Negroamaro, Verdeca, Aleatico oder Primitivo – sie alle zählen zu den autochthonen Gewächsen des „Bel Paese“.

85 Prozent aller Weinberge sind mit ihnen bestockt. Mehr als 400 verschiedene Rebsorten gibt es in Italien. Und der Trend geht eindeutig hin zur „Genuinità“, zum Einzigartig-Echten, zum Unverfälschten. Apulien mag hier als Beispiel für andere Regionen stehen. Keine zweite steht so für ampelografische Vielfalt. Und klingt „Susumaniello“ nicht wie eine Sinfonie aus Erde, knorrigem Rebstock, Meeresrauschen und ganz viel Geschichte?

Urwüchsige Vielfalt

In langen Ausleseprozessen haben sich Rebsorten wie Nebbiolo und Arneis (Piemont), Lagrein (Südtirol), Prosecco (Treviso), Ribolla (Friaul), Verdicchio (Ancona), Sagrantino (Montefalco), Piedirosso (Kampanien, Basilicata), Cannonau (Sardinien), Gaglioppo (Kalabrien), Nero d‘ Avola, Frappato, Nerello Mascalese, Inzolia und Cataratto (Sizilien) oder Fiano und Falanghina (Kampanien) durchgesetzt und gegenüber anderen Sorten als qualitativ überlegen erwiesen. Gerade wegen seiner urwüchsigen Vielfalt ist italienischer Wein weltweit geschätzt und steht auf der Importstatistik in vielen Ländern ganz oben. Auch die Fachbesucher der ProWein suchen an den Ständen der italienischen Aussteller das Besondere, Unverwechselbare fernab des Mainstreams mit Merlot, Chardonnay & Co. Zur nächsten Messe vom 24. – 26. März 2013 werden fast 1000 Rebensaft-Produzenten vom Stiefel erwartet.

Der bekannte toskanische Agronom Stefano Chioccioli ist fest überzeugt, dass sich aus vielen noch unbekannten italienischen Sorten große Weine erzeugen ließen. Wenn es sie bislang noch nicht gibt, „dann nur deshalb, weil die Reben an den falschen Stellen angebaut und falsch behandelt wurden. Niemand glaubte an sie.“
Foto: Das Castel del Monte in den Murge-Hügeln im Norden von Apulien.
Foto: Ehepaar Spagnoletti Zeuli: „Wir glauben an die autochthonen Sorten...“
Foto: Negroamaro Bush Vines
Foto: Nero di Troia 2007
Foto: Olivenernte
Foto: Sebastiano de Corato
Foto: Tenuta Rasciatano
Foto: Cantine Due Palme: sieben Millionen Flaschen Jahresproduktion.
Foto: Weinlese bei Rubino.
Foto: Lesehelferin Tenuta Rubino
Foto: Dario Cavallo mit seinem "Tretarante".

„Wir glauben an die autochthonen Sorten – unsere Vorfahren waren schließlich nicht blöd"

Doch zurück nach Apulien, in die Heimat des vom schwäbischen Staufergeschlecht abstammenden Federico Secondo. In Sichtweite des wohl zwischen 1240 und 1250 erbauten Castel del Monte, dessen Zweckbestimmung ebenso im Dunkel der Geschichte bleibt wie die rätselhafte Raumaufteilung, wächst einer der auch im deutschen Markt erfolgreichsten Weine Apuliens: der Castel del Monte „Vigna Pedale“ von Torrevento. Die Rebsorte, aus der er gemacht wird, die Uva oder auch Nero di Troia, gibt ähnliche Rätsel auf wie die „Steinerne Krone Apuliens“ in der Nachbarschaft. Ob die Rebe tatsächlich aus dem Troja der Antike stammt, darf bezweifelt werden; eher wahrscheinlich ist, dass es eine Verbindung zum Dorf Troia in der Nähe von Foggia gibt.
Die Trauben sind dickschalig, kleinbeerig und ergeben einen ausdrucksstarken, fast lilafarbenen Wein mit Veilchen- und Vanilleduft, viel Frische, Kirsche- und Backpflaumenaromen, kräftig-rustikaler Struktur und hohem Tanningehalt – genau richtig zur schmackhaft-simplen Küche Apuliens, einst als „cucina povera“ geschmäht, heute von Gourmets ob ihrer Genuinität hoch gelobt. Bei einem Abendessen in Pietro Zitos Osteria „Antichi Sapori“ in Montegrosso zum Beispiel kommen statt weit gereister Luxusprodukte heimische Fava-Bohnen, Wildzwiebeln, Zichorien, Orechiette-Nudeln aus geröstetem Hartweizen oder Burrata-Käse und Caciocavallo („Pferdetritt“) auf den Tisch – alles in höchster Qualität.
Nero di Troia hat sich den heißen Sommertemperaturen der Murge angepasst und reift im Weingut Torrevento meist erst Ende Oktober aus. 200 Hektar hat der Bio-Betrieb, der dem Rechtsanwalt Francesco Liantonio gehört, unter Reben; noch einmal 200 kommen auf der Halbinsel Salento hinzu. Der „Vigna Pedale“ hat zuletzt sechsmal in Folge in der italienischen Weinbibel „Gambero Rosso“ die begehrten Drei Gläser für Top-Weine abgeräumt. Trotzdem wird er in Deutschland für weniger als zehn Euro angeboten. „Es ist immer noch unglaublich schwer, Wein aus Süditalien zu höheren Preisen zu verkaufen, egal ob im Norden oder im Ausland“, bringt Oenologe Massimo di Bari das Grundproblem vieler Produzenten aus dem Mezzogiorno auf den Punkt.
Dennoch lassen er und die anderen Autochthonen-Apologeten sich nicht entmutigen. Bei Andria bewirtschaftet die Familie de Corato seit 1950 ein Weingut, das – atypisch für die Region – von Anfang an ausschließlich auf Qualitätswein aus der Flasche setzte. 1971 brachten die de Coratos mit dem „Il Falcone“ – selbstverständlich dem Falkenjagd-Experten Friedrich II. gewidmet – sehr erfolgreich den ersten Markenwein der Region auf den Markt. 30 Prozent Montepulciano im Blend mildern die kantige Wildheit der Uva di Troia. Letztere ergibt, so Juniorchef Sebastiano de Corato, „nie einen Easy-Drinking-Wein, aber genau das macht die Sorte ja so interessant!“ Im Jahr 2000 wagte sich die Familie erstmals an einen reinsortigen Nero di Troia. Der „Puer Apuliae“ („Kind aus Apulien“ war die abschätzige Bezeichnung der deutschen Fürsten für den 17jährigen Friedrich, als der sich anschickte, die Kaiserkrone seines Vaters zurück zu holen) ist ein charaktervoller Tropfen, der nach zehn Jahren Reife noch immer mit feiner Nase, präsenten Tanninen, Frische und Aromen von Leder, Teer, schwarzen Oliven und Räucherspeck glänzt. Ebenso wie der „Vigna Pedale“ zählt auch der “Puer Apuliae“ zu den regelmäßigen Drei-Gläser-Kandidaten im „Gambero Rosso“ und macht deutlich, welches Potenzial im Süden Italiens schlummert. „Wir glauben an die autochthonen Sorten – unsere Vorfahren waren schließlich nicht blöd“, sagt Conte Onofrio Spagnoletti Zeuli, Sprößling eines bei Andria ansässigen Adelsgeschlechtes mit 400 Jahren Familientradition im Rücken. Weißen Fiano baut er an (angeblich der Lieblingswein Federico Secondos), Verdeca, Aglianico, Montepulciano und als Krönung natürlich einen reinsortigen Nero di Troia „Terranera“, sein größter Stolz. Ebenso wie Conte Spagnoletti ist die Familie Porro im nahe gelegenen Barletta mehr noch als für den Wein vor allem als erstklassiger Olivenölproduzent bekannt. Doch seit 2006 hat sich Gian Michele Porro, Besitzer des Landgutes Rasciatano, gemeinsam mit Ehefrau Maria Luisa und Schwager Ferdinando Cafiero Stück für Stück auch einen Namen als Spitzenweinerzeuger gemacht. Mit dem Nero di Troia 2007 gelang gleich der Aufstieg in den Drei-Gläser-Olymp. Star-Oenologe Luigi Moio stand Pate für den Newcomer.
Foto: Lesehelferin Tenuta Rubino

Negroamaro und Primitivo: üppig und alkoholstark

Doch nicht nur im Umland von Friedrichs Castel del Monte kann man in Apulien vinologische Entdeckungen machen, obendrein meist für vergleichsweise kleines Geld. Vor allem die auf der heißen Halbinsel Salento im Süden heimischen Rebsorten Negroamaro und Primitivo liefern vor üppiger Beerenfrucht strotzende Rot- und Roséweine, allerdings selten mit weniger als 14 Prozent Alkohol. Die Herkunft beider Autochthonen liegt – mal wieder – im Dunkel der Geschichte. Beim Negroamaro werden griechische Wurzeln vermutet, der Primitivo soll vom kroatischen Crlenjak abstammen und auf dem Umweg über Süditalien schließlich in Kalifornien zum Zinfandel geworden sein.

Ähnlich dicht und alkoholstark wie letzterer präsentieren sich viele Topweine Apuliens, wie zum Beispiel der Primitivo di Manduria „Es“ von Gianfranco Fino aus bis zu 80 Jahren alten Bush Vines, der wahlweise in 14, 16 oder 17-Grad-Version angebotene Primitivo Gioia del Colle von Filippo Cassano oder der Negroamaro „Patriglione“ von Cosimo Taurino. Auch Genossenschaften, wie etwa die Cantine Due Palme in Cellino San Marco, mit sieben Millionen Flaschen Jahresproduktion ein Multi, zeigen, was qualitativ dank moderner Technologie heute mit autochthonen Sorten möglich ist im Süden. Das vor zwei Jahren gegründete Konsortium „Apulia Best Wine“, ein Zusammenschluss von 26 exportorientierten Betrieben, hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Qualitätsrevolution mit verstärkter Medienarbeit und Präsentationen von Montreal bis Hongkong nach außen zu tragen. Luigi Rubino, Vorsitzender des Konsortiums und seit einigen Jahren auch Aussteller der ProWein: „Apulien bietet so viele spannende Weine aus autochthonen Rebsorten wie kaum eine andere Region in Italien oder anderswo. Das spricht sich so langsam herum.“

Dort, wo die Sonne im Sommer besonders unerbittlich auf die stark eisenoxidhaltigen „Terra Rossa“-Böden brennt, bei Manduria am Ionischen Meer, erzeugt derweil der dickschädelige Eigenbrötler und Quereinsteiger Dario Cavallo in seinem Weingut Mille Una aus uralten Primitivo- und Negroamaro-Stöcken mit Minimalertrag Kreszenzen, die man bei Alkoholgraden von mehr als 18 schon fast als Konzentrat bezeichnen muss. Eigentlich passen solche Tropfen nicht in die heutige Zeit. Aber ein Monument wie Cavallos „Tretarante“ muss das auch nicht.

Thomas Brandl