Das Weinland Chile erfindet sich neu

Foto: Arbedola Weinberge, Aconcagua Costa
Rebpflanzungen in Höhenlagen und im kühlen Klima nahe der Küste sorgen für Kreszenzen mit ganz eigener Identität.

Ricardo, Winzer aus der Maule-Region im warmen Valle Central, weiß, weshalb seine Reben in der fetten Erde auf dem Talgrund wurzeln, wo sie leicht zu bewässern sind und hohe Erträge bringen: „Weiter oben gibt es Frost und weniger Trauben. Das ist nicht gut für uns.“  

Jahrhundertelang war die Lage so klar wie einfach in Chile: Weinberge gehören in die Ebene, dort sind sie leicht zu bewirtschaften und produzieren zumindest ansprechende Weine mit viel Frucht und eher geschmeidig-weichem Tannin. „Es liegt in unserer Mentalität, dass wir immer dem Bewährten folgen und die gleichen Wege gehen, die Andere schon mit Erfolg beschritten haben“, sagt Marcelo Retamal, Chef-Önologe des Vorzeigebetriebes De Martino und einer der profiliertesten Experten des Landes.

Doch die chilenische Weinwirtschaft ist im Umbruch, was unlängst auch auf der ProWein 2013 in Düsseldorf zu sehen war, wo mehr als 50 Unternehmen unter dem Patronat von „Wines of Chile“ und der Exportförderagentur ProChile vertreten waren. Immer mehr Erzeuger im Land gehen neue Wege, legen Weinberge in Höhen jenseits der 1.000-Meter-Marke in den Anden an oder suchen in noch jungen Anbaugebieten wie Elqui, Limari, Leyda oder Aconcagua Costa die Nähe des kühlenden Meeres, um prononciertere, komplexere und weniger alkoholstarke Tropfen zu produzieren.

Das Weinland Chile ist gerade dabei, sich neu zu erfinden als Global Player, dessen Name für nachhaltige Produktion und soziale Verantwortung ebenso steht wie für unverwechselbare Kreszenzen mit ganz eigener Identität. „Cool Climate“ heißt das neue Zauberwort.
Foto: Aldo Olivier Gramola auf seinem Weingut Viña Falernia.
Foto: Weinbau in den Anden.
Foto: Das Team der Vina Falernia.
Foto: Cool Climate-Weinberge im Valle Limarí.
Foto: Valle Limarí ist ein Paradies für mineralische Chardonnays und Sauvignon Blancs
Foto: Neuanpflanzungen im Colchagua-Tal.
Foto: Marcelo Retamal, Chef-Önologe des Betriebes De Martino und Experte.
Foto: Huasos nennt man die Pferdehirten.
Foto: Cueca - chilenische Folklore auf dem Lande.
Foto: Morgennebel im Küstenweinberg.
Foto: Tabalí Vineyards, 29 Kilometer vom Pazifik entfernt.
Foto: Moderne Kellerei von Tabalí.
Foto: 2.200 Jahre alten Felsritzungen von Tabalí aus der El Molle-Kultur.
Foto: Erntearbeiter des Haras del Pirque im Maipo-Tal
Foto: Eduardo Chadwick, Besitzer der traditionsreichen Viña Errazuriz, des Weingutes Arboleda.
Foto: Die neue DO Aconcagua Costa.
Foto: Aconcagua Costa - ein junges Weinanbaugebiet.
Foto: Arboleda-Weinberge Aconcagua Costa.
Foto: Arboleda-Weine
Foto: Maria Luz Marín, Gründerin des angesehenen Weingutes Casa Marín.
Foto: Ein Syrah von Casa Marin.

Die chilenische Weinwirtschaft ist im Umbruch. Das Stichwort: Cool Climate

30 Jahre ist es her, dass Pioniere wie Pablo Morandé das zwischen Santiago und der Küste bei Valparaíso gelegene Casablanca-Tal als neue Weißwein-Destination erschlossen. 6.400 Hektar stehen dort heute unter Reben, vornehmlich Chardonnay und Sauvignon Blanc, aber auch Pinot Noir sowie etwas Riesling und Gewürztraminer. Doch die Suche nach neuen Terroirs in der Höhe oder näher am Meer, dessen Temperatur auch im Sommer aufgrund des kühlen Humboldtstromes nur selten die 15-Grad-Marke erreicht, war damit noch lange nicht am Ende. Im Valle Elqui, ganz im Norden in Ost-West-Richtung zwischen schroffen Andengipfeln gelegen, gründete Aldo Olivier Gramola 1998 sein Weingut Viña Falernia, dessen „Alta Tierra“ Syrah Reserva heute zu den gefragtesten Weinen Chiles zählt und bei den Decanter-Awards 2012 den Titel „Best in Show“ abräumte. Als Önologe fungiert Gramolas Cousin Giorgio Flessati, der aus den italienischen Dolomiten stammt. Extremes Klima ist man dort gewohnt.

Aus dem heißen Valle Central, dem Rückgrat des chilenischen Weinbaus, in die nähe der Küste

Auch im Zentralbereich der sich über 1.000 Kilometer erstreckenden Weinbauzone Chiles geht der Trend in die Höhe. Das Weingut Luis Felipe Edwards hat im Colchagua-Tal auf über 900 Metern Höhe in einem abgelegenen, vorher mit Buschland bestandenen Gebiet größere Neuanpflanzungen mit Cabernet Sauvignon, Syrah, Petit Syrah sowie Grenache, Mourvèdre und Carmenère in Bush Vine-Form angelegt. An steinigen, steilen Hängen, in denen noch nie eine Rebe wurzelte. Ein Land auf neuen Wegen. Im etwas weiter nördlich gelegenen Valle Cachapoal feiert das auf 950 Meter Höge gelegene Weingut Calyptra nicht nur mit Cabernet Erfolge, sondern auch mit frischem, feinrassigem Sauvignon Blanc.

Auch im Maipo-Tal, das für seine stoffigen, ausgeglichenen Rotweine bekannt ist, wachsen die Weinberge immer mehr in die Höhe, um mehr Finesse, Ausdruck und eigenen Charakter auf die Flasche zu bekommen. „Cabernet aus Lagen über 750 Meter ist im Aroma durch viele rote Früchte geprägt, während weiter unten Gewürznoten, Eukalyptus und Menthol dominieren“, sagt Andrés Aparicio vom Weingut Haras del Pirque. Im obersten Teil des Maipo Alto hat das Haus William Fevre Chile unlängst auf über 1.000 Meter Höhe 20 Hektar Cabernet Sauvignon und Malbec angelegt. Chefönologe Felipe Uribe: „Diese Weine haben eine einzigartige Finesse. Zuckergehalt und phenolische Reife gehen perfekt Hand in Hand, so dass wir tolle Trauben mit deutlich geringerem Alkoholgehalt ernten können.“

Auf der Suche nach mehr Frische und Rasse vor allem bei den Weißweinen treibt es ambitionierte Erzeuger seit einigen Jahren immer stärker aus dem heißen Valle Central, dem Rückgrat des chilenischen Weinbaus, in die Nähe der Küste mit ihren konstant kühlen Brisen und deutlich niedrigeren Temperaturen. Das Valle Limarí, mit einem Klima ähnlich wie Marlborough / Neuseeland ausgestattet, hat sich so in der letzten Dekade mehr und mehr zu einem Paradies für äußerst mineralische Chardonnays und Sauvignon Blancs, aber auch für einige rote Sorten gemausert.

Als architektonisches Schmuckstück gilt die moderne Kellerei des Weingutes Tabalí, die am Ende eines langen schmalen Tales 29 Kilometer vom Pazifik entfernt liegt. Wie durch ein riesiges Düsensystem ziehen die nach dem Morgennebel tagsüber von der Sonne erwärmten 180 Hektar Weinberge am Nachmittag den frischen Meereswind an und transportieren ihn bis zur Kellerei im Talschluss. Die 2.200 Jahre alten Felsritzungen aus der El Molle-Kultur verleihen dem „Valle Encantado“ fast schon ein mystisches Gepräge; im angeschlossenen Freiluftmuseum kann man einen Rundgang auf den Spuren der Frühgeschichte unternehmen.
Foto: Arboleda-Weine

"Wir setzen damit einen Benchmark für die Qualität und Authentizität chilenischer Weine in der ganzen Welt."

350 Kilometer weiter südlich ist für einen der ganz Großen der chilenischen Weinszene im September 2012 ein persönlicher Cool-Climate-Traum in Erfüllung gegangen: Eduardo Chadwick, Besitzer der traditionsreichen Viña Errazuriz, des Weingutes Arboleda und Schöpfer des gemeinsam mit Robert Mondavi entwickelten Kultweines Seña. Sieben Jahre nach Anpflanzung der ersten Reben nur zwölf Kilometer vom Pazifik entfernt bekam das neue Anbaugebiet Aconcagua Costa den offiziellen Segen der Behörden als eigene „Denominación de Origen“ (DO).

232 Hektar hat Chadwick dort mit Sauvignon Blanc, Chardonnay, Pinot Noir und Syrah bestocken lassen, alles am Hang und mit unterschiedlicher Sonnenausrichtung: „Wir setzen damit einen Benchmark für die Qualität und Authentizität chilenischer Weine in der ganzen Welt.“ Prompt wurde der Chardonnay Aconcagua Costa 2011 aus dem Hause Errazuriz bei den Annual Wines of Chile Awards (AWoCa) im Januar 2013 als bester Chardonnay des Landes ausgezeichnet.

Doch Chadwick ist nicht der einzige „Grande“, der das außergewöhnliche Potenzial der neuen DO erkannt hat. Aurelio Montes, gleichfalls einer der profiliertesten Köpfe des chilenischen Weinbaues, produziert bereits auf 84 neu angelegten Hektaren Fläche unter anderem einen Sauvignon Blanc, der schon in seinen Namen trägt, welche Ambition dahinter steckt: „Outer Limits“. Der chilenische Weinjournalist Eduardo Brethauer hält ihn für einen weiteren Wegweiser in die Zukunft: „Enorme aromatische Komplexität mit viel Körper, ein Wein, der weniger in der Nase als vielmehr am Gaumen beeindruckt. So etwas gab es früher nicht bei uns.“ Auch Pinot Noir bringt im kühlen Klima von Aconcagua Costa interessante Ergebnisse. Bei Chadwick sitzt deshalb schon seit zwei Jahren Louis-Michel Liger-Belair vom Chateau de Vosne-Ramanée als Berater mit im Boot.

Im Valle de San Antonio, zu dem die vier Untergebiete Leyda, Lo Abarca, Rosario und Malvilla gehören, rücken die Weinberge sogar noch näher ans Meer - bis auf vier Kilometer. In den vergangenen zehn Jahren sind dort viele neue Pflanzungen entstanden, von denen hauptsächlich sehr frische, mineralische Sauvignon Blancs, Chardonnays, Pinot Noirs und Syrahs kommen. Maria Luz Marín, Gründerin des inzwischen hoch angesehenen Weingutes Casa Marín, brach vor zehn Jahren mit dem Dogma, dass Weißwein aus Chile möglichst billig sein muss, um sich auf den Exportmärkten der Welt verkaufen zu können.

Als sie ihren ersten Sauvignon Blanc 2003 auf einer britischen Weinmesse für umgerechnet 30 Euro anbot, wäre sie beinahe für verrückt erklärt worden. Heute hat sie es geschafft. Absatzsorgen kennt die willensstarke Chilenin keine – und dass ihr Wein vor zwei Jahren beim Concours Mondial de Sauvignon Blanc in Frankreich die „Golden Trophy“ einheimste, war für sie mehr als nur späte Genugtuung.

Das eigentlich im Valle de Curicó ansässige Weingut Aresti hat ebenfalls das Potenzial von Leyda erkannt und produziert dort in kleiner Auflage unter dem Namen Trisquel einen vielschichtig-mineralischen Sauvignon, der 2012 bei der Catad'Or Grand Hyatt als bester Weißwein Chiles ausgezeichnet wurde.

Kein Zweifel: Das lange schmale Land in Südamerika hat große Pläne für die Zukunft und ist gerade erst dabei, seine unterschiedlichen Terroirs zu entdecken und sich mit ihnen auseinander zu setzen. Heute schon der fünfgrößte Weinexporteur weltweit, will Chile bis 2020 seine Exporte im Wert auf drei Milliarden US-Dollar verdoppeln. 2012 gab es zwar eine Steigerung um sechs Prozent auf 1,79 Milliarden Dollar, doch diese war zu einem beträchtlichen Teil auf Bulk-Weine zurück zu führen. Mit den neuen Cool-Climate-Kreszenzen gewinnt Chile beständig an Profil – und zeigt der Welt, dass es viel mehr kann als fruchtig und „easy drinking“.

Thomas Brandl