Bio-Wein boomt immer stärker

Die ökologisch bewirtschaftete Rebfläche hat sich in sieben Jahren fast verdreifacht / Trend zur Biodynamie.

Bio boomt. Fast ein Viertel der unter 30jährigen Deutschen kauft regelmäßig Produkte aus ökologischem Anbau, wie vor wenigen Monaten eine vom Bundeslandwirtschaftsministerium in Auftrag gegebene Studie gezeigt hat. Innerhalb eines Jahres wuchs der Anteil der öko-bewussten Konsumenten von 14 auf 23 Prozent.

Auch beim Wein scheint der Bio-Siegeszug nicht zu stoppen: Weltweit hat sich die ökologisch bewirtschaftete Rebfläche von 2004 bis 2011 von 88.000 auf 256.000 Hektar fast verdreifacht. Deutschland liegt mit einem Wachstum von durchschnittlich 25 Prozent pro Jahr und mehr als 7.000 Hektar Fläche weltweit auf Platz sechs. Der Marktanteil von Bio-Wein beträgt zwischen vier und fünf Prozent. Lichtjahre entfernt scheinen die Zeiten, in denen Öko-Winzer von manchen Kollegen als verschrobene Spinner angesehen wurden, die ideologiebedingt eher untrinkbare Kreszenzen keltern. Heute arbeiten viele namhafte Betriebe auf allen Kontinenten nach den Regeln des organischen Landbaues. Und es werden immer mehr. „Aus meiner Sicht“, sagt der Südtiroler Alois Lageder, „sollte die ökologische Landwirtschaft für jeden Qualitätswinzer eine Selbstverständlichkeit sein“.

Laut Forschungsinstitut für ökologischen Landbau (FiBL) hat sich Spanien dank enormem Wachstum vor allem bei einigen großen Genossenschaften in Kastilien-La Mancha jetzt die weltweite Bio-Krone aufs Haupt gesetzt. Rund 80.000 Hektar werden dort inzwischen ökologisch bewirtschaftet. Auf den nächsten Plätzen folgen Frankreich (61.055 Hektar), Italien (52.812), die USA (11.448), die Türkei (8.871) und Deutschland. Den höchsten Öko-Anteil an seiner Gesamtrebfläche hat allerdings Österreich: 9,6 Prozent.

Dass gerade Spanien in punkto Bio-Anbau so boomt in jüngster Zeit, liegt zum einen an den klimatisch günstigen Bedingungen dafür, zum anderen an den reichlich sprudelnden Subventionen aus dem Madrider Agrarministerium. Hinzu kommt sicher, dass Starwinzer wie Alvaro Palacios (Priorato), Raúl Garcia (Bierzo), Sara Pérez (Priorato) oder Miguel Torres (Penedés) mit gutem Beispiel voran gegangen sind und so als „Lokomotiven“ fungieren. Branchenriese Torres hat bereits mehr als 600 seiner 1.800 Hektar umgestellt und will bis in ein paar Jahren komplett ökologisch arbeiten.
Foto: Pflanzenvielfalt im Weinberg Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Öko-Weinberg im Priorat Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Bodenarbeit mit 1 PS Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Alois Lageder Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Alvaro Palacios Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Ecovin-Vorsitzende Lotte Pfeffer-Müller Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Elisabetta Foradori Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Fred Loimer Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Gefüllte Kuhhörner im Boden Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Gernot Heinrich Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Foto: Öko-Weinberg an der Mosel Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Auch auf der ProWein als wichtigster Weinhandelsmesse weltweit ist ein anhaltender Trend zu immer mehr Bio zu beobachten. Im März 2013 präsentierten sich rund 250 Aussteller aus diesem Bereich in Düsseldorf. In Halle 7.1 gab es erstmals sogar eine Sonderfläche „World of OrganicWine“ sowie eine eigene Verkostungszone für prämierte Bioweine. Außerdem fand sich das Thema in zahlreichen Veranstaltungen wieder.

Für die ProWein 2014 rechnet die Messe Düsseldorf mit weiterem Wachstum in diesem Bereich. Beim Absatz für Bio-Weine, so scheint es, ist noch viel Luft nach oben. Laut einer Hochrechnung der Forschungsanstalt Geisenheim gibt es in Deutschland ein Marktpotenzial von 50 bis 60 Millionen Liter – nur etwa die Hälfte davon wird bislang ausgeschöpft. Die Kölner Handelsagentur Smart Wines hat ermittelt, dass generell für Öko-Weine ein höheres Preisniveau akzeptiert wird und etwa die Hälfte der Kunden im Supermarkt bereit sind, für einen Bio-Wein bis zu 25 Prozent mehr auszugeben. Ein weiterer Beleg für den Trend ist für Smart Wines-Geschäftsführer Per Soehlke, dass „Bio-Weine auch in der Top-Gastronomie zuletzt zweistellige Zuwachsraten erzielten“.

Lotte Pfeffer-Müller, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Ökologischer Weinbau (Ecovin), sieht gleichfalls gute Zukunftsaussichten. Ihr Verband, 1985 gegründet und heute mit 220 Betrieben und 1.600 Hektar Fläche die Nummer 1 im Lande, wächst langsam, aber kontinuierlich: „Große Betriebe mit zehn bis 20 Hektar kommen hinzu, Abgänge gibt es nur bei kleinen und Nebenerwerbsbetrieben.“ Mit ihrem Weingut Brüder Dr. Becker in Ludwigshöhe (Rheinhessen) ist Lotte Pfeffer-Müller gleichzeitig Mitglied bei Ecovin und im Demeter-Verband, dessen 46 Betriebe nach der auf Rudolf Steiner zurück gehenden biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise arbeiten. Dabei wird das Ökosystem Weinberg durch vielfältige Fauna und Flora, Kompost und biodynamische Präparate aus Heilpflanzen wie Baldrian, Kamille, Eichenrinde oder Quarz und Kuhmist lebendig gehalten. Auch die beiden Verbände Bioland und Naturland zählen ökologisch arbeitende Winzer zu ihren Mitgliedern, aber etwa die Hälfte der „grünen“ Weinproduzenten in Deutschland ist zum Bedauern von Lotte Pfeffer-Müller nicht in einem Verband organisiert.
Foto: Biologisch-dynamische Präparate Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
In Stetten im Remstal, ganz in der Nähe von Stuttgart, ist eine Idealistentruppe um den Bio-Winzer Jochen Beurer in den letzten vier Jahren noch ein Stück weiter „back to the roots“ gegangen und hat am Steilhang unterhalb der Y-Burg einen Museumsweinberg mit Heunisch, Adelfränkisch, Kleinweiß und 18 weiteren historischen Rebsorten angelegt – terrassiert, ökologisch bewirtschaftet und in traditioneller Dreischenkel-Erziehung, bei der die Reben mit Pfeifengras an ihre Pfosten gebunden werden. 150 Flaschen „gemischter Satz“ hat der Premierenjahrgang 2012 ergeben. Jochen Beurer, Gründungsmitglied der Winzergruppe Junges Schwaben, setzt beim Ausbau seiner Weine im Keller auf „kontrolliertes Nichtstun“. Das Ergebnis sind stets kompromisslose Weine mit Ecken und Kanten. Über das Stettener Museumsweinberg-Projekt ist übrigens in der Edition Randgruppe (Stuttgart) ein Buch erschienen. Sein Titel: „Rettet die Reben“.

War bislang nur der Anbau biologischer Trauben durch die EU-Verordnung 2092 aus dem Jahr 1991 – mit Verzicht auf Kunstdünger und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel – geregelt, greift mit dem Jahrgang 2012 die neue EU-Verordnung 606/2009, die nun auch die Weinbereitung im Keller beinhaltet. Das Schönen und Klären mit Gelatine, Rinderblut, Metaweinsäure oder anderen umstrittenen Mitteln, Umkehrosmose, Kryoextraktion oder Maischerwärmung auf mehr als 40 Grad war zwar für überzeugte Öko-Winzer auch zuvor schon kein Thema gewesen. Aber jetzt sind die Vorschriften auch für die Betriebe außerhalb der Verbände klar geregelt.

Außerdem gelten neue, verringerte Höchstwerte für den Schwefeldioxidgehalt des Weines: 100 Milligramm pro Liter für trockenen Rotwein und 150 Milligramm für Weißwein und Rosé. Die neuen Bestimmungen erlauben es nun, ökologisch erzeugten Wein offiziell als Biowein zu bezeichnen und ihn mit dem neuen EU-Bio-Logo zu versehen. Bisher gab es nur „Wein aus Trauben aus ökologischem Anbau“.

Die größten Öko-Anbauflächen Italiens liegen in Apulien und Sizilien, aber auch in der Toskana ist Bio stark auf dem Vormarsch: Die traditionsreiche Tenuta di Capezzana wandte sich vor kurzem dem Bio-Anbau zu, und auch Barone Ricasoli ist dabei, seine Weinberge umzustellen. Im Norden Italiens sitzen derweil einige der profiliertesten Öko-Erzeuger, wie die Südtiroler Güter Lageder und Manincor, die Piemonteser Erbaluna, Punset und Nuova Cappelletta, Perlage und Mont‘ Albano im Veneto, Radikon im Friaul oder Elisabetta Foradori aus dem Trentino.
Foto: Lese im Öko-Weinberg Quelle: Ecovin, Demeter, Gerd Kressel / Smart Wines und Andrea Scaramuzza
Letztere hat vor gut zehn Jahren komplett auf Biodynamie umgestellt, seit 2011 vollzieht sie diesen Schritt auch in ihrem Gut Ampeleia in der Maremma. „Mit der Natur zu arbeiten und nicht gegen sie, hat meine Sensibilität und meine Fähigkeit zuzuhören verändert – die Reise zurück zu Mutter Erde ist keine einfache, aber die Trauben und Weine, die wir heute produzieren, drücken die wahre Essenz des Landes aus.“

Jenseits des Alpenbogens, im Bio-Musterland Österreich, hat sich unter Führung von Fred Loimer aus Langenlois 2007 die Winzergruppe „Respekt“ gegründet, die sich gleichfalls komplett der Biodynamie verschrieben hat. Zu ihren 13 Mitgliedern zählen prominente Namen der österreichischen Weinszene, wie Paul Achs, Judith Beck, Andreas Gesellmann, Gernot Heinrich, Hans und Anita Nittnaus, Bernhard Ott und Fritz Wieninger. Die meisten von ihnen sieht man jedes Jahr auf der ProWein – ebenso wie die Öko-Pioniere Christine und Nikolaus Saahs vom Nikolaihof oder Josef und Ilse Maier vom Geyerhof .

Auch in Frankreich sind die „grünen“ Weine auf dem Vormarsch. Bio-zertifiziert sind bereits acht Prozent der Rebflächen, letztere haben sich in den vergangenen vier Jahren fast verdreifacht. Ein knappes Drittel der Öko-Anbaufläche entfällt auf das Languedoc-Roussillon, aber auch das Rhonetal und Bordeaux wachsen sehr stark in jüngster Zeit. Die beiden Départements mit der größten Bio-Rebfläche sind heute Vaucluse und Gironde. Mit einem prozentualen Anteil von 39,4 Prozent ist freilich das südliche Korsika am weitesten bei der Bio-Wende. Im Nordosten der „Grande Nation“, im Elsass, hat sich in den letzten zehn Jahren gleichfalls ein großer Wandel vollzogen: Ein Achtel der Weinberge wird inzwischen biologisch bewirtschaftet, und auch zwischen Rhein und Vogesen geht der Trend zur Biodynamie.
Foto: Dynamisierung
„Sie entwickelt sich deshalb so stark, weil die Leute sich ihrer positiven Auswirkung auf die Qualität bewusst geworden sind“, sagt der Pionier André Ostertag aus Epfig. Für die Zukunft sieht er sie als „einzige Alternative für die Landwirtschaft“. Auch der Präsident des Elsässer Winzerverbandes, Remy Gresser, hat sich 2004 dieser Wirtschaftsweise verschrieben. Mit Olivier Humbrecht, Marcel Deiss, Jean-Pierre Frick, Marc Kreydenweiss, René Muré und Colette Faller mit ihren Töchtern Cathérine und Laurence von der Domaine Weinbach stehen ihm prominente Namen zur Seite an der Öko-Front.

200 Kilometer südwestlich, in der Bourgogne, erzeugt mit dem Weinhaus Joseph Drouhin einer der Großen der Brancheschon seit 1997 auf seinen eigenen Flächen Bio-Weine nach den Richtlinien von „Ecocert“ – verzichtet aber auf die entsprechende Deklarierung. „Mehr Gleichgewicht und mehr Terroir“, bescheinigt Frédéric Drouhin seinen Bio-Weinen.

Zwar liegen 89 Prozent der weltweit zertifizierten Öko-Rebflächen in Europa, aber der mit Abstand größte Einzelbetrieb befindet sich am anderen Ende der Welt, in Chile. Die zur Concha y Toro-Gruppe gehörende Viña Emiliana bewirtschaftet 630 Hektar biodynamisch und weitere 370 Hektar im klassischen Bio-Anbau. In der Neuen Welt gelten eben andere Dimensionen.

Thomas Brandl