Auf dem Weg in die Königsklasse - Spätburgunder aus Deutschland

Rotwein aus Deutschland war bis vor einiger Zeit international kaum bekannt. Erst recht nicht der edle Spätburgunder. Doch zwischen Ahr und Kaiserstuhl sind große Flächen mit der Sorte bestockt. Groß gemacht haben ihn wenige Avantgardisten. Die besten Weine gehören zum Feinsten, was Deutschland zu bieten hat.

Darf man sich über den Klimawandel freuen? Das klingt ein bisschen gemein, wenn man bedenkt, welche Probleme er mancherorts bereitet. Für den deutschen Wein bedeutet das wärmere Wetter allerdings bis jetzt mehr Gutes als Schlechtes. Und das gilt umso mehr für den Spätburgunder. „Der ist schließlich bestens an die hiesigen Bedingungen angepasst“, erklärt Hansjörg Rebholz, Winzer aus der Pfalz. Doch ist er recht unterschiedlich über die Anbaugebiete verteilt.

Baden gehört als einziges deutsches Anbaugebiet zur europäischen Weinbauzone B, in der auch die zwei Autostunden entfernte Bourgogne und die Loire liegen. Im äußersten Südwesten der Bundesrepublik ist Spätburgunder die Leitrebsorte und die Fläche mit fast 5900 Hektar größer als die von Neuseeland oder Italien. Der Kaiserstuhl mit seinen Vulkanischen Böden ist eine der bekanntesten Lagen. Große Bedeutung hat die Sorte aber auch in der Ortenau, am Tuniberg und im Breisgau.
Foto: Steile Hänge an der Ahr
Foto: Der Ort Altenahr
Foto: Lage Marienthaler Trutzenburg
Foto: Der Winzer Werner Näkel
Foto: Spätherbstszene an der Ahr
Foto: Steilhänge mit verschiedenen Rebsorten
Foto: Kloster Marienthal
Foto: Keller Kloster Marienthal
Foto: Altes Fass im Keller Kloster Marienthal
Die Anbausituation prägen Genossenschaften, die 75 Prozent des Weins erzeugen. Zusammenschlüsse wie der Badische Winzerkeller in Breisach verarbeiten die Trauben in 160-Millionen-Liter-Tanks und gehören zu den größten Europas. Mit achtbaren Qualitäten punkten aber derzeit besonders kleinere Zusammenschlüsse, wie die Winzergenossenschaften in Sasbach oder Oberkirch in der Ortenau. Vorbilder finden sie in privaten Winzern. Betriebe wie Heger in Ihringen, Huber aus Malterdingen Salwey in Oberrottweil waren Vorreiter und orientierten sich an der Bourgogne.
Foto: Rebschnitt

Klein, aber vom Feinsten

Das benachbarte Württemberg ist mit 70 Prozent Rotwein-Anteil das einzige deutsche Weingebiet, in dem die Roten überwiegen. Platzhirsch ist der eher leichte Trollinger als Bestandteil der Alltagskultur. Auf Spätburgunder entfallen noch immer elf Prozent. Viele Winzer legen jedoch mit ihren Qualitäten zu. Einen ähnlich hohen Spätburgunder-Anteil hat das Rheingau (12,2%), nur unter entgegengesetzten Vorzeichen. Die Region ist zu 85 Prozent mit Weißwein bestockt. Vor allem in dem Ort Assmannshausen und seinen Schieferhängen gibt es erstklassige Terroirs für den Pinot. Namen wie Breuer, Kühn, Leitz und Weil stehen für Spitzenweine.

Das große Anbaugebiet Rheinhessen hat zwar bundesweit die drittgrößte Anbaufläche für Spätburgunder (1400 Hektar). Doch auf der regionalen Rangliste rangiert er nur auf Platz sechs hinter Dornfelder und Portugieser, die einfacher im Anbau und höher im Ertrag sind. Rheinhessen gilt schon seit einiger Zeit als Deutschlands dynamischste Region, und es gibt genügend Winzer, die sehr gute Weine aus der Sorte machen, allen voran Klaus Keller. Junior-Chef Klaus Peter Keller hat in der Bourgogne gelernt und seine Weine von den elterlichen Muschelkalkhängen stehen für angewandtes Wissen.

In der weißweindominierten Region Pfalz sieht es mit sieben Prozent Spätburgunder nicht viel anders aus. Andererseits sitzen hier einige Pioniere wie Knipser, Kuhn und Friedrich Becker. Sie verabschiedeten sich teils schon in den siebziger Jahren von den damals mächtigen Genossenschaften, weil sie daran glaubten, dass ihre Kalk-Lehmböden zu mehr taugen. Die sonnenverwöhnte Region, wo viele Winzer ein Feigenbäumchen auf dem Hof haben, konzentriert sich schon lange auf Rotweine. Spitzenerzeugnisse aus Spätburgunder haben eine gewisse Tradition, müssen sich aber gegen Dornfelder, Cabernet Sauvignon, Merlot und Sankt Laurent durchsetzen.

In fast allen anderen Anbaugebieten taucht der Spätburgunder in der Statistik erst weiter hinten auf und spielt mengenmäßig eine geringe Rolle. Dabei stechen immer wieder Einzelwinzer heraus, wie etwa Paul Fürst aus Franken. Auch er zählt seit den 1980er Jahren zur Avantgarde und hat den Talkessel Centgrafenberg mit seinen verwitterten Buntsandsteinböden zu einem der allerbesten Terroirs in Deutschland gemacht. Kollegen wie Markus Molitor von der Mosel entschieden sich zwar später für die Rebsorte, stellten aber bald beachtliche Weine vor.

Bleibt noch die Ahr, eins der nördlichsten Weinanbaugebiete der Welt und die bedeutendste Region für hochwertige Spätburgunder, obwohl das Mini-Anbaugebiet nicht mal ein halbes Prozent zur deutschen Weinernte beisteuert. Die Ahr bahnt sich ihren Weg durch Grauwacke, Schiefer, Lösslehm und Dolomit. Wind- und regengeschützte Täler, Wärme reflektierende dunkle Steinböden und die ausgleichende Wirkung des Flusslaufs sorgen für ein deutlich besseres Klima als im Umland. An jeder Flussschleife entsteht ein kleiner Wärmekessel. Betriebe wie Meyer Näkel, J. J. Adeneuer, Deutzerhof und Jean Stodden gehören mit ihren komplex-mineralischen Weinen zur absoluten Spitze.
Foto: Fasskeller Ahr

Mit Wissen zum Wunder

Wein getrunken wurde am Rhein und seinen Nebenflüssen schon vor 2500 Jahren. Keltische Waffenhändler importierten ihn wahrscheinlich aus Griechenland. Die Römer brachten schließlich den Anbau in die Provinzen am damaligen Rand ihres Herrschaftsbereichs. Sie gruben erste Rebterrassen in den Löss des Kaiserstuhls und machten die Mosel zu einem der größten Anbaugebiete nördlich der Alpen.

884 pflanzte Karl der Dicke, ein Enkel Karls des Großen, im Bodmaner Königsweingarten am Bodensee mutmaßlich die erste Rebe Spätburgunder in den eiszeitlichen Verwitterungsboden. Zisterzienser Mönche brachten die Sorte bis zum 14. Jahrhundert aus dem Burgund nach Kloster Salem und Affental. In der Folgezeit eroberte sie die Anbauregionen rheinaufwärts bis zur Ahr.

Nach schwierigen Bedingungen über mehrere hundert Jahre schlug für den Spätburgunder nach dem II. Weltkrieg die Stunde Null. Flächendeckend rekultivierten viele Winzer ihre brach gefallen Hänge mit Massenträgersorten und reichlich Agrar-Chemie. Im Ergebnis ging es vor allem um viel Ertrag mit viel Zucker. Eine Fehlentwicklung, die durch eine Reform von 1971 fatalerweise noch in ein Gesetz gegossen wurde. Nebenbei wurden wertvolle Lagennamen auf Bereiche ausgeweitet, die mitunter kilometerweit entfernt waren.

Auf diesen qualitativen Tiefpunkt fällt eins der Erweckungserlebnisse, das den deutschen Wein für immer veränderte. Anfang der achtziger Jahre beschloss der gelernte Gymnasiallehrer Werner Näkel, das Weingut seiner Eltern in Dernau an der Ahr zu übernehmen und gönnte sich eine Reise zu Henri Jayer von Vosne-Romanée in der Bourgogne. Näkel war angesichts der Qualität und der unterschiedlichen Arbeitsweisen „völlig platt“, erinnert er sich noch heute. Er kaufte Barriques und Klone, begann mit Laubarbeiten, grüner Ernte, las phenolisch reife Trauben. Ertragsreduzierung war zu der Zeit in Deutschland so gut wie unbekannt.

J. J. Adeneuer, Deutzerhof, Jean Stodden, einer nach dem anderen reisten sie ins Burgund und machten ihre eigenen Fortschritte. Längere Moststandzeiten, Ausbau in kleinen Fässern, kurz die modernen Maßnahmen für den Qualitätsweinbau etablierten sich. Vorzugsweise auf Muschelkalkböden ergeben die Burgunder mit ihrer komplexen Mineralität im besten Fall monumentale Weine. Das verbesserte Wissen der Winzer war ein Schlüssel zum Erfolg, der gern „Rotweinwunder“ genannt wird.
Foto: Unbeschnittene Reben nach der Ernte

Veränderter Anbau, verändertes Klima

1980 entfielen gerade mal 3,8 Prozent der Anbaufläche auf Spätburgunder. Mit 11.800 Hektar ist es heute etwa jeder achte Rebstock in Deutschland, Tendenz steigend. Spätburgunder hat ertragsstarke Varietäten wie Dornfelder und Portugieser überholt und liegt hinter Riesling und knapp hinter Müller-Thurgau, dessen Bestand seit Jahren zurückgeht.

International gibt es noch mehr Spätburgunder nur in den USA (21.000 ha) und dem Mutterland des Pinot, Frankreich (31.000 ha). Macht Weltranglistenplatz drei für Deutschland. Die dünnhäutigen Beeren sind allerdings anfällig für Krankheiten. Schlechten Wetterverlauf nehmen sie äußerst übel, und der ist in Deutschland gar nicht mal so selten. Besser gesagt war.

Bis ins Jahr 1987 gab es mindestens 30 Prozent sehr schlechte Jahrgänge. „Seitdem reifen die Trauben immer voll aus“, erklärt Laut Prof. Schultz auf einer Klimakonferenz deutscher Winzer. In den letzten vierzig Jahren stieg die Temperatur um etwa 1,4 Grad, die letztlich den Ausschlag gaben. Andererseits kämpfen die Winzer mit den bekannten Nebenwirkungen wie hohen Alkoholgehalten. „Ein Spätburgunder darf eigentlich nicht mehr als 13 Prozent haben“, sagt Monika Christmann, Professorin für Kellerwirtschaft. Die üblichen Maßnahmen von weniger Blattmasse bis zur Reduktion des Zuckers im Most sollten aber vorerst ausreichen.

Eine weitere Folge des Klimawandels sind Extremwetter-Ereignisse, die auch in Deutschland ruppig ausfallen. 2011 führte ein harter Mai-Frost in der Pfalz, Rheinhessen, Franken and Württemberg zu empfindlichen Ernteeinbußen. „Jetzt macht uns die Essigfliege zu schaffen“, klagt Patrick Johner aus dem badischen Bischoffingen. Der neu eingewanderte Schädling sorgt für ebenfalls für Ernteausfälle. „Dadurch wird der Rotwein dieses Jahr etwas teurer.“
Foto: Der Ort Oderbergen

Neue Ufer für unbekannten Wein

Mit dem wärmeren Wetter lohnt die Kultivierung aufgegebener Flächen wie der „Berlacher Steillage“ im badischen Eschbachtal wieder, aber auch von Standorten außerhalb der klassischen Anbaugebiete. Das Weingut Kirmann im Harz konnte schon Erfolge bei Wettbewerben wie dem Deutschen Spätburgunderpreis einfahren. Von Niedersachsen über Brandenburg bis in die Lausitz wächst bereits Pinot Noir, wo Kalkfelsen, Schwemmböden oder Kieskuppen klimatische Inseln bilden. Die Anbaugrenze verschiebt sich bis an die Ostseeküste. Die Länder Brandenburg und Schleswig-Holstein haben bereits Landweinverordnungen erlassen, Dänemark einen Weinbauverein gegründet.

Auch die Wertschätzung hat sich deutlich gesteigert. Noch um die Jahrtausendwende war Spätburgunder für mehr als zehn Mark (5 €) im Lebensmittel-Einzelhandel so gut wie nicht zu finden. Heute bedienen sich Liebhaber in jedem besseren Supermarkt. Doch auf dem bunten Importmarkt geben sich deutsche Weintrinker recht wechselhaft. Eine Studie des Deutschen Weininstituts (DWI) 2013 ergab, dass vier von fünf finden, „das Schöne am Wein“ sei die Vielfalt. Hauptabsatzkanal in Deutschland sind die allgegenwärtigen Discounter, was Aldi zum größten Weinhändler der Nation macht. Das badische Weingut Franz Keller platzierte dort einen Spätburgunder und durfte sich über gute Geschäfte freuen. Mit sechs Euro war der Preis für die Verhältnisse exorbitant.

Besonders gefragt sind die Spitzen-Spätburgunder, die oft direkt von Stammkunden gekauft werden und gar nicht erst in den Handel kommen. Die Winzer leben erwartungsgemäß gut davon. 83 Prozent erweiterten in den letzten 15 Jahren ihre Anbauflächen. Zwei Drittel davon freute sich auch über größere Nachfrage, fand Anne Krebiehl (MW) in ihrer Dissertation “The Future of Premium German Pinot Noir” am Institute of Masters of Wine in London heraus. Ebenfalls seit der Jahrtausendwende geht das mit einem enorm positiven Presseecho einher.
Foto: Die Stadt Baden am Bodensee
Foto: Der Kaiserstuhl im Abendlicht
Foto: Picknick am Kaiserstuhl
Foto: Kaiserstuhl-Terrassen
Foto: Vulkangestein des Kaiserstuhls
Foto: Die Stadt Heidelberg
Foto: Keller der neuen Kellerei
Foto: Der Ort Oderbergen

„Duitsland is hot“

International war das nicht immer so. „Deutscher Pinot Noir ist ein grotesker, grauenhafter Wein, der wie der fehlerhafte [...] Burgunder eines unfähigen Winzers schmeckt“, fluchte Robert Parker 2002. Wie tief er zu dem Zeitpunkt im Thema war, ist nicht sicher. Sein Deutschland-Verantwortlicher David Schildknecht bekannte noch 2013, dass er deutsche Spätburgunder „bisher fast sträflich vernachlässigt“ habe.

Im Wettbewerb mit anderen Pinot Noir-Ländern ist schon der Begriff „Spätburgunder“ mit seinen vielen Konsonanten und dem Umlaut ein Problem. Das typisch deutsche Etiketten-Chinesisch macht es nicht besser. Der Ausdruck „Pinot Noir“ auf dem Label ist zwar erlaubt, aber nur eine kleine Minderheit nutzt das. Erfolge gibt es dennoch. Die Benelux-Länder und Skandinavien sind gute Kunden, USA und England immerhin interessiert.

Die Aufmerksamkeit internationaler Journalisten ist Gold Wert, auch wenn sie ihren Lesern immer wieder sagen müssen, dass die Weine, wenn überhaupt, nur selten und teuer zu haben sind. Viele Winzer sind etwas unwillig beim Auslandsgeschäft. Doch anerkennende Worte wie „aufgehender Stern“, „Pinot-Paradies“ und „Deutschlands rote Revolution“ fallen regelmäßig. Allen voran Jancis Robinson findet oft Lob für den „schlafenden Giganten“.

Mehrere Decanter Wine Awards und Medaillen auf der „Mondial du Pinot Noir“ gingen schon nach Deutschland. Ein Vergleich von je zwanzig deutschen und internationalen Pinot Noirs in London endete mit sieben Spätburgundern in den Top Ten. Ausschließlich asiatische Juroren auf der vom DWI initiierten „Pinot Noir Challenge“ in Hongkong wählten gleich acht Spätburgunder unter die ersten zehn.

Immer wieder werden die Spätburgunder auch mit Weinen aus der Bourgogne verglichen. Und obwohl sich die dortigen Winzer wohl Besseres vorstellen können als noch einen Konkurrenten auf ihrem Feld, gibt es anerkennende Worte. „Ich habe einige deutsche Pinots noirs verkostet und einige waren wirklich sehr gut“, sagt niemand geringerer als Aubert de Villaine von Romanée-Conti. „Großartig an Pinot ist, er ist mit der Bourgogne verheiratet, kann aber auch in anderen Betten schlafen.“

Matthias Stelzig